Da sie sich wie ich für Gender Studies zu interessieren scheinen, schreibe ich Ihnen ein paar Zeilen. Wir haben unterschiedliche Ansichten zu Gender Studies: Sie stören sich an dieser Disziplin, ich halte sie für sehr wichtig. Darüber möchte ich nicht streiten (auch wenn ich der Meinung bin, besser Argumente als Sie zu haben).
Worüber ich streiten möchte, ist Ihre Art der Auseinandersetzung mit Argumenten und Kritik. Die halte ich für beschämend. Sie, Herr Martenstein, haben vorgelegt: Sie geben vor, alle Ihre Kritikerinnen und Kritiker könnten in Ihrem Text keinen einzigen Fehler finden und würden Sie beschimpfen, statt Sie zu kritisieren.
Diese Kolumne ist denen gewidmet, die sich über mich ärgern. Ich will euch helfen. Ich will, dass ihr in eurer Argumentation besser werdet und mir Schwierigkeiten macht. Warum? Damit ich gefordert werde. Das wollt ihr im Grunde doch auch.
Solche Sätze sind herablassend und ignorant: Es gab und gibt viel sachliche Kritik an Ihrem Text. Zum Beispiel hier. Aber statt sich mit Argumenten auseinanderzusetzen, ziehen Sie sich zurück und spielen von Ihrem Kolumnistenposten aus ein feiges Spiel: Die Leserinnen und Leser kennen die Zuschriften nicht, die Sie bekommen haben.
Und Sie, Herr Fleischhauer, nehmen den Ball von Herrn Martenstein auf. Weil ein Band der Böll-Stiftung zu Gender und Wissenschaftlichkeit zwei Journalisten sachlich kritisiert - Herrn Martenstein und Herrn Pfister - fühlen Sie sich gemüssigt, über eine Broschüre zu schreiben, ohne auch nur einen Satz daraus zu zitieren (z.B. den: »Eine Brücke ist offensichtlich konstruiert und doch ist sie real«, S. 41). Stattdessen ziehen Sie einfach eine beliebige Studie von Simon Baron-Cohen heran, um irgendwie zur Unterstellung zu gelangen, die Gender Studies würden darauf keine Antwort kennen. Sie und Herr Martenstein können es sich leisten, keine Ahnung von den Methoden oder Wissenschaftsstandards der Gender Studies zu haben, aber dennoch darüber zu schreiben. Hätten Sie in der Böll-Studie bis Seite 42 gelesen, hätten Sie zum Beispiel folgende Sätze gefunden:
Es geht hier offensichtlich nicht um die bessere wissenschaftliche Methode der Naturwissenschaften, sondern darum, dass die soziale Geschlechterordnung als unveränderliche Natur beschrieben werden soll. Damit erhält die Forderung nach objektiven, angeblich interesselosen Naturwissenschaften eine normative Aufladung. Denn die Forderung, dass die Geschlechterordnung so bleiben solle, wie sie ist, ist ebenso normativ wie die feministische Forderung nach Veränderung der Geschlechterverhältnisse.
Aber wahrscheinlich geht es Ihnen nur darum, billige Punkte bei Lesern (und vielleicht auch Leserinnen) zu sammeln, die gerne bestätigt bekommen, dass sich nichts ändern muss und alle, die das anders sehen, irr seien oder zumindest selbstbezogen.
Neben den Vorschlag, Ihre Arbeit als Journalisten zu machen und in einer Auseinandersetzung mit den Grundlagen der Gender Studies relevante Argumente herauszuschälen, statt Scheinargumente heranzuziehen und daraus eine billige Polemik zu konstruieren, möchte ich einen zweiten stellen: Führen Sie doch unter einer kundigen Leitung ein Gespräch mit zwei Professorinnen der Gender Studies über all die Themen, die Sie beschäftigen. Das wäre deutlich mutiger, als in Ihre Kolumnen zu füllen.
