Zu Weihnachten – Interview mit Marlies Bänziger

Kompliment an Daniel Ryser und vor allem an seine Interviewpartnerin Marlies Bänziger: Ein sensationelles Interview zur »Schweizer Malaise« heute in der WoZ. Scharf gedacht, prägnant formuliert, weitsichtig, vernetzt und besorgniserregend in dieser Klarheit – solche Poltikerinnen wünsche ich mir mehr: Hier bitte lesen. Und danke, Frau Bänziger.

Das peinlichste Interview des Jahres – Christoph Landolt befragt Roger Köppel

Newsnetz hat eine denkwürdige Wahl verantstaltet: »Wer ist der Klügste im ganzen Land?« Resultat: Roger Köppel ist total klug, während von den 20 der am wenigsten Kluge Martin Meyer, immerhin Feuilletonchef der NZZ (aber daher vielleicht den Newsnetz-Usern unbekannt), zu sein scheint.
Nicht genug mit der Wahl: Christoph Landolt interviewt denn Roger Köppel auch gleich:

Herr Köppel, wer ist für Sie der grösste Intellektuelle der Schweiz?
Lebend oder tot? Wer ist der grösste Intellektuelle? Dürrenmatt, aber der lebt nicht mehr… (denkt nach) Sagen Sie es mir.
Sie sind es. Die Leser von Tagesanzeiger.ch/Newsnetz haben Sie mit 18 Prozent zum grössten Schweizer Intellektuellen gewählt. Wir gratulieren.
Tatsächlich? Hervorragend, vielen Dank, offensichtlich hat Tagesanzeiger.ch/Newsnetz kluge Leser (lacht).

Schon nur diese zwei Turns sagen eigentlich alles: Die Frage »wer ist für Sie…« beantwortet Köppel mit »sagen Sie es mir«, um dann heuchlerisch so zu tun, als hätte er es gar nicht gewusst: »Tatsächlich?«. Tatsächlich hat Weltwoche mit ihrem Twitteraccount die Umfrage gestern intensiv beworben:
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Das Interview geht dann aber noch weiter: Newsnetz drängt Köppel in die Rolle eines Vordenkers der »rechten Intellektuellen«, nennt linke Intellektuelle »Pseudo-Intellektuelle« und befragt Köppel nach seinem Musikgeschmack, während der die Vorlage dankbar aufnimmt, die Weltwoche als »Plattform für ein intellektuelles Millieu« bezeichnet, die Redaktionen anderer Publikationen mit der Inquistion vergleicht und zum Schluss einen Seitenhieb auf den »Wikipedia-Wächterrat« anbringen darf – wo doch er der Manipulator der Wikipedia ist.
Einmal mehr: Newsnetz (bzw. der Tagi?) agiert auf einer dümmlich-populistisch-rechten Schiene, was System zu haben scheint, und Köppel repräsentiert diese dümmlich-populistisch-rechte Schiene mit Freuden.

Clint Eastwood – Koeppel führt ein »Kreuzverhör«

Nach der Kränkung, die Roger Köppel durch die Ausladung aus der Arena erfahren hat, erscheint nun heute in der Weltwoche das große Interview mit Burkhalter. Nein, kein Interview, ein »Kreuzverhör« führen Urs Paul Engeler (zweiter Vorname ausgeschrieben!) und Roger Köppel durch. Sie vertreten wohl in diesem Prozess den »Freisinn« und wollen nun herausfinden, ob sich Didier Burkhalter des Nicht-Freisinns schuldig gemacht hat.
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Nach der Lektüre dieses Interviews bewundere ich Burkhalter, nachdem ich zunächst gedacht habe, er sei eine mediokre Wahl (und am Sonntag sogar (hier) eine katholische Predigt mit dem Inhalt Didier Burkhalter gehört habe, was vielleicht zu diesem Eindruck beigetragen hat). Auf die oft abstruse Zusammenhänge beschwörenden Fragen antwortet er rhetorisch sensationell:

Nein, das ist falsch.
Von mir aus können wir nächste Woche zusammen in die «Arena» gehen.
Ich habe das schon intensiv diskutiert.
Sie wollen zu einseitige Antworten.
Es ist komplexer.
Ich muss natürlich aufpassen, was ich sage, weil ich bereits für den Bundesrat spreche.
Das stimmt nicht.
Das glaube ich nicht.
Es stimmt nur zum Teil.
Das ist Polemik.
In dieser Absolutheit würde ich den Satz nicht unterschreiben.
Sie suchen etwas zu weit. Ich bin nicht so komplex.

Die Frage: »Wie freisinnig ist der neue FDP-Bundesrat Didier Burkhalter?« kann, folgt man Koeppel, offenbar an folgenden Punkten gemessen werden:

  1. Viel Staat oder wenig Staat, wobei viel Staat Sozialwerke, wenig Staat keine Sozialwerke heißt.
  2. Banken verkleinern (das sollte wohl ohne Staat gelingen).
  3. Keine Auslandeinsätze des Militärs.
  4. Keine Annäherung an die EU.

Dass das keine freisinnige Haltung ist, sondern der Ausrichtung der Weltwoche entspricht, gibt Burkhalter ganz fein zu verstehen: »Aus dem Sekretariat habe ich vernommen, die «Arena» habe Experten einladen wollen, Sie aber, Herr Köppel, seien kein Experte, sondern fast schon ein Politiker.«

Die wirren Aussagen Köppels zur IV-Vorlage und Ähnlichem können getrost unkommentiert bleiben, wer von »Leistungsgesellschaft« und von einer Ausdehnung des »Begriffs Krankheit« redet, hat wohl zunächst nicht verstanden, dass es bei der Vorlage um eine Sanierung der IV geht und nicht um eine Ausdehung ihrer Zahlungen, und darüber hinaus keine Vorstellung davon, was es heißt, invalide zu sein.

Aber der Schluss des Interviews muss im Wortlaut wiedergegeben werden:

In Interviews haben Sie Ihre Faszination für den Action-Schauspieler Clint Eastwood erwähnt. Eastwood verkörperte mundfaule Revolverhelden, die im Ernstfall das Recht mit der 45er-Magnum durchsetzen. Lebt der Konsenspolitiker Burkhalter mit Eastwood seine tiefsten, unerfüllten Machtfantasien aus?

Sie suchen etwas zu weit. Ich bin nicht so komplex. Eastwoods beeindruckendster Film handelt von den Amerikanern und den Japanern im Zweiten Weltkrieg. Die gleiche Schlacht wird aus doppelter Perspektive erzählt. Dieses Einfühlungsvermögen ist unglaublich.

Köppel (oder Engler) weiß offenbar nicht, dass Eastwood wirklichen Erfolg erst als Regisseur gehabt hat (und auch in den 70er-Jahren eine Rolle gespielt hat). Als ursprünglicher Republikaner und Unterstützer von Nixon hat sich seine politische Haltung gewandelt: Er ist weiterhin gegen zu starke Ausgaben des Staates, aber für Gratismedikamente, ist für persönliche Freiheiten, auch das Recht auf Abtreibung, und als Kriegsgegner aufgetreten. Er ist sogar für moderate Kontrolle im Bereich Waffenbesitz, sagt aber über sich selber, er sei »too individualistic to be either right-wing or left-wing« [Quelle]. Und das ist doch mal eine schöne politische Haltung, die sich Herr Köppel an der Stelle der unsäglichen Sozialismusvergleiche und -vorwürfe mal durch den Kopf gehen lassen könnte.