Was sich ändern muss

Im Anschluss an meinen Post zum Frauentag hat sich in den Kommentaren eine rege Diskussion ergeben. Zum Schluss ergab sich so die Frage, weshalb eigentlich alles so ist, wie es ist – weshalb das Leben in unserer Gesellschaft generell einfacher ist, wenn man ein Mann ist:

Und – immer die gleiche Frage – wer verhindert das? Sind das nicht einfach individuelle Entscheide, die die Menschen in ihren Lebenssituationen treffen? Was habe ich mit dieser Realität zu tun? Was müsste sich denn Ihrer Meinung nach konkret ändern, damit das “besser” wird?

Dazu möchte ich kurz Stellung nehmen.

Das Perfide an solchen sozialen Phänomenen ist ja gerade, dass es uns vorkommt, als seien wir frei und würden Zustände in autonomen Entscheidungen herbeiführen. Ein Beispiel – die Familienformen bei Familien mit Kindern unter 6 Jahren (Quelle, pdf):

Man würde sagen: »All diese Familien haben selbst entschieden, welches Modell für sie am besten ist. Offenbar möchten viele Frauen lieber bei den Kindern bleiben und viele Männer möchten gerne Vollzeit arbeiten. Sollen sie doch, wenn sie das so wollen.«

Das ist Quatsch. Eine Reihe von Faktoren beeinflussen diesen Entscheid: Z.B. die Höhe der Löhne, die Erwartungen an den Partner und die Partnerin, soziale Akzeptanz, Verfügbarkeit von externer Kinderbetreuung etc. Damit wird klar, dass die freie Entscheidung durch politische, soziale, wirtschaftliche, psychologische und, von mir aus, auch biologische Faktoren beeinflusst, wenn nicht gar verunmöglicht wird.

Man kann viele Beispiele so analysieren und kommt zum selben Ergebnis: Junge Frauen haben nicht deshalb häufig Körper, die den Normvorstellungen entsprechen, weil sie das gerne möchten, sondern weil sie sonst nicht akzeptiert werden, nicht geliebt werden, für dumm und faul gehalten werden und eine radikal eingeschränkte berufliche Zukunft haben. An den Gymnasien gibt es keine dicken Mädchen. Auch hier wieder: Politische, soziale, wirtschaftliche, psychologische und biologische Vorgaben.

Aber eigentlich wollte ich ja festhalten, was wir tun können. Hier also eine kleine Liste – gerade für die Schweiz, die in Bezug auf Gleichstellung ein absolut rückständiges Land ist, aber von sich denkt, eine Art Frauen- und Männerparadies zu sein, besonders wichtig:

  1. Sich ein Bewusstsein bilden: Kritisch sein. Nachrichten, Werbung, Medien kritisch hinterfragen. Geschlechterklischees und -rollen erkennen.
  2. Den Fernseher ausschalten, wenn GNTM läuft. Immer. Sich die Miss Schweiz Wahlen auch nicht ironisch anschauen. (Das klingt jetzt arg moralistisch – aber irgendwie schauen alle diese Sendungen mit der nötigen kritischen Distanz und essen am Tag drauf trotzdem nur Salat. Es bleibt etwas hängen.)
  3. Frauen wählen. (Aktuelle Quote im NR: 29%, SR: 19%).
  4. Frauen und ihre Leistungen sichtbar machen: Bücher von Frauen lesen. Biographien von Frauen nachschlagen. Sport von Frauen ansehen.
  5. Nicht automatisch Männer für besser qualifiziert halten, weil sie viel von ihren Qualifikationen erzählen.
  6. Teilzeitarbeit möglich und populär machen – gerade für Männer.
  7. Körper nur dort in den Blick nehmen, wo Körper relevant sind. Coiffeusen müssen Haare schneiden und smalltalken. Verkäuferinnen beraten und tippen.
  8. Gesunde Beziehungen leben: Hausarbeit und Betreuung teilen. Erwartungen aussprechen und diskutieren. Möglichkeiten sehen, Freiheiten ermöglichen.
  9. Lohntransparenz einfordern: In der Pause Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen fragen, wie viel sie verdienen. Erzählen, wie viel man selbst verdient.
  10. Mütter, werdende Mütter und Frauen im besten Mutteralter befördern, in die Arbeitswelt einbinden – und ihnen die Verbindung von Arbeit und Beruf ermöglichen.
  11. Mit Frauen über Fussball, interessante Bücher und Politik sprechen – mit Männern über Feuchtigkeitscrèmene, Epiliermethoden und Mode.
  12. Menschen als Individuen anschauen und nicht als Frauen oder Männer. Kochen, Texte schreiben, Tennis oder Geige spielen kann man nicht deswegen, weil man bestimmte Chromosomen hat – sondern weil man es geübt hat und weil man die dazu nötigen Fähigkeiten hat.

Damit höre ich mal auf. Kommentare freuen mich, wie immer.

Eine Frage zur Sommerlochkampagne der APG – oder mal wieder über Frauen in der Politik

Die APG nutzt das Sommerloch bei den Plakatkunden dieses Jahr nicht für eine Spasskampagne, sondern um die Aufmerksamkeit auf die Wahlen von diesem Herbst zu lenken. Sie wirbt für Smartvote, wo man erfahren kann, welche Menschen man wählen soll, damit die eigenen Interessen möglichst wirkungsvoll vertreten werden. Soweit eine tolle Sache, wie sich die APG »für eine wählende Schweiz« einsetzt. (Nebenbei darf man auch sagen, dass sich die Politikerinnen und Politiker für eine etwas weniger stark von Werbung überzogene Schweiz einsetzten könnten – ich habe vor einer Weile gelesen, in keinem Land sei die Dichte von Werbung so groß wie in der Schweiz – ob das stimmt, weiß ich aber nicht…)

Das hier verwendete Bild weicht wohltuend von denen ab, die im Moment überall hängen: Denn das Bild besteht aus den Haaren von Brigitta Gadient (BDP), den Augen von Urs Schwaller (CVP), dem Mund und den Ohrringen von Maja Ingold (EVP) und dem Kinn und der Krawatte von Fulvio Pelli (FDP). Zwei Frauen, zwei Männer, vier Parteien – das passt.

In der ganzen Kampagne ist diese Ausgewogenheit jedoch nicht vorhanden. Die APG benutzt folgende Poltikerinnen und Politiker:

Christa Markwalder (FDP)
Maja Ingold (EVP)
Ursula Wyss (SP)
Brigitta Gadient (BDP)

Hans Grunder (BDP)
Christian Levrat (SP)
Ueli Leuenberger (Grüne)
Martin Bäumle (GLP)
Urs Schwaller (CVP)
Toni Brunner (SVP)
Caspar Baader (SVP)
Christophe Darbellay (CVP)
Antonio Hodgers (Grüne)
Fulvio Pelli (FDP)

Man merkt schnell: Die Parteien sind einigermassen ausgewogen vertreten (2 SVP, 2 BDP, 2 FDP, 2 CVP, 1 GLP, 1 EVP, 2 SP, 2 Grüne), die Regionen auch (4 Romands, 1 Tessiner, 1 Bünderin, 8 Deutschweizerinnen und -schweizer) – aber die Geschlechter nicht. Und das ist meine Frage: Wie kommt die APG im Jahre 2011 dazu, 10 Männer und 4 Frauen für eine Kampagne zu nutzen?

Wer jetzt sagt, das spielt doch keine Rolle, Frauen sind in der Politik auch vertreten, im Bundesrat stellen sie gar die Mehrheit und und und – der oder die vergisst, dass solche Bilder die Realität überlagern, sich festsetzen – und letztlich eine neue Realität schaffen. Eine Realität, in der Politiker Männer sind. Und ich frage mich, weshalb eine so mächtige Firma wie die APG sich ihrer Verantwortung in dieser Hinsicht nicht bewusst ist. Und ich könnte mir vorstellen, dass es damit zu tun hat, dass weder im Verwaltungsrat noch im Management der APG Frauen vertreten sind. Die APG spricht mit ihrer Kampagne Frauen auch gar nicht an:

Zwei Zusätze:

  1. Die APG war ja auch der Gleichstellungskampagne der JUSO gegenüber sehr aufgeschlossen.
  2. @untrueandnew weist mich darauf hin, dass die APG genau den heutigen Verhältnissen im Nationalrat proportional folgt. Das stimmt: 70% des NR sind Männer, 30% Frauen.