Von gesenkten Erwartungen

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Dieser Blogpost wird kurz, weil er nur eine Einsicht enthält: Wer Menschen mag, sollte die Erwartungen an sie nicht senken. Wer bei Freundinnen und Freunden Kritik zurückhält oder ihre Handlungen milder beurteilt als die anderer Menschen, tut ihnen kein Gefallen, sondern senkt insgeheim den Wert der Beziehung und das eigene Bild der anderen Person.

Das Ideal, so lesen wir bei Max Frisch im Tagebuch 1946-49, wäre eine Beziehung ohne Bildnis:

»Du bist nicht«, sagt der Enttäuschte oder die Enttäuschte, »wofür ich Dich gehalten habe.«
Und wofür hat man sich denn gehalten?
Für ein Geheimnis, das der Mensch ja immerhin ist, ein erregendes Rätsel, das auszuhalten wir müde geworden sind. Man macht sich ein Bildnis. Das ist das Lieblose, der Verrat.
Weil unsere Liebe zu Ende geht, weil ihre Kraft sich erschöpft hat, darum ist der Mensch fertig für uns. Er muss es sein. Wir können nicht mehr! Wir künden ihm die Bereitschaft, auf weitere Verwandlungen einzugehen. Wir verweigern ihm den Anspruch alles Lebendigen, das unfassbar bleibt, und zugleich sind wir verwundert und enttäuscht, dass unser Verhältnis nicht mehr lebendig sei.

Wenn unsere Erwartungen ein Bild zeichnen - dann ein möglichst positives. Und an diesem Bild gemessen entsteht dann oft Kritik, weil wir nie so sind, wie die Menschen, die uns lieben, das gerne hätten.