Ich muss vorausschicken, dass ich es als Lehrer oft mit Jugendlichen zu tun haben, welche hochbegabt sind. Während ich bei einigen Kollegen (meist Männern) erlebe, dass sie an diese Jugendlichen höhere Erwartungen an ihre schulischen Leistungen stellen (schließlich sind sie ja »hochbegabt«), frage ich bei Eltern und Jugendlichen immer nach, wie sich das konkret auswirke, welche Bedürfnisse sich daraus ergeben. Mir ist völlig klar, dass es sich hier um eine psychologische Diagnose handelt, die erstens auf einer unklaren Begrifflichkeit fusst (man lese nur die Definition im Wikipedia-Artikel), zweitens auf einen Kontext Bezug nimmt: Fragen und Unsicherheit von Eltern, von Jugendlichen, von Lehrpersonen; soziale Schwierigkeiten, schulische, emotionale.
Der Begriff »hochbegabt« bedeutet dann zunächst etwas, was für mich als Pädagogen selbstverständlich ist: Verhaltensweisen, die nicht der Norm entsprechen, können den betroffenen Jugendlichen nicht im Sinne einer persönlichen Verantwortung angelastet werden, sondern lassen sich mit biologischen, psychologischen und sozialen Faktoren erklären. Für vieles, was wir tun, können wir nicht verantwortlich gemacht werden.
Ich denke, ich bin selber hochbegabt. In meiner Kindheit und Jugend fühlte ich mich oft unverstanden und alleine; in der Schule war ich konstant unterfordert. Aber ich hatte Glück: Mir gelang es, meine Interessen immer wieder produktiv zu machen, ich konnte belastbare Beziehungen knüpfen und litt nie überaus stark an den Auswirkungen der - nicht durch Fachleute diagnostizierten - Hochbegabung.
Aber ich würde nie von mir auf andere schließen: Genau so wenig, wie ich aus der Erfahrung, depressive Phasen überwinden zu können, darauf schließen würde, depressive Menschen könnten ihre Krankheit aus eigenem Antrieb überwinden, würde ich argumentieren, dass Hochbegabte soziale und psychische Probleme aus eigener Kraft vermeiden könnten. Es ist wichtig, dass sie unterstützt und begleitet werden und die Gesellschaft und Bildung für die Auswirkungen von Hochbegabung sensibilisiert werden.
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Gleichwohl habe ich mich gestern über Meike Lobos Text »Alien Nation« geärgert. Weshalb, war mir zunächst nicht klar. Nun habe ich darüber nachgedacht und versuche es zu formulieren.
Der erste Grund sind wohl diese Fragen:
Warum darf jeder Spaten an der Schwachsinnsgrenze glücklich werden und ich nicht? Warum hat jedes hohle Tittenmäuschen 7 beste Freundinnen und ich nicht eine? Warum finden die seichten Idioten 20 Gesprächspartner und ich ernte nur verständnislose Blicke, wenn ich aufzähle, was mich interessiert?
Wer darüber schreibt, dass es in der Diskussion über Intelligenz an Präzision und Respekt fehle und dass Hochbegabung nicht bedeute, Menschen seien »toller« als andere, dann dürfte man wohl nicht von »Spaten«, »Tittenmäuschen« und »Idioten« sprechen. Respekt verdienen alle.
Der zweite Grund wäre dann dem Text zugrundeliegende Hoffnung, durch eine Theorie der Hochbegabung eine Reihe von Störungen erklären zu können:
Hochbegabung bringt außerdem oft unangenehme Freunde mit, wie z.B. ADHS, Hypersensibilität, bipolare Störungen und einen fatalen Hang zu Selbstmorden.
Natürlich stimmt das: Das Auftreten von Hochbegabung steht in einer Korrelation zu diesen Krankheitsbildern oder Störungen. Aber das hilft den Menschen nicht weiter, die beispielsweise an bipolaren Störungen leiden. Zu sagen: Einige davon sind hochbegabt - was macht das mit den anderen? Die sind genau so wenig dafür verantwortlich, dass sie an einer Störung leiden. Und während das eine wissenschaftlich weiterführende Erkenntnis sein mag, dass Intelligenz mit bipolaren Störungen zusammenhängt, scheint mir die Wirkung entsprechender Diagnosen - Meike Lobo fordert, dass Psychologinnen und Psychologen bei diesen Störungsbildern routinemäßig auf Hochbegabung testen müssten - trügerisch: Das Ziel muss sein, dass Menschen sich nicht schuldig fühlen, wenn sie krank sind; und ihnen nicht suggeriert wird, sie könnten für Störungen die Verantwortung übernehmen.
Deshalb irritiert mich drittens die Forderung nach einem Label, das so verwendet werden kann, wie »Ich bin aus Deutschland«. Gerade dieses Beispiel zeigt ja, wie Label funktionieren: Sie sind gekoppelt mit falschen Vorstellungen, Vorurteilen und Wertungen. Wer auf der Welt sagt, »Ich bin aus Deutschland«, wird anders wahrgenommen, wie jemand, die sagt: »Ich bin aus der Schweiz«. Und dafür gibt es keinen vernünftigen Grund.
Label führen dazu, dass Unterschiede negiert werden. Nicht alle Hochbegabten sind gleich. Nicht alle Autistinnen und Autisten sind gleich. Und nicht alle Deutschen sind gleich.
Ich bin mit Meike Lobo einverstanden: Betroffene sollen sich nicht alleine fühlen. Sie müssen präzise beschreiben und verstehen, was ihnen zu schaffen macht. Sie müssen sich in der Gesellschaft sicher und wohl fühlen.
Aber meiner Meinung hilft ein Label nicht weiter. Entscheidend ist, dass Menschen als Individuen wahrgenommen werden und nicht als Vertreterinnen und Vertreter abstrakter Gruppen. »Ah, hochbegabt! In diesem Fall bipolar und suizidal, oder?« Andere Hochbegabte, so heißt es im Text, seien »kleingeistige Pisser, zerfressen von eitlen Befindlichkeiten«. Gehören diese Verhaltensweisen vielleicht auch zum Spektrum dessen, was mit Hochbegabung gemeint ist, und verdienen entsprechende Rücksicht und Respekt?
