Der Super-Aggregator: Ein Gedankenspiel

Wenn man über das Twitter-Angebot des »Newsmän« nachdenkt – wie ich das kürzlich getan habe – und sich schon nur seine Instacurate-Seite ansieht, also eine Art Magazin mit Anrissen von all den Links, die er verschickt, dann liegt ein Gedankenspiel nahe:

Warum nicht einen Super-Aggregator entwickeln? Eine Seite, die auf eine Vielzahl von per Link abrufbaren Texten verweist, die mit Kategorien, Tags und Ressorts geordnet werden könnten. Viele Arbeitsschritte wären auslagerbar oder automatisierbar (z.B. das Extrahieren aller Links aus den entsprechenden digitalen Angeboten). Mit Werbung könnte der Aufwand wohl locker finanziert werden; zumal eine schlau gemachte Seite (auf Bedürfnisse der User anpassbar, mobil nutzbar, mit Archiv- und Später-Lesen-Funktion) siche viele Stammleserinnen und Stammleser finden dürfte.

Selbst wenn die Möglichkeiten, eigentlich kostenpflichtige Artikel auf Social Media zu teilen drastisch eingeschränkt werden sollten, wäre das Angebot attraktiv. Fast alle Texte werden leicht verzögert online publiziert und wären mit entsprechenden Kategorien leicht auffindbar oder gar abonnierbar; zudem könnte die Seite leicht auch Vorschläge von Userinnen und Usern aufgreifen (z.B. den Twitter-Feed gewisser Konten direkt auf entsprechende Texte überprüfen und diese aufnehmen).

Ein solcher Aggregator ist in der Schweiz wohl legal und für die Anbieter der Texte wohl nicht einmal schädlich – geht es ja darum, dass ihre Texte leichter gefunden werden können.

Meine Frage also: Wäre das denkbar oder übersehe ich etwas Entscheidendes?

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»löchrig wie Emmentaler Käse« – was die Verlage vom »Newsmän« @Kuedder lernen können

Nacht für Nacht macht es sich @KueddeR zur Aufgabe, als «kostenpflichtig» deklarierte Artikel aus allen grösseren Schweizer Zeitungen über Twitter frei zu verlinken. Damit tut er zwar nichts Verbotenes, zeigt aber die Grenzen der Bemühungen auf, die Leser online zum Zahlen zu bringen.

So beginnt ein Artikel von Ronnie Grob, mit dem er beschreibt, vor welchem Problem die Verlage stehen: »Das Problem der Verlage in der jetzigen Situation ist der teilbare Link, der das Netz zur wunderbaren Kommunikationsmaschine gemacht hat, wie wir sie alle lieben.«

Die Medienbranche versteht noch nicht genau, was der anonyme Twitter-User @KueddeR genau tut. Hier eine kurze Beschreibung: Es handelt sich, so meine Vermutung, um einen Zürcher mit recht viel frei verfügbarer Zeit, die er früher in die Pflege und den Aufbau von Wikipedia-Seiten gesteckt hat, heute teilweise in seinen Twitter-Account. Er hat viele Zeitungen und Zeitschriften abonniert und informiert sich auch online – seine Schwerpunktthemen sind Schweizer und Zürcher Politik, aber auch gesellschaftliche Themen bedient er oft. Seine politische Haltung kann man als liberal bezeichnen, aber nicht als pointiert links oder rechts. Viele interessante Artikel verbreitet er auf Twitter – dabei hat er nicht alle gelesen. Er verschickt Links, welche die Verlage selbst anbieten, nutzt also einfach ein Feature, und zwar genau so, wie es gedacht ist: Zum Teilen von Inhalten. (Eine Ausnahme sind Titelbilder o.Ä., von denen er teilweise auch Bilder macht, aber ohne je ganze Artikel zu präsentieren, es geht dabei immer nur um Themen und oder Schlagzeilen (z.B. Cover der Weltwoche)).

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Der Chefredaktor der Südostschweiz, David Sieber, hat in einem Blogpost mit dem Titel »Geklaut oder geshared – Hauptsache gratis« seine Irritation über den »Newsmän« kundgetan. Er schreibt unter anderem:

Er kann das tun, weil die Paywalls offenbar löchrig sind wie Emmentaler Käse und er wie ein Mäuschen überall durchschlüpft. […] Beim Schlagabtausch in der Blogosphäre und auf Twitter geht es im Grundsatz einerseits um das Selbstverständnis der «Digital Natives», die es gewohnt sind, sich ihre (Gratis-)Informationen im Internet zu beschaffen und zu sharen, also zu teilen. Sie bewegen sich gewandt durchs Netz, kennen und nützen Grauzonen und denken sich (meist) nichts Böses dabei (auch wenn manche von ihnen ihr Verhalten zu einem Menschenrecht erklären). Auf der anderen Seite stehen die Vertreter der etablierten Medien, die zusehen müssen, wie ihre Felle davonschwimmen oder jedenfalls genutzt werden, ohne einen Obolus zu entrichten. Die Journalisten in dieser Kategorie sorgen sich nicht nur um das Wohlergehen ihres Arbeitgebers (und damit ihres Arbeitsplatzes), sondern haben vor allem das Gefühl, dass ihre Arbeit nichts mehr wert ist. Daher auch die teils gehässigen Posts und Kommentare.

Siebers Perspektive, dass nämlich ein etabliertes System der Wissensproduktion auf neuartige Netzwerke trifft, ist nur teilweise richtig. Es gibt im Journalismus schon länger eine »Ökonomie der Aufmerksamkeit« (Georg Franck): Beim Primeur der Sonntagszeitungen interessiert die Journalistinnen und Journalisten hauptsächlich, wie oft sie in anderen Zeitungen zitiert werden. Selten sind diese Primeurs ökonomisch relevant, vielmehr dienen sie dazu, Aufmerksamkeit auf einen Titel, eine Autorin/einen Autor oder eine Publikation zu lenken.

Das Netz löst nun die Ökonomie der Aufmerksamkeit vollständig von der Ökonomie des Geldes. Auch ohne »Newsmän«: Egal ob Artikel auf Print oder digital verfügbar sind, mit Smartphones lassen sich ohne Aufwand Kopien anfertigen, die sich mit Social Media publizieren lassen. Der Journalist David Bauer hat eben erst ein Tool entwickelt, mit dem sich alle Links von einem bestimmten Twitter-Profil als eine Art Zeitschrift lesen lassen. Solche Möglichkeiten ergeben sich aus mit verschiedenen Accounts, es wird bald möglich sein, alle getwitterten Links zu Artikeln aus der Sonntagszeitung auf einer Webseite, gebündelt nach Ressorts, zu lesen. Texte und Bilder lassen sich heute nicht mehr vor digitalen Kopien schützen. Jedes EBook ist im Netz verfügbar, jeder Text kann zur Verfügung gestellt werden, anonym und ohne Möglichkeit, das rechtlich zu unterbinden.

Das ist die Ausgangslage. Nun kann man zwei Dinge tun: Entweder fordern, das Netz und seine Möglichkeiten müsse komplett zerstört werden, oder die Tatsache akzeptieren und Hürden abbauen. Wenn es nämlich für Leserinnen und Leser einfacher ist, eine Sonntagszeitung auf dem iPad zu lesen als sich die Links auf Twitter zusammenzusuchen, dann bezahlen sie dafür. Es wird immer solche geben, die das nicht tun. Aber die haben früher einfach die Zeitung in der Beiz gelesen. »Der «Newsmän» ist dabei das kleinste Problem.« – Damit hatte David Sieber Recht.

Das LaTeX-Prinzip – und warum ich noch bei Apple bleibe

Ich bin ein technik-affiner Mensch, aber kein Informatiker. Als ich in meinem MacBook Air kürzlich die Batterie ersetzen ließ, meinte der Apple Shop Mitarbeiter, er habe noch kein Gerät mit so vielen Ladezyklen gesehen. Heißt: Ich nutze Laptop und Smartphone recht intensiv. Mehr brauche ich nicht. Aus Komfortgründen habe ich mir zu Weihnachten ein Kindle-Lesegerät gekauft, bisher lese ich aber Kindle-Bücher auf dem iPhone und am Laptop, geht für mich bestens.

Heute habe ich mich entschlossen, mich nach einer Alternative zu Apple umzusehen. Ich nutze mehr und mehr Google Produkte und bin von neuen Google Apps begeistert: Die neue Maps-App für iOS ist hervorragend, die Entwicklungsschritte bei Google+ und bei Google Drive sind beeindruckend. Logisch wäre also, Geräte zu nutzen, welche die Google Tools noch stärker integrieren können.

Von Geräten erwarte ich eigentlich zwei Dinge:

  1. Sie sollen möglichst zuverlässig sein: Gute Akkus, hochauflösende Geräte, gute Kameras, robuste Gehäuse, zuverlässige Eingabeinstrumente.
  2. Sie sollen mir wenig bis gar keinen Aufwand machen. Ich will automatische Syncs, Updates mit einem Klick und keine Abstürze, Neu-Installationen, kein Gebastel. Ich will Default-Einstellungen, die funktionieren. Ich will einfach nicht an Dingen rumschrauben müssen, die andere für mich einstellen können.

Dieser zweite Punkt ist nicht eine Apple-Mentalität, sondern eine LaTeX-Mentalität. Als Textverarbeitung setzt LaTeX-Dokumente so, dass sie gut aussehen. Die Benutzer müssen sich ums Layout überhaupt nicht kümmern, weil sie das auch nicht gut können.

Ein mit LaTeX gesetztes Dokument.

Ein mit LaTeX gesetztes Dokument.

Genau dasselbe erwarte ich von einem Betriebssystem – mobil und auf dem Laptop. Es soll das für mich machen, was ich nicht kann. Speicher optimieren, Updates installieren, das System stabil und schnell halten. Files so indizieren, dass ich finde, was ich suche – und zwar schnell. Mir Menus und Strukturen anbieten, die sich selbst erklären, die so einfach wie möglich sind und trotzdem funktional.

Ich bin ziemlich überzeugt, dass es in Bezug auf meine Erwartungen momentan keine besseren Geräte als ein MacBook Air und ein iPhone gibt. Beide habe ich nun schon seit über zwei Jahren. Ich pflege sie nicht. Ich trage das MacBook Air in meiner Tasche rum, ohne Schutzhülle. Ich lasse das iPhone fallen, trage es in meiner Hose, ohne Schutzhülle, ohne Folie. Die Geräte zeigen kaum Gebrauchsspuren, die Systeme laufen stabil und schnell. Es gibt keinen Müll, keine spürbare Verlangsamung.

Ich will mit diesem Post niemanden überzeugen, sondern die Frage stellen: Welche Geräte wären es denn, die ich in Betracht ziehen solle als Alternative? Macht Apple wirklich so viel falsch? Oder geht es hier einfach um Modeströmungen und Vorlieben?

Was Neujahrsvorsätze bringen

woodyguthrielistWas eine Liste mit Vorsätzen wie die von Woody Guthrie (Quelle mit Transkription) bringt, kann man sich vor und nach jedem Jahreswechsel fragen: Die Erfahrung sagt uns, gute Vorsätze seien vergeblich. Noch nie haben wir sie so umgesetzt, wie wir uns das vorgestellt haben. Vernünftig wäre, auf Vorsätze zu verzichten und sein Leben oder sein Verhalten dann zu ändern, wenn einem das möglich und sinnvoll erscheint.

Diese vernünftige Lösung leistet aber eines nicht: Uns zu zeigen, wie jämmerlich wir als Menschen scheitern. Wer sich jedes Jahr Vorsätze fasst und sich bewusst wird, wie weit sie/er von der Person entfernt ist, die sie/er gerne wäre, hat etwas gelernt. Über sich selbst, aber auch über andere: Andere wären auch gerne besser. Wenn sie uns enttäuschen, verletzen, langweilen, beunruhigen, dann tun sie das als die Menschen, die sie sind, nicht als die, die sie gerne wären.

Das finde ich sehr tröstlich.

Lassen sich Respekt und Vertrauen verdienen?

Erst wenn mein Vertrauen missbraucht wurde, kann ich wissen, dass jemand mein Vertrauen nicht verdient. Der positive Nachweis der Möglichkeit, jemandem vertrauen zu können, kann nicht erbracht werden. Niemand kann mir beweisen, meines Vertrauens würdig zu sein. Vertrauen kann zwar erwidert werden, aber auch damit ist der Nachweis nicht erbracht, dass eine Person vertrauenswürdig ist.

Ich muss Menschen, aber auch Systemen vertrauen, um die Komplexität meiner Umwelt zu reduzieren – so die einschlägige Definition von Niklas Luhmann. Vertrauen kann aber auch produktiv eingesetzt werden: Vertraut mir jemand ganz bewusst, so fällt es mir sehr schwer, die Person zu enttäuschen, weil sie mich mit einem positiven Bild von mir konfrontiert. Ein einfaches Beispiel: Jemanden im Zug bitten, kurz auf den Laptop / das Gepäck aufzupassen, während man zur Toilette geht. Die Peson müsste ein rechtes Maß an krimineller Energie aufbringen, um das Gerät oder das Gepäck selber zu entwenden, und passt mit großer Wahrscheinlichkeit gut auf.

I find it hard to gain respect. Jacob Crose, society6

I find it hard to gain respect. Jacob Crose, society6

Ähnlich verhält es sich mit Respekt. Valentin Abgottspon kritisiert heute »Gratisrespekt«, er sei »überbewertet«. Die Implikation: Respekt muss verdient werden. Eine Person müsste also beweisen, dass sie es verdient, von mir respektiert zu werden – ich verstehe darunter eine Achtung, aus der ein Verhalten folgt, das sich weit gehend mit den Erwartungen dieser Person deckt. Man denkt z.B. an Fachkompetenz oder ein autoritäres Auftreten, wahrscheinlich an eine Lehrerin, die eine Klasse im Griff hat, ohne ein ausgeklügeltes System von Strafen einführen zu müssen.

Mein Vorschlag wäre ein anderer: Menschen einfach als Grundhaltung respektieren. Natürlich können sie meinen Respekt verlieren. Ich respektiere Menschen nicht, die anderen bewusst schaden. Ich stelle mich ihnen entgegen, kritisiere sie, verhalte mich gerade nicht so, wie sie es gerne hätten. Aber wenn ich andere häufig respektiere, ohne dass sie den Beweis erbringen müssen, diesen Respekt zu verdienen, dann werde wohl auch ich eher respektiert. Und das mag ich.

Natürlich meine ich mit Respekt nicht, keine Kritik zu üben, eigene Gedanken zu verschweigen; sondern vielmehr: Die Möglichkeiten eines Dialogs aufrecht zu erhalten.

 

JRZ: Verlauf der Beschwerde bei der Ombudsstelle

Vor Weihnachten habe ich mich bei der Ombudsstelle wegen den Sendungen zu »Jeder Rappen zählt« beschwert. Hier möchte ich den Verlauf der Beschwerde festhalten.

  1. 23. Dezember 2012
    Einreichen der Beschwerde inklusive Begründung:

    Erstens entspricht die Aktion und die damit verbundenen Sendungen meines Erachtens nicht dem Auftrag von SRF gemäß Art. 93 BV. Die Hauptfunktion, Spenden für ein Hilfsprojekt zu sammeln. ist nicht Aufgabe von SRF. […]
    Zweitens ermöglicht die Sendung Privaten und Unternehmen, sich über Spenden zu profilieren. Dabei handelt es sich meiner Meinung nach klar um Schleichwerbung und unterschwellige Werbung, die gemäß Art. 10, Abschnitt 2 RTVG untersagt sind.

  2. 27. Dezember 2012
    Erhalt der Antwort von Achille Casanova. Eine Kopie ging an Rudolf Matter, Direktor SRF, Daniel Segmüller, Bereichsleiter Kundenservice SRF, Kurt Nüssli von der Radio- und Fernsehgesellschaft DRS und den Rechtsdienst SRG.
    Doc - 29.12.2012 20-36

»online first« als Paradigmenwechsel für den Journalismus

Der folgende Auszug stammt aus einem Aufsatz über die Bedeutung von Social Media in den Geisteswissenschaften, der von einer Analyse des Paradigmenwechsels im Journalismus ausgeht. Ich freue mich über Korrekturen, Ergänzungen oder Hinweise auf interessante Literatur. 

Zusatz: Ich habe den Text im Aufsatz ausgebaut und präzisiert. Ein pdf davon findet sich hier; ich belasse den Blogpost in der Originalform.

LightLine, society6.

LightLine, society6.

Unter dem Einfluss des Medienwandels von analogen zu digitalen Medien, die mobil und unter Mitwirkung der Rezipienten genutzt werden, hat sich die Funktion von journalistischer Text- und Wissensproduktion radikal verändert. Wenn man von einem Paradigmenwechsel spricht, dann wird Thomas S. Kuhns Definition des Paradigmas – »Ein Paradigma ist das, was den Mitgliedern einer wissenschaftlichen Gemeinschaft gemeinsam ist, und umgekehrt besteht eine wissenschaftliche Gemeinschaft aus Menschen, die ein Paradigma teilen.« – auf der wissenschaftstheoretischen Terminologie entlehnt und auf die journalistische Praxis übertragen. Auch da ist das Paradigma mit Regeln und Normen verbunden, die nach dem Wandel eine neue Struktur und Hierarchie aufweisen. Die Anomalien, die in der Praxis einen Paradigmenwechsel auslösen können, sind stärker ökonomischer Natur. Im Journalismus sind zwei verschiedene Wirtschaftskreisläufe relevant: Aufmerksamkeit steht als Währung eigenständig neben Geld.

Das Web 2.0 hat auf zwei Arten Anomalien hervorgerufen: Einerseits war es möglich, dass im System des Journalismus nicht etablierte Akteure Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Augenzeugen und Autoren konnte mit journalistischen Leistungen ohne den Umweg über eine anerkannte Publikation, ohne Leistungsausweis und ohne Anstellung direkt an einen großen Leserkreis gelangen, indem ihre Publikationen viral verbreitet wurden. Andererseits wurde durch die von Google und anderen Unternehmen angebotene Möglichkeit, Werbung gezielt auf das Lese- und Suchverhalten von Nutzern abzustimmen, wirtschaftlicher Druck erzeugt, der Werbeeinnahmen journalistischer Produkte einbrechen ließ und grundsätzlich jedermann in die Lage versetzte, Werbung mit seinen Inhalten zu verknüpfen.

Die Bewältigung dieser Anomalien hat ein neues Journalismus-Paradigma hervorgebracht, in dem neue Probleme gelöst werden und neue Wert entstehen konnten. Das neue Paradigma kann anhand von vier Eigenschaften von Online-Journalismus beschrieben werden:

  1. real time
    Liveticker, Videostreams und andere Formen eine möglichst direkten Übertragung ersetzen die bisherige Newsberichterstattung. Aus der Perspektive des alten Paradigmas schreibt etwa der Zürcher Journalist Constatin Seibt: »Der Live-Ticker widerspricht allem, was man vom Leben und vom Schreiben weiss. Er ist die radikalste Form von Aktualität. Eingeführt wurde er im Online-Journalismus, um dessen Schnelligkeit optimal zu vermarkten: auf der Jagd nach Klicks im Minutentakt.« Entscheidend ist gerade die technisch mögliche Elimination der Zeitverzögerung. Sie reduziert die journalistische Arbeit auf das Abbilden von Ereignissen und verunmöglicht Reflexion, Gewichtung und die Darstellung von Meinungen zu den Ereignissen.
    Die Entwicklung hin zu real time-Journalismus ist dabei eine direkte Reaktion auf die Zugänglichkeit von many-to-many-Medien, die jedem Anwesenden einen Zeitvorsprung vor traditionell arbeitenden Journalisten geben.
  2. kuratieren
    Als Reaktion auf diese Tendenz und Konkurrenzsituation fokussieren wichtige Akteure im Journalismus auf andere Bereiche ihrer Tätigkeit. In seiner Prognose fürs Jahr 2013 schreibt der Medienwissenschaftler Michael Maness: »What is needed are newsrooms that can filter, verify, curate, and amplify social media for their audiences, in addition to journalists reporting in enterprising and contextual ways.« Er weist dem Journalismus so eine Funktion auf einer sekundären Ebene zu: Primäre Inhalte, die via Social Media verbreitet werden, werden von Journalisten überprüft, bearbeitet und weiterverbreitet. Kuratieren ist dabei zu einem omnipräsenten Schlagwort für die Konzentration auf die Recherchearbeit geworden, welche als solche direkt weitergegeben wird.
  3. Personen als Marken. 
    Durch ihre Aufgabe als Kuratoren sind Journalisten auf neue Netzwerke angewiesen, die häufig über Social Media aufgebaut werden. Sie treten dann nicht als Vertreter einer Publikation auf, sondern als Person. Über ihre Kanäle sprechen sie Leser direkt an, die den Umweg über die Zeitung oder Zeitschrift nicht mehr benötigen. David Carr, Medienkritiker der New York Times, erreicht beispielsweise fast 400’000 Twitter-Follower mit seinen Mitteilungen.
  4. Verlust des journalistischen Kontextes.
    Da Social Media den Lesern starke Filter in die Hände geben, sind sie in der Lage, Medieninhalte selektiv gemäß ihren Interessen und Vorlieben zu konsumieren. Sie erstellen in ihren so genannten Timelines eigene Kontexte. Es gibt keine Redaktion mehr, die eine Ressorteinteilung vorgibt, Texte arrangiert oder mit einem Layout versieht; all diese Funktionen übernehmen im Web 2.0 durch Algorithmen unterstützte User. Auch Suchmaschinen, mit denen kann die Hälfte der online erschienen Texte abgerufen werden, sind Social Media: Ihre Ranglisten und Ergebnisse sind durch das Verhalten der Nutzer beeinflusst und individuell auf die Suchenden zugeschnitten.
  5. Dialog.
    Im Umgang mit Reaktionen bietet Online-Journalismus neue Möglichkeiten. Es gibt keinen begrenzten Platz für Leserbriefen, die Kommentarfunktion ermöglicht es, beliebig viele Reaktionen zu sammeln. Auch hier entfällt die Zeitverzögerung, Sekunden nach der Publikation von Artikeln werden die ersten Kommentare aufgeschaltet, die dann wiederum kuratiert und zu neuen Artikeln verarbeitet werden.

JRZ: Beanstandung bei der Ombudsstelle von SRF

Eben habe ich mich bei der Ombudsstelle über die Aktion »Jeder Rappen zählt« beschwert. Grund für die Beschwerde ist folgende Überlegung: Die staatliche Finanzierung von Medien ist in ihrer Form und in ihrer Begründung äußerst umstritten. Der Medienwandel lässt immer problematischer erscheinen, dass Radio und Fernsehen staatlich finanziert werden. Zudem halte ich es für stossend, dass die Unterhaltung der Zielgruppe von SRF mit Steuergeldern finanziert wird; die Unterhaltung vieler anderer Menschen nicht. Unterhaltung ist nicht Aufgabe des Staates. Aus diesen Gründen liegt mir an einer schlanken Interpretation des Auftrags. Ein jährlich wiederkehrendes, schon länger stark kritisiertes Projekt, das nicht auf einem klaren Auftrag besteht, sollte geprüft werden, finde ich.

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Hier ein Auszug aus der Beschwerde:

Im Zusammenhang mit »Jeder Rappen zählt« möchte ich mich über zwei Aspekte der Sendungen im Rahmen dieser Sammelaktion beschweren.

Erstens entspricht die Aktion und die damit verbundenen Sendungen meines Erachtens nicht dem Auftrag von SRF gemäß Art. 93 BV. Die Hauptfunktion, Spenden für ein Hilfsprojekt zu sammeln. ist nicht Aufgabe von SRF.

Problematisch erscheint mir das insbesondere, weil hier ein staatlich finanzierte Akteur mit starker medialer Präsenz Hilfswerke und NGOs konkurrenziert, die in Hilfsprojekten langjährige Erfahrung haben.

Zweitens ermöglicht die Sendung Privaten und Unternehmen, sich über Spenden zu profilieren. Dabei handelt es sich meiner Meinung nach klar um Schleichwerbung und unterschwellige Werbung, die gemäß Art. 10, Abschnitt 2 RTVG untersagt sind.

 

Ein kleiner Jahresrückblick

Auch dieses Jahr habe ich viel gebloggt. Um genau zu sein habe ich auf dieser Seite 135 Artikel publiziert, auf schulesocialmedia.com noch etwas mehr. Zeit, fünf Aspekte kurz rauszugreifen; Bilanz zu ziehen und allen Leserinnen und Lesern zu danken.

  1. Der Erklärbär: Die meistgelesenen Artikel.
    Dieses Jahr habe ich ACTA, SOPA, robots.txt und die US-Präsidentschaftswahl kurz erklärt. Offenbar kommt das an, gerade bei Netzthemen finde ich Blogs ein sehr geeignetes Medium, um Zusammenhänge verständlich darzustellen und so auf Probleme aufmerksam zu machen.
  2. Der meistkommentierte Artikel: Der Mode-Atheismus.
    Im März habe ich die Vereinigung der Freidenker in der Schweiz für ihren Umgang mit gläubigen Menschen kritisiert, daraus resultierten 73 Kommentare. Das Thema blieb aktuell, im so genannten »Gretchengate« zeigte sich, dass es im populären religionskritischen Diskurs an Bewusstsein, Reflexion und Respekt mangelt.
    (»gate« bezeichnet in Anlehnung an Watergate ein politisches Problem mit hohem Aufregungspotential in der Netzszene, »Gretchen« verweist auf völlig konfuse Art und Weise auf Faust I).
  3. Der persönlichste Artikel: Meine Liebe zur Schweiz.
    Im November habe ich über meinen Grossvater und mein Verhältnis zur Schweiz geschrieben, persönlicher, als ich das sonst tue.
  4. Die Weltwoche.
    Über die Weltwoche habe ich zu oft geschrieben und intensiv diskutiert. Mit wenig Erfolg. Die Zeitschrift und ihre Macher haben sich nicht geändert und sind auch etwas stolz drauf.
  5. Von der Politik zur Sache.
    Ich habe mir vorgenommen, von konkreten politischen Fragen etwas wegzukommen und Gegenstände zu diskutieren, die ideologisch (noch) nicht blockiert sind. Davon zeugt auch dieser Post mit einem Bild von mir

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Ich blogge gerne. Es hilft mir, meine Gedanken zu ordnen, sie auch später noch nachlesen zu können, Diskussionen zu führen, neue Perspektiven kennen zu lernen. Ich werde weiterhin bloggen und die Kadenz wohl ähnlich hoch halten. Aber ich möchte mich etwas aus unfruchtbaren Debatten entfernen, auch auf Twitter. Thematisch etwas breiter werden, mehr vermitteln. Weniger meine Meinung verteidigen und mehr mehrere Meinungen darstellen. Ob mir das gelingt, wird sich zeigen. Bloggen ist oft ein Reflex, der einem erlaubt, die Deutungshoheit zu erlangen. Gerade in der Auseinandersetzung mit Reda el Arbi hat sich das schön gezeigt, wie wir beide auf unseren Plattformen mehrmals versucht haben, unsere Position auszubreiten. Natürlich hatte nur ich Recht, wie immer, eigentlich. Aber man muss nicht auf jeden Unsinn, den jemand ins Netz geschrieben hat, reagieren.

Mein Vorsatz ist also: Viel bloggen, aber gelassen bleiben. Mal sehen.

Mir bleibt zu danken: Es freut mich, wenn meine Texte gelesen werden. Oft erhalte ich Rückmeldungen von Personen, die nicht aktiv kommentieren, sondern hier immer wieder vorbeischauen. Danke dafür. Danke auch für Kritik, für Anregungen, für die Bereitschaft, mitzudenken.

Elemente des Lifestyle-Sexismus

Die folgenden Gedanken, so viel sei als Disclaimer gesagt, resultieren aus der Diskussion auf dem Portal clack.ch (»interaktiver Versammlungsort für stilsichere Frauen«), insbesondere mit dem »Quotenmann« Réda el Arbi (»zürcher aus religiösen gründen / keine politik mehr«) über Ironie, Humor und Klischees in Bezug auf Geschlechterrollen und Sexismus. Triggerwarnung: sexuelle Gewalt. 

Was Sexismus ist, ist allen klar. Warum er problematisch ist, auch. Falls nicht: Ein bisschen nachdenken.

Erstaunlich ist, dass Sexismus richtiggehend modisch geworden ist. Man kann sich heute damit profilieren, sexistisch zu sein, und erhält dafür Anerkennung. Natürlich handelt es sich nicht um den Sexismus 1.0, bei dem Männer Frauen direkt gesagt haben, was sie dürfen und was nicht. Der Lifestyle-Sexismus ist subtiler. Hier ein paar typische Bestandteile:

  1. »Man muss heute gar nicht mehr gegen Sexismus einstehen, weil ja allen klar ist, wie doof Sexismus ist.«
  2. »Frauen WOLLEN einfach keine Karriere machen und mögen es, sich sexy zu präsentieren – lasst doch einfach alle Menschen das tun, was ihnen Freude macht!«
  3. Ein paar diffuse Gedanken zur Evolutionstheorie und Biologie, zur Steinzeit, Brüsten und Vergewaltigung. Fazit: Sexismus ist naturgegeben, Widerstand zwecklos.
  4. »Das ist alles einfach ironisch.« / »Hättest du genug Humor, würdest du das auch verstehen.« / »Hier werden Klischees nicht gefestigt, sondern subversiv benutzt.«
  5. »Es braucht doch eine gewisse Spannung zwischen den Geschlechtern, dieses Knistern schafft doch erst richtige Erotik.«
  6. »Die Diskussion um Sexismus ist so 1960 / 1970 / 1980 / 1990. Da kommen keine neuen Argumente mehr.«
  7. »Die jungen Menschen leiden gar nicht mehr unter Sexismus, habe ich gehört.«
  8. »Eigentlich ist Sexismus doch Pornographie. Und Pornographie ist doch gut!«
  9. »Wärst du nicht so unlocker / prüde / verklemmt / ewiggestern / stur / dumm / uneinsichtig / rechthaberisch / selbstgerecht / unsicher / ernst / unweiblich / unmännlich / unmodisch / benachteiligt, dann hättest du mit all dem doch kein Problem!«
  10. »Mädchen können doch heute auch mit Lego spielen und Knaben mit Barbies. Alles GAR KEIN PROBLEM!«
  11. »Die meisten Frauen mögen es doch insgeheim, wenn man ihnen an den Arsch fasst.«
  12. »Es gibt doch viel dringendere Probleme als das. Afghanistan, Saudi-Arabien, Pakistan.«
  13. »Eigentlich sind es ja die Männer, die benachteiligt sind.«
  14. »Früher hab ich deine Meinung auch mal vertreten, aber nun bin ich schlauer.«
  15. »Es gibt eine Studie, bei der ein paar Halbwissenschaftler 1953 herausgefunden haben, dass…«
  16. »Diese Argumente gibt es doch schon lange, gebracht hat das doch alles nichts.«
  17. »Heute sind Menschen einfach nicht mehr so prüde, das ist dir offenbar nicht bewusst.«
  18. »Ich schau mir jetzt lieber eine sexistische Sendung im Fernsehen an, anstatt darüber nachzudenken.«
  19. »Warum musst du als Mann über Sexismus nachdenken? Können das die Frauen nicht selber?« / »Logisch, dass du als Frau über Sexismus nachdenkst, so verschafft ihr euch ja eure Vorteile!«
»Sexy Legs«. Aide VANESSAHHHHHH Flores. society6.

»Sexy Legs«. Aide VANESSAHHHHHH Flores. society6.

Damit man mich richtig versteht: Ich will Sexismus nicht verbieten, Rassismus auch nicht. Ich diskutiere auch gerne darüber, wenn diskutieren heißt, dass man echte Argumente austauscht, offen ist und seine Position begründen kann. Der Rahmen für eine Diskussion ist nicht das eigene Empfinden. Dass Menschen viele klar sexistische Haltungen, Handlungen und Darstellungen nicht als störend empfinden, ist gerade das Problem. Nur wenn ein Bewusstsein entsteht, was Sexismus bedeutet und wie er Betroffene trifft, verschwindet er. Die Einstellungen von Menschen und Gesellschaften zu Geschlechterrollen wandeln sich. Sie sind nicht einfach gegeben, sondern das Resultat verschiedener Prozesse. Die kann man ändern.

* * *

Offenbar spricht man in den USA bei diesem Phänomen von Hipster Sexism:

»For the media savvy [generation], irony means that you can look as if you are not seduced by the mass media, while being seduced by [it] … [and] wearing a knowing smirk«