Der Sprache oder den Menschen Unrecht tun? – Zu einem Einwand gegen gerechte Sprache

Für die NZZ schreibt Claudia Wirz heute darüber, was »’normal’ empfindende[] Menschen« über politisch korrekte Sprache denken: Es finde eine »Entstellung der deutschen Sprache« statt, nicht nur durch den Feminismus, der das generische Maskulinum verhindern will, sondern ganz allgemein:

Auch das Tugenddiktat des allgemeinen guten Denkens hinterlässt seine Spuren. Sein beliebtestes Stilmittel: der Euphemismus, um nicht zu sagen die Euphemismus-Kette, also die ständige Suche nach dem schönen Wort, um alle möglichen Opfer aller möglichen gesellschaftlichen Problemphänomene aufzuwerten.

Ich möchte Frau Wirz zwei Argumente entgegenhalten – zuerst ein allgemeines und dann ein spezifisch auf das generische Maskulinum zugeschnittenes.

1. Betroffene entscheiden über angemessene Sprache. 

Auch wenn Frau Wirz »normal« in Anführungs- und Schlusszeichen setzt: Schon allein die Verwendung des Wortes disqualifiziert ihre Überlegungen. Betroffene von Diskriminierung sollen angehört werden, wenn es darum geht, Phänomene zu bezeichnen. Sie sind es, die durch Sprache verletzt, benachteiligt, oder unsichtbar gemacht werden – also sollten wir sie fragen, wie wir anständig mit ihnen umgehen sollen, weil wir als privilegierte Menschen uns oft für so »normal« halten, dass wir neben allen anderen Rechten, die wir genießen, auch noch abschließend über die Sprachwahl urteilen wollen.

Nehmen wir ein Beispiel aus Wirz’ Kritik:

So wird zum Beispiel aus dem verhaltensgestörten Kind ein verhaltensauffälliges, und dieses entwickelt sich später zum verhaltensoriginellen Kind. Das Negative muss in positive Begriffe gefasst werden.

Ein Kind ist nichts Negatives – auch sein Verhalten nicht. Es ist auch nicht gestört, sondern es verhält sich nicht so, wie sich das viele Menschen wünschen oder wie es Normen festlegen. Es als »gestört« zu bezeichnen, impliziert ganz viele weitere Dinge: Z.B. dass die Störung behoben werden könnte oder sollte, dass sie jemand verursacht hat (wahrscheinlich die Eltern), dass alle, die Normen befolgen, nicht-gestört seien etc. Warum nicht einfach die Eltern fragen, wie sie gerne über das Verhalten ihres Kindes sprechen möchten? Was sie verletzt oder was das Kind verletzt – und welche Wortwahl nicht?

Das funktioniert auf jeder Ebene der politisch korrekten Sprache: Betroffene Mitmenschen anhören, ihre Perspektive berücksichtigen und versuchen, sie nicht zu verletzen, sondern sie zu behandeln, wie sie gerne behandelt werden möchten. Das hat weder mit einem »Tugenddiktat« zu tun noch mit einer »Entstellung« einer Sprache, sondern mit Anstand. Und Vernunft. Und Intelligenz.

2. Das generische Maskulinum hält nicht, was es verspricht. 

Der Gewährsmann von Claudia Wirz, Arthur Brühlmeier, versteht leider nicht, wovon er spricht (nur am Rande: warum nicht einfach eine Linguistin fragen, was sie vom generischen Maskulinum hält? – Zusatzbemerkung, 14 Uhr: Wirz interviewt auch eine Linguistin, Luise F. Pusch.):

Die Gleichsetzung von biologischem und grammatischem Geschlecht ist laut Brühlmeier allein schon deswegen unstatthaft, weil die Natur nur zwei, die Grammatik aber drei Geschlechter kennt. Der grammatische Genus hat nach dieser Lesart also nichts mit dem biologischen Geschlecht zu tun. So wird niemand dem Mädchen die biologische Weiblichkeit absprechen, nur weil es grammatisch sächlich ist.

Dass solche Sätze die Qualitätskontrolle bei der NZZ passieren, ist bedenklich genug. Natürlich gibt es ein grammatische Kategorien, die mit Geschlecht zu tun haben (»genus«) und nicht-grammatische (»sexus«). Nur verhalten sich die nicht so zueinander, wie Brühlmeier meint. Anatol Stefanowitsch erklärt das im Video sehr anschaulich. Kurzversion: Wenn wir sagen, »drei Studenten und vier Studentinnen haben eine Umfrage durchgeführt«, dann meinen wir mit den maskulinen und femininen Formen nicht-grammatische Kategorien, sondern biologisch/soziale.

Die Haltung, das generische Maskulinum als Vereinfachung zu sehen, mit der männliche und weibliche Personen bezeichnet werden können, ist nicht nur deshalb problematisch, weil Frauen unsichtbar gemacht werden, sondern deshalb, weil es sich um eine Fiktion handelt. Eine schlechte Fiktion, wie Stefanowitsch ausführt:

  1. Das generische Maskulinum führt zu notorisch ungenauer Sprache.
    Frauen müssen konstant überlegen, ob sie tatsächlich mitgemeint sind oder nicht (»Sieben Studenten haben eine Umfrage durchgeführt.« – Waren da jetzt auch Frauen dabei oder nicht?)
  2. Wir verarbeiten Sprache nicht so, wie das die Fiktion des generischen Maskulinums besagt. 
    Stefanowitsch zeigt anhand eines Experiments, bei dem Versuchspersonen angeben mussten, ob ein Satz wie (2) oder (3) unten als mögliche Fortsetzung von (1) angesehen werden konnten. Fazit für die Sprache Deutsch: »[E]in „generisches Maskulinum“ [existiert] im Deutschen (und Französischen) aus psycholinguistischer Sicht nicht.«
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Quelle: GYGAX, Pascal, Ute GABRIEL, Oriane SARRASIN, Jane OAKHILL und Alan GARNHAM (2008) Generically intended, but specifically interpreted: When beauticians, musicians, and mechanics are all men. Language and Cognitive Processes 23(3), 464-48. Zitiert nach Stefanowitsch.

Fazit: Menschen mögen sich an gerechter Sprache aus ästhetischen Gründen stören. Doch diese Gründe sind keine Entschuldigung dafür, linguistisch unhaltbare Theorien zu verbreiten oder andere Menschen mit Sprache zu verletzen.

Nein, keine Leitbloggerinnen und Leitblogger in der Schweiz.

Bedrohte Tierarten

Die angeregten Diskussionen über die Frage, ob es in der Schweiz »Leitblogger« (Frauen schienen zunächst allenfalls mitgemeint zu sein), provozieren mich noch zu einem kurzen Kommentar. Die Liste von Claude Longchamp in Ehren – für meinen Platz bedanke ich mich -, die Definition, was den Leitbloggende ausmacht, ist recht klar:

Der A-Blogger entspricht dem Meinungsführer nach Paul Felix Lazarsfeld, indem er Nachrichten und Informationen an andere weiter gibt. Durch seine Auswahl an Themen füllt er in der Blogosphäre ferner die Funktion des Gatekeepers aus, die in der Welt der traditionellen Massenmedien dem Journalisten zukommt. Diese A-Blogs beschäftigen sich zumeist mit öffentlichen Themen und werden dann auch Filter- und Knowledge-Blogs genannt. […] Als messbares Kriterium für die Einordnung als Alpha-Blogger dient vor allem die Zahl der Zugriffe oder Besucher. In der Regel kann von einem A-Blogger gesprochen werden, wenn die Zugriffszahlen über denen der vergleichbaren traditionellen Massenmedien liegen.

Clemens Schuster hat diese Definition von Wikipedia übernommen. Sie lässt sich verdichten: Leitblogs können Themen setzen, die von der Öffentlichkeit und anderen Medien als relevant angeschaut werden. Ich habe vor gut einem Jahr kurz zusammengetragen, welche Blog-Geschichten als relevant bezeichnet werden können. Mein damaliges Fazit:

Es gibt zwar Geschichten in Blogs, die relevant sind – die jedoch in den hier diskutierten Fällen von einer Expertin, einigen Journalisten, einem Politiker und von PR-Profis verfasst worden sind. Es gibt kein Beispiel aus den letzten zwei Jahren, bei denen ein klassischer Blogger ein Thema aufgegriffen hat, das bedeutsam war.

Das Fazit gilt auch heute noch. Natürlich könnten wir jetzt noch das Statistik-Spiel spielen. Ich erreiche mit meinen beiden Blogs, die ich enorm intensiv betreue, zwischen 500-1000 Leserinnen und Leser pro Tag (an gewissen Tagen sind es mehr). Das reicht nicht, um in irgend einer Form mit »traditionellen Massenmedien« mitzuhalten. Ich habe z.B. #Aufschrei enorm schnell meiner Meinung nach auch differenziert rezipiert, wurde aber nicht von traditionellen Medien gelesen – das Thema hat auf anderen Wegen seinen Platz in der Medienwelt gefunden.

Aber vielleicht gehe ich zu stark von meiner Perspektive aus und übersehe Blogs, die in der Lage sind, Themen zu besetzen…

Zu Journalismus, Blogs, PR und Marketing

Vor einer Woche hat die Swisscom eine neue App lanciert. Im Vorfeld haben die Verantwortlichen zusammen mit der PR-Agentur Farner Bloggerinnen und Blogger der Schweiz an einen exklusiven Event eingeladen: Ein aufwändig verpacktes Guetsli wurde verschickt, exklusive Tests und Informationen wurden versprochen, am Anlass selber gabs offenbar Bier und T-Shirts.

Einerseits: Eine nette Idee. Das Leben als Blogger ist nicht sonderlich grandios: Da arbeitet man in der Freizeit viel und muss sich oft rechtfertigen, warum man das Internet mit seiner Meinung füllt. Da tut es gut, mal ein paar Kohlenhydrate zugeschickt zu bekommen oder sich an einem Anlass mit Gleichgesinnten beim Bier unterhalten zu können.

Andererseits: Leicht durchschaubar. Bloggerinnen und Blogger sind Influencer, wie Farner selber schreibt: Nicht, weil ihre Texte in der Schweiz von vielen gelesen würden, beileibe nicht, sondern weil sie technikaffin sind und in ihrem Umfeld wohl sowas wie Power User – wenn die die Swisscom-App installieren, dann tun das wohl viele in ihrem Umfeld auch.

Soviel zur Ausgangslage. Ich war auch eingeladen, konnte aber nicht hingehen. Hätte ich hingehen können, hätte ich auch kritische Fragen gestellt und, wenn ich etwas Interessantes zu schreiben gewusst hätte, darüber geschrieben. Marketing gibts in meinem Blog nicht.

Das Guetsli war nämlich auch zerbrochen.

* * *

Nun hat sich übers Wochenende aber noch eine Diskussion ergeben: Barnaby Skinner schreibt in der Sonntagszeitung darüber, dass die Swisscom es zusammen mit Farner geschafft habe, kritische Bloggerinnen und Blogger zu »Komplizen« zu machen; Jean-Claude Frick kontert auf seinem Blog:

Natürlich sind einige Blogger käuflich. Eine schicke Einladung, ein netter Talk und man schreibt gerne positiv über das Erlebte. Andererseits geht es den Journalisten genau gleich.

Obwohl ich die Argumentation, dass Käuflichkeit unumgänglich sei und kritische Distanz irgendwie nicht sauber möglich, nicht für besonders stark halte, denke ich, Frick trifft einen wunden Punkt. (Letztlich geht es ja auch um ein Bewusstsein, wie viel das, was man selber leistet, wert ist – und ich weiß z.B., dass mir Unternehmen rund 150 Franken für einen Blogbeitrag mit Links zahlen: Warum sollte ich diese Leistung für ein Guetsli und ein Bier verschenken?)

Der wunde Punkt ist, dass die Grenzen zwischen Marketing und redaktionellen Beiträgen komplett zu verschwinden drohen. Mir macht nicht der Blogger Kyburz Angst, dessen Blogpost natürlich reine, unkritische Werbung ist – Menschen dürfen und sollen ins Netz schreiben, was sie wollen, auch wenn sie Fans von Produkten sind.

Aber wenn der Blick am Abend am selben Tag eine Zeitung produziert, in der die erste drei Seiten reine Werbung für das Swisscom-Produkt sind, dann nimmt mit einfach Wunder, wie viel Farner und die Swisscom dafür bezahlt haben (und wenn nicht, wie Riniger dazu kommt, diese Seiten zu verschenken).

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(In derselben Ausgabe gibts dann noch mal zwei Seiten Werbung, die als redaktioneller Beitrag verkauft wird. Da kommt es auf ein paar unkritische Bloggerinnen und Blogger nicht an…)Bildschirmfoto 2013-07-01 um 09.25.21

OBEY. Über die Jugend der 2010er Jahre

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Gehorche. Das Logo äußert einen Befehl: Einen geschützten Befehl, auf den es ein Copyright gibt. Der Befehl ist sehr zeitgemäß: Der Kapitalismus ist rauer geworden. Lange hat er uns geheißen, zu begehren: Die verformten Körperteile der Models, die mit Haarspray präparierten Lebensmittel in den Hochglanzmagazinen, das Leben – wahlweise als ein endloses Grillfest oder als Strandparty mit Martini Bianco. Nun sollen wir nicht mehr begehren, sondern gehorchen.

Und siehe da: Die Jugendlichen gehorchen. Zumindest kaufen sie die coolen Shirts und Caps, auf denen das Logo prangt. Aber nicht nur das: Während wir von ständig betrunkenen, gewalttätigen, sexualisierten Jugendlichen lesen, die von ihren Eltern nicht erzogen und in der Schule verwöhnt werden; wächst eine Generation heran, die  gehorcht. Der die Sicherheit und die Perspektive fehlt, um Kritik zu üben, Wagnisse einzugehen, ganz eigene Wege zu gehen: Priorität haben Ausbildung, ein gestählter Körper und eine einwandfreie Reputation. Alle Ausfälligkeiten könnten gegen einen verwendet werden. Überhaupt gibt es keinen Grund, sich zu wehren: Schließlich wollen alle ja das beste für einen. Wogegen könnte man sich denn schon wehren.

Die Aufforderung zu gehorchen, tragen Jugendliche heute un-ironisch. »Obey« ist die Marke, die heute Konformität schafft: Wer sie trägt, kann sich sicher sein, nicht aufzufallen, dazuzugehören.

Ihr Erfinder, der Designer Shepard Fairey, hatte eine subversive Absicht mit dem Logo, das zunächst auf Aufklebern prangte, wie er in einem Manifest von 1990 schreibt:

Many people who are familiar with the sticker find the image itself amusing, recognizing it as nonsensical, and are able to derive straightforward visual pleasure without burdening themselves with an explanation. The PARANOID OR CONSERVATIVE VIEWER however may be confused by the sticker’s persistent presence and condemn it as an underground cult with subversive intentions. Many stickers have been peeled down by people who were annoyed by them, considering them an eye sore and an act of petty vandalism, which is ironic considering the number of commercial graphic images everyone in American society is assaulted with daily.

Während Fairey noch von einem Kontrast zwischen dem Logo seiner Kampagne und den »commercial graphic images« sprechen kann, so ist »OBEY« heute auch zu einem Werbelogo geworden. Es steht nicht für eine Überlegung, nicht für Verunsicherung, sondern lediglich für eine Marke. Nur verkauft die Marke keinen Traum mehr, keinen Ausritt im wilden Westen wie die Zigarettenwerbung der 80er-Jahre oder einen attraktiven Büroalltag wie die Cola-Werbung der 00er-Jahre, sondern die Realität.

Feminismus, Sex und Pornographie

Vorbemerkung: Der folgende Blogpost enthält die Schilderung verschiedener sexueller Praktiken und diskutiert Vergewaltigungen.

* * *

Zu wissen, was es will, ist die größte Herausforderung für das moderne Subjekt. Was es eigentlich will, könnte man auch sagen – denn oft ist dieser Wille, bewusst oder unbewusst, fremdbestimmt; geformt in einem Sozialisationsprozess, angepasst an den Willen anderer Subjekte.

Die Fremdbestimmung, so kann man das Projekt Feminismus definieren, soll nicht strukturell über die Kategorie Geschlecht erfolgen. Menschen sollen tun und wollen können, was sie eigentlich wollen, ohne dass ihre Zugehörigkeit zu einem Geschlecht dieses Tun oder Wollen beeinflusst.

Eine der reinsten Formen des Wollens ist unser sexuelles Begehren. Wir denken darüber oft so, als handle es sich um das Eigentlichste, was wir kennen. Der Gedanke, dass wir in unserem Begehren beeinflusst oder angepasst sein könnten, ist für uns so schwer zu akzeptieren, dass der politische Feminismus oft das Thema Sex ausklammert und als privat markiert.

Was tun Feministinnen und Feministen eigentlich, wenn sie feststellen, dass sich ihre sexuellen Fantasien und Bedürfnisse nicht mit ihren Idealen und politischen Überzeugungen vereinbaren lassen?

Dieser Frage hat Nils Pickert in einem polemischen, in vielem falsch gedachten und unsauber argumentierten Kommentar gestellt, und gefordert:

Warum hält sich [der Feminismus] nicht aus der ganzen Sache raus und warum merkt er nicht, wenn er es schon nicht tut, dass er mit beinahe gleicher weltanschaulicher Wucht wie diverse Religionen versucht, das menschliche Intimleben für seine Deutungshoheit zu vereinnahmen?

Und die empörten feministischen Reaktionen verkündeten in den sozialen Netzwerken fast unisono, dass sie mit Pickerts Forderung einig gingen, toller Sex und feministisches Engagement widersprächen sich nicht. Feministinnen und Feministen hätten gemeinhin wundervollen Sex.

Das will ich nicht bestreiten. Aber entspricht es dem Programm, Sexualität – und womöglich auch gleich noch Pornographie – aussen vor zu lassen und den politischen Kampf auf Medien, Werbung und die etablierte Politik zu beschränken?

* * *

whatpurpose

Bevor ich diese Frage beantworte, möchte ich kurz eine Rezension von Marie Calloways »What Purpose did I Serve in Your Life« einschieben, das ich eben ausgelesen habe. Calloways Buch endet mit der Frage:

I wondered when I would stop abusing myself for the sake of new experiences, new sensations. [240]

Davon handelt das ganze Buch: Calloway – ein Pseudonym – schreibt in minmaler Prosa über ihre eigenen Erlebnisse. Natürlich handelt es sich um einen autobiographischen Pakt, den wir mit Calloway schließen, wir nehmen an, sie selber habe erlebt, worüber sie schreibt. Ob das so ist, ist eigentlich irrelevant für das, was die Lektüre auslöst. Calloway beschreibt zunächst ihren ersten Geschlechtsverkehr, dann mehrere Vorfälle, bei denen sie sich prostituiert hat und mit unbekannten Männern gegen Bezahlung geschlafen hat. Kernstück ist ihre Erzählung »Adrien Brody«, in der sie eine Affäre mit Rob Horning, einem New Yorker Intellektuellen beschreibt.

“Are you attracted to me, like physically?” he asked.
“Yeah, of course,” I said. I didn’t actually know if I was or not.
“Are you attracted to me?” I asked.
“Of course,” he said. [110]

Der Intellektuelle, der Tiefgründiges über Spinoza und Gramsci zu denken scheint, wird in der sexuellen Interaktion mit der 21-jährigen Calloway, die seine Tochter sein könnte, zu einem jämmerlichen Darsteller in einem Amateur-Porno. »His face changed to this huge dumb grin«, heißt es, als er seinen Samen über Calloways Gesicht gespritzt hatte. Seine strukturelle Macht ist gebrochen – aber nur, indem sich Calloway selbst ihm unterworfen hat und eine Rolle spielt, die sie »from a Japanese pornography« übernommen hat.

Die Ich-Erzählerin Marie Calloway handelt und befragt sich gleichzeitig ständig nach der Motivation für ihr Handeln. Sie beobachtet aber nicht nur sich selbst, sondern auch ihre Sexualpartner, ihre Wünsche, ihre Unsicherheiten, ihre Körper, ihre Aussagen. Dabei nimmt sie im ganzen Buch die Rolle ein, dass sie sexuell gefügig ist und sich von Männern wie eine Maschine [235] benutzen lässt. Sie tut dies, um überhaupt herauszufinden, wie ihr eigenes Begehren funktioniert, was sie erregt, wer sie ist und wie sie mit Männern interagieren kann, ohne unsicher und verletzlich zu sein.

Then I said that I was attracted to him. I wasn’t sure if I was attracted to him or not, but said that I was because I was confused as to how he felt towards me and wanted to know. [171]

Sie scheitert. »I’m totally powerless in the face of men« [138] – so könnte das Fazit lauten. Die einzige Ausnahme ist »Jeremy Lin« (gemeint ist Tao Lin), mit dem die Protagonistin eine Beziehung führt, in der die Machtverteilung diffus ist und nicht über sexuelle Unterwerfung organisiert ist.

Whenever I allowed myself to be used to blatantly I could never reconcile my excitement and my curiosity, my desire to experience, with the feeling of being dehumanized and uncared for. [235]

Für das moderne weibliche Subjekt, so zeigt und Calloway, gibt es es die Aufregung des Begehrens, die Ungewissheit neuer (sexueller) Erfahrungen und strukturelle Macht nur verbunden mit der Entwürdigung und der sozialen Ächtung. Frauen, die sexuell offen sind, müssen damit rechnen, von Männern missbraucht zu werden (obwohl Calloway, wenn ich genau gelesen habe, im Roman nur einmal beiläufig eine Vergewaltigung als solche erwähnt, beschreibt sie im Roman (?) eine Serie von Vergewaltigungen).

Die offene Frage ist, ob die literarische Strategie Calloways aufgeht.

I think deep down I published things because there was a desire to be understood by other people, but that didn’t really happen and it now seems kind of ridiculous to think that could happen.

Das Buch ist schon auf einer anderen Ebene. Es ermöglicht eine Reflexion über eine Reflexion über eine Darstellung von menschlichen Interaktionen. Dass diese Interaktionen sexuelle sind, lese ich als Experimentalanordnung: Die Intimität löst die Figuren aus ihren sozialen Verpflichtungen und dem Wahren eines Scheins.

* * *

Hat Politik im Bett etwas verloren – oder ist Sex ohne soziale Bedeutung, weil er natürlich ist, ohne die Möglichkeit, gesellschaftlich beeinflusst zu werden? So gefragt scheint die Antwort klar.

Fast als Kommentar zu Calloway kann ein Slate-Interview mit dem Journalisten Daniel Bergner gelesen werden, der in seinem Sachbuch darstellt, wie weibliche Sexualität kulturell geformt wurde. Befragt, warum einige Frauen sexuelle Fantasien hätten, die Vergewaltigungen beinhalteten, sagt er:

The force of culture puts some level of shame on women’s sexuality and a fantasy of sexual assault is a fantasy that allows for sex that is completely free of blame. So that’s one reason. Another, […] which I think is very compelling, is this idea that the feeling of being desired is a very powerful one, a very electrical one. And I think at least at the fantasy level, that sense of being wanted, and being wanted beyond the man’s self-control is also really powerful.

Weil Sexualität mit Scham und Schuld verbunden ist und weil das eigene Begehren vom Begehren anderer abhängig ist, spielt die Gesellschaft in die Sexualität rein. Es gibt kein menschliches Verhalten, das nicht auch kulturell geformt wäre.

Diese Formung beschreibt eine andere amerikanische Feministin, Rachel R. White in einem berührenden Essay. Darin sagt sie über Pornografie:

I say that when I’ve gone to tube sites or whatever, I feel this sort of empty sick in my stomach that it’s always the same image, always a woman demeaned and submitting. Teen anal gang bang, Japanese girl submits, black slut with two cocks projected into the retinas of twelve year old boys, images of women getting pleasure solely by being demeaned, being told, “You like that don’t you.” The male viewer rewarded with orgasm, as the women answer “U-huh, I do,” every time.

I can’t be pro-porn if this is 95% of porn. Cannot be a pro porn feminist, if I can’t follow up the acknowledgement that while Sasha Grey liked her violent scenes, while women can want to be submissive, that these are typical and sexist fantasies, and what do these images do in a larger sense?

* * *

Bei Vergewaltigungen, so wird oft gesagt, gehe es nicht um sexuelle Bedürfnisse, sondern um Macht und Unterwerfung. Und diese Aussage ist wohl in einem viel allgemeineren Sinne wahr, als wir denken würden. Bei Sex geht es um Macht und Unterwerfung. Die Vorstellung der westlichen Sexualmoral, dass alle Praktiken unproblematisch seien, mit denen alle Beteiligten einverstanden seien, geht davon aus, dieses Einverständnis erfolge frei, ohne strukturelle Machtverteilung. Wenn sich Alexandria Brown fragt, ob ein Sex-Streik nicht die einzige Möglichkeit sei, wie Misogynie und Sexismus abgeschafft werden könnte, dann schließt sie an diese Überlegungen an.

Ich will keinen Sex-Streik ausrufen. Und ich will mich auch nicht in Schuldzuweisungen ergehen oder anderen ein schlechtes Gewissen machen. Auf die interessanten Fragen gibt es keine einfachen Antworten. Sex ist nicht apolitisch, im Gegenteil: Sex hat ganz viel mit politischer Macht zu tun. Diese Einsicht hilft dabei, über die eigenen Erfahrungen nachzudenken und sich zu überlegen, woher das eigene Begehren kommt, wie stark es vom Begehren anderer abhängig ist und ob das, was wir tun – ob im Bett oder außerhalb – wirklich das ist, was wir tun wollen, oder das, was von uns erwartet ist und von dem wir denken, die anderen wollen, dass wir es tun.

Geschlecht ist sozial konstruiert – und das Fundamentalproblem der Gender Studies

Genderforscher glauben, dass “Männer” und “Frauen” nicht eine Idee der Natur sind, sondern eine Art Konvention, ungefähr wie die Mode oder der Herrentag.

Dieser Satz aus Harald Martensteins Zeit-Essay über die Genderforschung müsste nicht auf den Glauben von »Genderforscher« (es gibt mehrheitlich Genderforscherinnen, wie Martenstein selbst feststellt) zurückgeführt werden, sondern könnte als Feststellung so lauten:

»Männer« und »Frauen« sind nicht eine Idee der Natur, sondern eine Konvention, ungefähr so wie die Mode oder der Herrentag.

Aber – so würden wohl viele, so auch Martenstein einwenden – da ist doch vieles biologisch festgelegt; man denke nur an Hormone, Chromosomen und Evolution. Tatsächlich: Es gibt viele biologische Zusammenhänge und Kausalitäten, die wir beschreiben könnten. Nur: Erstens vermischen sie sich ständig mit sozialen Faktoren, wie Juliane Goschler in ihrer brillanten Replik auf Martenstein gezeigt hat. Und zweitens ist die Verwendung der Begriffe »Frau« und »Mann« eine soziale. Bevor wir untersuchen können, was »männlich« und »weiblich« ist, müssen wir Menschen ja schon in zwei Gruppen getrennt haben, die wir dann miteinander vergleichen.

Und hier findet ein Vorgang statt, der tatsächlich nur eine Konvention ist: Dass wir biologische Merkmale und statistische Beschreibungen in zwei polare Kategorien teilen. Es gibt kaum biologische Eigenschaften, die entweder vorliegen oder nicht: Meistens handelt es sich um graduelle Abstufungen. Es gibt nicht eine Klitoris oder einen Penis, sondern ein ganzes Spektrum, das von Ärztinnen und Ärzten oft so behandelt wird, als gäbe es tatsächlich nur zwei Möglichkeiten und Abweichungen davon.

Gender Menu on Google+

Also: Dass beispielsweise die einen Menschen aggressiver sind als die anderen, lässt sich biologisch und sozial erklären, z.B. durch Hormone, Sozialisation etc. Aber dass wir die Verteilung der Aggressivität meist unter dem Gesichtspunkt des Geschlechts betrachten und hier nach einer Korrelation suchen, ist eine Konvention, es ist willkürlich und es ist nicht biologisch gegeben. Wir könnten genau so gut Menschen danach unterteilen, ob sie vor oder nach dem Geburtstermin auf die Welt gekommen sind. Oder ob sie größer oder kleiner als 1.65 sind.

Kurz: Weil Geschlecht als soziale Unterscheidung verwendet wird (z.B. um verschiedene Toiletten anzubieten, Kategorien in Sportarten einzuführen, Aussagen über Schule zu machen etc.), kann sie logisch nicht biologisch begründet sein. Korrekt wäre zu sagen, dass in die soziale Unterscheidung auch die soziale Wahrnehmung biologischer Faktoren einfließe.

* * *

»Aber Männer sind doch aggressiver als Frauen?« – Will man präzis sein, so müsste man zuerst definieren, was man unter »Männer« versteht – und danach sagen, einige/viele/der Durchschnitt könne in Bezug auf einen bestimmten Test in diesem Maße als aggressiver eingestuft werden als einige/viele/der Durchschnitt von der Gruppe »Frauen«, bei der man wiederum sagen müsste, was man darunter versteht. In einem nächsten Schritt müsste man zeigen können, inwiefern dieses Ergebnis durch biologische Faktoren erklärbar ist.

Könnte man solche Unterschiede präzise beschrieben (das kann man in den wenigsten Fällen), dann hätte das wiederum hauptsächlich soziale Folgen. Sollten wir zwei Gruppen unterschiedlich behandeln, nur weil einige von ihnen in Bezug auf bestimmte Tests ein anderes Resultat erbringen und wir das möglicherweise auch biologisch erklären können?

Das Fazit dieser Überlegungen wäre eigentlich, die Kategorie Geschlecht fallen zu lassen. Ein Staat, der weder im Gesetz noch in der Administration das Geschlecht seiner Bürgerinnen und Bürger erfasst, wäre meines Erachtens in jeder Hinsicht gerechter als ein anderer.

Tatsächlich aber schließen die Gender Studies an diese Überlegungen oft eine Kritik des Umgangs mit Benachteiligten an: Frauen seien, so ein klassisches Argument, in Führungspositionen untervertreten. Paradoxerweise werden in dieser Kritik wiederum Kategorien verwendet, die eigentlich nicht haltbar sind. Die Gender Studies verwenden also gerade die Zuschreibungen, die sie kritisieren wollen. Hanna Meißner hat das wie folgt formuliert:

Geschlecht wird als paradoxe Kategorie begriffen: Sie ist für die Analyse gesellschaftlicher Ungleichheitsverhältnisse notwendig; zugleich besteht die Gefahr, durch den Bezug auf diese Kategorie das vorauszusetzen und zu bestätigen, was eigentlich Gegenstand der Analyse ist, nämlich die Geschlechterdifferenz. Damit verbunden stellt sich die Frage, ob der Fokus auf die Herstellungsprozesse von Geschlecht dazu führt, dass strukturelle Ungleichheiten in den gesellschaftlichen Geschlechterverhältnissen aus dem Blick geraten.

So gibt es beispielsweise drei sich konkurrenzierende Definitionen von »Mann« in der aktuellen feministischen Debatte:

  1. Fremdzuschreibung (»wer als Mann wahrgenommen wird, ist Mann«)
  2. Selbstzuschreibung bzw. Selbstdefinition (»wer von sich sagt, Mann zu sein, ist Mann«)
  3. strukturelle Position, die mit Privilegien verbunden ist (»wer in einem Genderkontext privilegiert ist, ist ein Mann«).

Alle diese Definitionen können die Probleme der biologischen oder biologistischen Denkweise umgehen, aber sie verwenden immer noch ein Konzept, das an Normen und Klassifikationen orientiert ist, welche die Gender Studies generell kritisieren.

Zu (einem Text über) Hochbegabung

Ich muss vorausschicken, dass ich es als Lehrer oft mit Jugendlichen zu tun haben, welche hochbegabt sind. Während ich bei einigen Kollegen (meist Männern) erlebe, dass sie an diese Jugendlichen höhere Erwartungen an ihre schulischen Leistungen stellen (schließlich sind sie ja »hochbegabt«), frage ich bei Eltern und Jugendlichen immer nach, wie sich das konkret auswirke, welche Bedürfnisse sich daraus ergeben. Mir ist völlig klar, dass es sich hier um eine psychologische Diagnose handelt, die erstens auf einer unklaren Begrifflichkeit fusst (man lese nur die Definition im Wikipedia-Artikel), zweitens auf einen Kontext Bezug nimmt: Fragen und Unsicherheit von Eltern, von Jugendlichen, von Lehrpersonen; soziale Schwierigkeiten, schulische, emotionale.

Eine Definition von Hochbegabung: Zu den 2,2% mit höchstem IQ gehören, d.h. heute >130.

Eine Definition von Hochbegabung: Zu den 2,2% mit höchstem IQ gehören, d.h. heute >130.

Der Begriff »hochbegabt« bedeutet dann zunächst etwas, was für mich als Pädagogen selbstverständlich ist: Verhaltensweisen, die nicht der Norm entsprechen, können den betroffenen Jugendlichen nicht im Sinne einer persönlichen Verantwortung angelastet werden, sondern lassen sich mit biologischen, psychologischen und sozialen Faktoren erklären. Für vieles, was wir tun, können wir nicht verantwortlich gemacht werden.

Ich denke, ich bin selber hochbegabt. In meiner Kindheit und Jugend fühlte ich mich oft unverstanden und alleine; in der Schule war ich konstant unterfordert. Aber ich hatte Glück: Mir gelang es, meine Interessen immer wieder produktiv zu machen, ich konnte belastbare Beziehungen knüpfen und litt nie überaus stark an den Auswirkungen der – nicht durch Fachleute diagnostizierten – Hochbegabung.

Aber ich würde nie von mir auf andere schließen: Genau so wenig, wie ich aus der Erfahrung, depressive Phasen überwinden zu können, darauf schließen würde, depressive Menschen könnten ihre Krankheit aus eigenem Antrieb überwinden, würde ich argumentieren, dass Hochbegabte soziale und psychische Probleme aus eigener Kraft vermeiden könnten. Es ist wichtig, dass sie unterstützt und begleitet werden und die Gesellschaft und Bildung für die Auswirkungen von Hochbegabung sensibilisiert werden.

* * *

Gleichwohl habe ich mich gestern über Meike Lobos Text »Alien Nation« geärgert. Weshalb, war mir zunächst nicht klar. Nun habe ich darüber nachgedacht und versuche es zu formulieren.

Der erste Grund sind wohl diese Fragen:

Warum darf jeder Spaten an der Schwachsinnsgrenze glücklich werden und ich nicht? Warum hat jedes hohle Tittenmäuschen 7 beste Freundinnen und ich nicht eine? Warum finden die seichten Idioten 20 Gesprächspartner und ich ernte nur verständnislose Blicke, wenn ich aufzähle, was mich interessiert?

Wer darüber schreibt, dass es in der Diskussion über Intelligenz an Präzision und Respekt fehle und dass Hochbegabung nicht bedeute, Menschen seien »toller« als andere, dann dürfte man wohl nicht von »Spaten«, »Tittenmäuschen« und »Idioten« sprechen. Respekt verdienen alle.

Der zweite Grund wäre dann dem Text zugrundeliegende Hoffnung, durch eine Theorie der Hochbegabung eine Reihe von Störungen erklären zu können:

Hochbegabung bringt außerdem oft unangenehme Freunde mit, wie z.B. ADHS, Hypersensibilität, bipolare Störungen und einen fatalen Hang zu Selbstmorden.

Natürlich stimmt das: Das Auftreten von Hochbegabung steht in einer Korrelation zu diesen Krankheitsbildern oder Störungen. Aber das hilft den Menschen nicht weiter, die beispielsweise an bipolaren Störungen leiden. Zu sagen: Einige davon sind hochbegabt – was macht das mit den anderen? Die sind genau so wenig dafür verantwortlich, dass sie an einer Störung leiden. Und während das eine wissenschaftlich weiterführende Erkenntnis sein mag, dass Intelligenz mit bipolaren Störungen zusammenhängt, scheint mir die Wirkung entsprechender Diagnosen – Meike Lobo fordert, dass Psychologinnen und Psychologen bei diesen Störungsbildern routinemäßig auf Hochbegabung testen müssten – trügerisch: Das Ziel muss sein, dass Menschen sich nicht schuldig fühlen, wenn sie krank sind; und ihnen nicht suggeriert wird, sie könnten für Störungen die Verantwortung übernehmen.

Deshalb irritiert mich drittens die Forderung nach einem Label, das so verwendet werden kann, wie »Ich bin aus Deutschland«. Gerade dieses Beispiel zeigt ja, wie Label funktionieren: Sie sind gekoppelt mit falschen Vorstellungen, Vorurteilen und Wertungen. Wer auf der Welt sagt, »Ich bin aus Deutschland«, wird anders wahrgenommen, wie jemand, die sagt: »Ich bin aus der Schweiz«. Und dafür gibt es keinen vernünftigen Grund.

Label führen dazu, dass Unterschiede negiert werden. Nicht alle Hochbegabten sind gleich. Nicht alle Autistinnen und Autisten sind gleich. Und nicht alle Deutschen sind gleich.

Ich bin mit Meike Lobo einverstanden: Betroffene sollen sich nicht alleine fühlen. Sie müssen präzise beschreiben und verstehen, was ihnen zu schaffen macht. Sie müssen sich in der Gesellschaft sicher und wohl fühlen.

Aber meiner Meinung hilft ein Label nicht weiter. Entscheidend ist, dass Menschen als Individuen wahrgenommen werden und nicht als Vertreterinnen und Vertreter abstrakter Gruppen. »Ah, hochbegabt! In diesem Fall bipolar und suizidal, oder?« Andere Hochbegabte, so heißt es im Text, seien »kleingeistige Pisser, zerfressen von eitlen Befindlichkeiten«. Gehören diese Verhaltensweisen vielleicht auch zum Spektrum dessen, was mit Hochbegabung gemeint ist, und verdienen entsprechende Rücksicht und Respekt?