JRZ: Entscheid der Ombudsstelle

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Heute habe ich per Post von Achille Casanova den Entscheid der von ihm geleiteten Ombudsstelle in Bezug auf meine Beschwerde zu »Jeder Rappen zählt« erhalten. Ich habe im Dezember bereits einmal über den Verlauf der Beschwerde berichtet. Der Entscheid kann als pdf hier abgerufen werden, die wesentlichen Argumente von Robert Ruckstuhl, dem Programmleiter Radio SRF, sind:

  1. JRZ trage zur Meinungsbildung über »menschliche Notlagen in aller Welt« bei. 
  2. Die Glückskette verteile die Gelder an Hilfswerke weiter, diese würden deshalb nicht konkurrenziert.
  3. Sendungen zu Sammelaktionen der Glückskette gehörten seit Jahrzehnten zum Programm von SRF, JRZ thematisiert eine »’vergessene’ Katastrophe«.
  4. Schleichwerbung könne nicht vorliegen, weil weder eine Gewinnorientierung vorliege, noch eine Einflussnahme auf die redaktionelle Selektion der Spenderinnen und Spender vorgenommen werden könne, die im Programm genannt werden.

Casanova schließt sich dieser Argumentation im wesentlichen an. Er betont die Programmautonomie, die Platz für solche Sendungen lasse, das sonst  »das zuständige Bundesamt für Kommunikation intervenieren würde«. Zudem sei die Aktion »einmalig« und das Vorgehen der Glückskette transparent.

Zum Vorwurf der Schleichwerbung hält Casanova fest, dass ein »fünfstelliger Betrag« eine Erwähnung garantiere, damit aber weder Waren noch Dienstleistungen im Programm genannt würden.

Aus diesen Gründen weist er die Beschwerde ab.

Es ist nun möglich, die Beschwerde an die unabhängige Beschwerdeinstanz weiterzuziehen. Dafür sind gemäß Art. 94 RTVG drei Parteien zugelassen:

  1. wer am Beschwerdeverfahren bei der Ombudsstelle beteiligt war (also ich)
  2. wer eine enge Beziehung zum Gegenstand der Sendung nachweisen kann […]
  3. 20 natürliche Personen, die das durch Unterschrift bezeugen und mindestens 18 Jahre als sind und über eine Niederlassungs-, eine Aufenhaltsbewilligung oder das Schweizer Bürgerrecht verfügen.

Die Frist beträgt 30 Tage ab heute. Machen wir’s doch so: Wenn sich innert 15 Tagen 20 qualifizierte Personen in den Kommentaren eintragen oder mir eine Mail schicken, werde ich die Beschwerde weiterführen. Grundsätzlich bin ich immer noch der Meinung, JRZ entspreche nicht dem Auftrag von SRF. Während die Argumentation von Ruckstuhl meine Bedenken wegen Schleichwerbung eher zerstreut hatten, irritiert mich Casanovas Bemerkung, ein fünfstelliger Betrag stelle die Erwähnung im Programm sicher. Ich warte also mal ab, welche Reaktionen es gibt.

Prüderie – eine Auslegeordnung

Eine These, die beim Apéro eigentlich immer gut ankommt, lautet: Heute sei die Gesellschaft/die Jugend total prüde, während die Scheinwelt der Werbung und der Medien das Gegenteil suggeriere. Zudem glaube die Gesellschaft/die Jugend, früher seien alle viel prüder gewesen, obwohl das nicht stimmt.

Kurt Imhof formulierte kürzlich in der Diskussion über den Umgang der Medien mit #Aufschrei die These etwas akademischer:

Faszinierend ist doch das Faktum, dass wir uns alle – inmitten einer hochsexualisierten Informations- und Unterhaltungsindustrie – immer mehr in eine neue innerweltliche Askese einkerkern, die bereits Blicke auf die hergezeigten Primärmerkmale – moralisch sanktioniert. Geschweige denn die Thematisierung dieser Merkmale.
Die PuritanerInnen, würde Max Weber sagen, wussten wenigsten noch wieso sie sich in ihrem Erdental des Leidens jeglicher Körperlichkeit (bis auf die Reproduktionspflicht) enthalten mussten. Es ging immerhin um ihren Gnadenstand, also um die Zutrittsgewissheit zum ersehnten Paradies entgrenzter Sinnlichkeit. Bei uns geht es bloss um politische Korrektheit im medienwirksamen, weil moralgesättigten Täter-Opfer-Gesellschaftsspiel beim Preis unserer Skandalisierung. Die PuritanerInnen hatten es besser.

Dieser Kommentar hat mich verärgert, weil er auch bekannte Derailing-Strategien setzt: Diskussionen über Sexismus werden häufig über den Verweis auf politische Korrektheit, Moral und eben Prüderie ausgehebelt. Die Begriffe sind eigentliche Kampf- und Machtbegriffe: Wer anderen politische Korrektheit, Moral oder Prüderie vorwerfen kann, bewegt sich auf einer Metaebene, die es erlaubt, die vorgebrachten Argumente zu ignorieren und als etwas Sekundäres zu bezeichnen: »Eigentlich geht es dir nur darum,  korrekt/moralisch überlegen/prüde zu sein, deshalb argumentierst du so.«

Nun, mein Ärger hat sich gelegt und ich möchte etwas genauer darüber nachdenken, was Prüderie eigentlich meint. Hier einige Ansatzpunkte:

  1. Askese: Prüde ist, wer die eigenen sexuellen Bedürfnisse nicht wahrnimmt, nicht ausdrückt oder nicht auslebt, weil er oder sie sich diese nicht zugestehen will. 
  2. Moral/Anstand: Der Ausdruck und das Ausleben von Sexualität wird als unanständig und oder unmoralisch markiert und so tabuisiert.
  3. Hemmungen/Unsicherheit: Menschen werden psychisch daran gehindert, ihren Körper und ihre Sexualität zu zeigen.
  4. Rücksichtnahme: Menschen halten sich in sexueller oder körperlicher Hinsicht an Normen, um andere nicht zu belästigen.

Diese vier Aspekte sind oft miteinander verbunden, wenn von Prüderie der Rede ist.

Sitzender nackter Mann. Rebrandt, Skizze, 1646.

Sitzender nackter Mann. Rebrandt, Skizze, 1646.

Entscheidend schient mir aber, dass die im Phänomen der Prüderie aufscheinenden Normen auch mit Machtstrukturen gekoppelt sind. Sexualität lässt sich, wie viele andere Bereiche des menschlichen Lebens, ohne Normen nicht denken: Es gibt immer Praktiken, Lebensweisen, Darstellungen und Erscheinungen, die allgemein akzeptiert werden, um solche, die radikal tabuisiert werden (und natürlich solche dazwischen).

Nehmen wir ein einfaches Beispiel: Das Zeigen des eigenen, nackten Körpers in Zürich, 2013. Entspricht der Körper Normvorstellungen, ist es denkbar, ihn z.B. in Badeanstalten zu zeigen, so lange Po, Vulva, Penis und weibliche Brüste verhüllt sind. Das gilt auch schon für Säuglinge, wobei die Brust von Mädchen erst im Kindergartenalter verhüllt werden soll, oft aber schon früher bedeckt gehalten wird. In nicht gemischt-geschlechtlichen Garderoben, Duschen und Saunen ist es möglich, gänzlich unbekleidet zu sein, so lange niemand von außen reinsehen kann.

Das ist die Norm. Radikal tabuisiert ist es nun zum Beispiel, sich Kindern nackt zu präsentieren; sanktioniert wird z.B. das Zeigen von nicht der Norm entsprechenden Körperteilen (z.B. mit bauchfreien Oberteilen, Leggins, Schambehaarung, Gesichtsbehaarung), besonders bei Frauen.

Schönheitswettbewerb: Beine; Kalifornien 1948

Schönheitswettbewerb: Beine; Kalifornien 1948

Dass es Normen gibt, erstaunt niemanden. Normen ändern sich, in den 80er-Jahren sonnten Frauen sich oft oben ohne, Kinder badeten nackt. Kann man damit sagen, die oben geäußerte These sei langweilig, weil sich Menschen immer an Normen ausrichten und sie beachten? Wenn Prüderie die Orientierung an akzeptierten Mustern meint, dann schon.

Aber wahrscheinlich steckt noch mehr dahinter, z.B.

  • die Frage, ob Normen denkbar sind, die den Bedürfnissen der Menschen besser entsprechen (die dann als weniger »prüde« bezeichnet werden). 
  • die Sehnsucht nach einer vergangenen Zeit, in der Sexualität einfacher war (was wahrscheinlich gar nicht stimmt).
  • der Widerspruch zwischen der von der Werbung benutzen Vorstellung, Sexualität und permanente Lust seien Bedingungen für ein glückliches Leben, es sei möglich, unsere intimsten Bedürfnisse zu befriedigen – und der Realität.
  • der individuelle Widerspruch zwischen dem Anspruch, keine Hemmungen und Unsicherheiten zu kennen und Moral nicht zu benötigen – und der Realität.
  • das Problem der Rücksichtnahme, also die Erkenntnis, dass die Befriedigung der eigenen Bedürfnisse nicht auf Kosten anderer gehen darf; dass andere im eigenen Begehren zwar als Objekte erscheinen mögen, aber nicht zu Objekten gemacht werden dürfen, wenn man selber nicht auch objektifiziert werden möchten.
  • die Kritik an der Gesellschaft und der Jugend, die immer auch zeigt, dass man selber anders ist, lockerer, sicherer, gelöst von Normen und Konventionen.

Für weitere Interpretationen gibt es Raum in den Kommentaren, ich freue mich.

 

Aufschrei – eine Medienschau

Ich habe kurz zusammengetragen, wie die Sexismusdebatte um den Twitter-Hashtag #Aufschrei in den deutschschweizer Print- und Online-Medien geführt worden ist (ich freue mich sehr über Ergänzungen und Korrekturen). Kurz gefasst: Einzelne Verlage haben sie stärker (Tamedia, Aargauer Zeitung) bearbeitet als andere (Ringier); in der WoZ fehlt die Debatte ganz. Hauptsächlich haben sich Männer über den Alltagssexismus gegen Frauen geäußert. Die Deutung überlasse ich gerne den Leserinnen und Lesern…

NZZ

Joachim Güntner – Deutschlands Sexismus Problem: Bitte nur noch feministisch angehauchte Avancen! (29. Januar)

Rainer Stadler – Platter Realismus für Skandalsüchtige (29. Januar)

o.A. - #Aufschrei: Riesendebatte auf Twitter (25. Januar)

Tages-Anzeiger

Bettina Weber – »Jovial« bedeutet oft »anzüglich« (29. Januar)

Jean-Martin Büttner - Auch die Vorwürfe kleben (30. Januar)

Newsnet

Michèle Binswanger – »Zeit fürs Bett« (24. Januar)

Marc Brupacher – »Altherrenrunden müssen Distanz lernen« (25. Januar)

Lukas Meyer-Marsilius – »Es gibt Grenzüberschreitungen von beiden Seiten« (25. Januar)

Franziska Kohler – »Das hat nichts mit guten Journalismus zu tun« (28. Januar)

Christian Lüscher – »Ein abgewandelter Shitstorm« (28. Januar)

Walter Hollstein (Mamablog, Gastautor) – Wieder nur Täter? (30. Januar)

Fabian Muhieddine (24heures) – Wie sexistisch ist die Schweizer Politik? (31. Januar)

Philipp Tingler (Blogmag) – Homosexismus (1. Februar)

Michèle Binswanger (Blogmag) – Sexismus und sexuelle Übergriffe (29. Januar)

20Minuten/20min.ch

Philipp Dahm – »Zeit fürs Bett« (26. Januar)

Philipp Dahm – Macho-Streit: »In bester Mario-Barth-Manier« (28. Januar)

Blick/Blick am Abend

Regula Stämpfli (Fadegrad) – Politik im Décolleté (28. Januar)

Landbote

N.N. – Ein Problem der Macht (29. Januar)

Aargauer Zeitung/Die Nordwestschweiz/Die Südostschweiz

Karen Schärer – #Aufschrei gegen Sexismus – auch in der Schweiz (28. Januar)

Karen Schärer/Werner de Schepper – Politikerinnen: Auch im Bundeshaus gibt es Sexismus (28. Januar)

Karen Schärer – So nicht (Kommentar) (28. Januar)

N.N. – Ein Herrenwitz erregt Deutschland / Die Diskussion tobt auf allen Kanälen, nur ohne Brüderle (29. Januar)

N.N. – Frauen noch nicht am Ziel (29. Januar)

N.N. – Darüber zu reden ist notwendig (28. Januar)

N.N. – »Arbeitswelt muss keine flirtfreie Zone werden« (29. Januar)

Basler Zeitung

Fünf Redaktorinnen (N.N.) – Wenn der Herrenwitz nicht mehr lustig ist (30. Januar)

St. Galler Tagblatt

N.N. – Sexismus-Debatte in Deutschland (29. Januar)

Thurgauer Zeitung

N.N. (Murgspritzer) – Eine Frage des Stils (30. Januar)

Weltwoche

Claudine Esseiva (Gastautorin) – Sexuelle Belästigung. Herr Brüderle, entschuldigen Sie sich (31. Januar)

Henryk M. Broder – Felix Germania! (31. Januar)

Kurt W. Zimmermann – Nach Einbruch der Dunkelheit (31. Januar)

Blogs

Medienspiegel: Andrea Masüger - Wo bleibt die Aufklärung (29. Januar)

Ivinfo: Marie Baumann – Einige Gedanken zum #aufschrei (29. Januar)

Silver Train: Andreas Gossweiler – Die Debatte um Aufschrei zum Totlachen, wenn das Thema nicht wäre Wenn Männer über #aufschrei diskutieren (30. Januar)

Mama hat jetzt keine Zeit: Katharina Bleuler – Kurzgefasst im Januar 2013 (1. Februar)

Können Eltern ihre Kinder am besten betreuen?

Im Zusammenhang mit der Abstimmung über den Familienartikel kommt es zu Diskussionen über die optimale Betreuung von Kindern. Viele vorgebrachte Argumente basieren auf Kampfbegriffen und unsauberen Vergleichen: KITAs haben nichts mit einem Staat wie der DDR zu tun, es gibt keinen Zwang, Kinder in KITAs betreuen zu lassen und sie werden dort auch nicht mit bestimmten Ideologien indoktriniert. Schon allen der Begriff »Fremdbetreuung« ist polemisch – jedes Kind, das sich nicht selber betreut, wird fremdbetreut. Und die Betreuerinnen (und die wenigen Betreuer) in den KITAs sind verlässliche und wichtige Bezugspersonen für Kinder – keine Fremden.

Der Widerstand gegen staatliche Unterstützung von KITAs ist oft an die Überlegung gekoppelt, dass doch die Eltern entscheiden sollen, wie ihre Kinder betreut werden, weil sie das am besten können. Also müssten alle Optionen finanziell gleich attraktiv sein. Abgesehen davon, dass viele Mittelstandseltern in der Schweiz für die KITA-Betreuung heute mehr bezahlen, als sie an zusätzlichem Nettoeinkommen generieren können, kann man sich die Frage stellen, ob denn Eltern tatsächlich gut darüber entscheiden können, welche Betreuung für ihre Kinder die beste ist.

Was befähigt sie dazu? Die biologische Tatsache, dass sie die Eltern des Kindes sind, wohl nicht. Eher schon die viele Zeit, die sie mit dem Kind verbracht und in der sie es kennen gelernt haben. Aber laufen sie nicht gleichermaßen Gefahr, sich selber zu überschätzen, was ihre pädagogischen Fähigkeiten und ihre Betreuungskompetenz anbelangt? Ist es nicht einfach vermessen zu denken, man könne etwas besser, als ausgebildete Fachleute? Um einen etwas groben Vergleich zu wählen: Wäre das nicht so, als würde ich meine Zähne selber flicken, weil es ja schließlich meine Zähne sind und sie sich in meinem Mund befinden?

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Empfehlenswert: Ein Besuch in einer KITA im Jahr 2013.

 Fachleuten zu vertrauen, die in eine professionell geführte Institution eingebunden sind, ist wahrscheinlich nicht besonders dumm. Zumal es Orte sind, an denen Kinder gesund ernährt werden, keine Bildschirmmedien konsumieren und von klein auf lernen, mit anderen Kindern zu interagieren und Sozial- und Selbstkompetenz aufzubauen. Gibt es Eltern, die das ihren Kindern auch ermöglichen können? Selbstverständlich. Aber es gibt viele, die das nicht können oder nicht wollen.

Ich fordere keinen Krippenzwang. Aber ich halte nicht viel von der Annahme, Eltern wüssten automatisch, was das Beste für ihr Kind ist. Vielleicht wissen das Fachleute einfach besser. Und Eltern sollte man dann für ihre Betreuungsaufgaben mit Steuergeld entschädigen, wenn sie bereit sind, sich an pädagogische und verbindliche Standards zu halten.

Wie unsicher unsere moralischen Vorstellungen sind

Ein Team um Lars Hall von der Universität in Lund, Schweden, hat im letzten Herbst Ergebnisse eines trickreichen Experiments veröffentlicht: Die befragten Kandidatinnen und Kandidaten füllte zuerst eine Umfrage aus, in der sie ihre Haltung zu verschiedenen moralischen Fragen bekunden mussten, z.B.:

Die Regierung sollte den Internet- und Emailverkehr systematisch überwachen, um Kriminalität und Terrorisms zu verhindern.

Dazu konnte man Zustimmung oder Ablehnung mit Kreuzen auf einer Skala bekunden. Auf einer zweiten Seite wurden die Kreuze übernommen, obwohl einige der Aussagen dort umgedreht waren: Anstatt »sollte« stand dort »darf … nicht«.

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Danach wurden die Probanden gebeten, einige der Aussagen vorzulesen und ihre Haltungen zu begründen. Fast 70% akzeptierten dabei mindestens eine der geänderten Aussagen als ihre eigenen, mehr als die Hälfte bemerkte die Änderungen nicht. Gleich viele waren bereit, mindestens eine der geänderten Aussagen argumentativ zu vertreten.

Was kann man daraus schließen?

  1. Einige moralische Haltungen von Menschen sind nicht fest, sondern veränderbar. 
  2. Wenn jemand glaubt, er oder sie verträte eine Meinung, dann ist man bereit, sie als die eigene zu verteidigen.
  3. Mit Umfragen kann man die Haltungen von Menschen sehr unzuverlässig erfassen.

Ein Hintergrundartikel über #aufschrei – eine Kritik

Christian Lüscher hat es versucht: Auf Newsnetz erschien heute unter dem Titel »Ein abgewandelter Shitstorm« ein Text, in dem der Reporter zwei Experten zur Debatte rund um #Aufschrei, also die Diskussion von alltäglichen Übergriffen und strukturellem Sexismus, befragt: Den PR-Berater Marcel Bernet und den Politikberater Mark Balsiger.

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Bevor ich kurz darlege, was mich an Lüschers Vorgehen und an den Aussagen von Bernet und Balsiger stört, drei Bemerkungen vorweg:

  1. Die Bedeutung von #Aufschrei liegt darin, dass eine Bewegung entstanden ist, die sich völlig gelöst hat von ihrem Ursprung (der Fall Brüderle ist nicht unbedingt der Ursprung, es könnte auch der Text von Annett Meiritz über die Piratenpartei sein)
  2. Ich halte Lüscher, Bernet und Balsiger für Profis und Experten. Auf Aussagen von Bernet und Balsiger habe ich schon mehrmals verwiesen, ich respektiere ihre fachlichen Kompetenzen. 
  3. Das Thema Sexismus kann nicht von einem Mann abgehandelt werden, der zwei weitere Männer als Experten beizieht. Nicht: Sollte nicht. Sondern: Es geht nicht. Wer nicht betroffen ist, kann sich nicht glaubwürdig darüber äußern, wie es ist, betroffen zu sein. (Ja, das gilt selbstverständlich auch für mich.)

Zuerst zu einigen Aussagen aus dem Text.

Denn sachlich würde das brisante Thema noch nicht diskutiert. «Leider werden zu wenig Argumente ausgetauscht», sagt Bernet. Das Thema fände zwar eine grosse Beachtung. Die Bewegung unterscheide sich aber nicht wesentlich von den Mechanismen sogenannter Shitstorms. Es gehe in erster Linie um Empörung.

Das stimmt schlicht nicht. Die Diskussion ist in hohem Grad argumentativ. Man findet bei erstklassigen Bloggerinnen differenzierte Aussagen und Diskussionen. Nur drei als Link: Helga Hansen, Antje Schrupp und – als Gegenposition – Meike Lobo. Die Autorinnen sind zusammen mit vielen anderen auch auf Twitter daran, Argumente auszutauschen. Die Jauch-Diskussion von gestern Abend wurde differenziert diskutiert, auch in der Schweiz. Erwähnenswerte Twitter-Konten mit Bezug zu #Aufschrei wären z.B. @r_appel@adfichter, @ivinfo, @zoradebrunner, @rentapwha und @kaddlah; sogar Clack, das seltsame Frauen-Portal hat die Debatte schon länger aufgegriffen [aufgrund der sexistischen Illustration verlinke ich nicht darauf], um nur solche von Frauen zu erwähnen. Die Diskussion war nie Empörung, sondern immer ein Erfahrungsaustausch verbunden mit einer klaren, sachlichen Argumentation.

«Eigentlich sollte eine Debatte zwischen den Geschlechtern stattfinden. Ich erkenne aber wenig davon», sagt Bernet.

Auch wenn der PR-Berater gleich im Anschluss vermerkt, es handle sich eigentlich um einen erweiterten Fall Brüderle, also eine »Kommunikationskrise«, und so indirekt für sein Angebot Werbung macht – er hat hier einfach nicht den Überblick über die Debatte. Natürlich findet eine Debatte zwischen den Geschlechtern statt, sie ist auf Twitter und in den Blogs klar präsent.

Auch Balsiger täuscht sich:

Überraschend sei, dass die Schweizer Twitter-User praktisch kaum auf das Thema Sexismus angesprungen sind. «Im Gegensatz zu Deutschland hat die Schweizer Twitter-Szene das Thema bislang noch kaum aufgegriffen», erklärt er.

Es fanden die letzten Tage intensive Diskussionen auf Twitter zum Thema von #Aufschrei statt, auch in der Schweiz.

Fazit bisher: Es wurden anstatt Frauen zwei Männer befragt und die täuschen sich in den wesentlichen Punkten.

Darauf habe ich auf Twitter recht deutlich aufmerksam gemacht – worauf sich Christian Lüscher gewehrt hat (hier eine Zusammenfassung von Nick Lüthy auf Storify):

Damit vermischen sich zwei Fragen: Sollen Journalisten (und Journalistinnen) unabhängig agieren, wenn sie Experten suchen? Können sie erkennen, ob die Meinungen der Experten der Sachlage entsprechen?

Als Blogger nutze ich oft ein Netzwerk. Ich frage andere Menschen an, wenn ich denke, dass sie von einem Thema mehr verstehen als ich. Mein Netzwerk hilft mir dabei, Dinge zu verstehen, die ich noch nicht verstehe. Deshalb wäre es für mich naheliegend, dass solche Techniken auch von Journalisten und Journalistinnen genutzt wird.

So könnten sie letztlich auch einschätzen, ob es sich bei den Experten wirklich um geeignete Sachverständige handelt. Der Rahmen von #aufschrei ist Netzfeminismus, ein Thema, das in Deutschland sicher viel stärker vertreten wird als in der Schweiz. Aber es gibt viele Frauen, die sich mit solchen Themen befassen und in den Diskussionen auskennen. Eine Frage auf Twitter und man erhält entsprechende Vorschläge.

Ein letzter Punkt: Gerade von Experten würde man erwarten, dass sie auch sagen, wofür sie nicht zuständig sind. Balsiger und Bernet waren sich dafür offenbar leider zu schade. Oder aber nehmen ihre Bubble wahr, so wie ich meine wahrnehme: Und was mir sehr klar scheint, erscheint ihnen vielleicht in einem anderen Licht. Aber gerade bei Social Media würde man erwarten, dass Experten sich einen Überblick außerhalb ihres Netzwerks verschaffen könnten.

»Abzockerei« als Marktversagen

Am 3. März wird in der Schweiz über die so genannte »Abzocker-Initiative« abgestimmt: Sie verlangt,

dass Eigentümer (Aktionär/-in) an der Generalversammlung über die Gesamtsumme aller Entschädigungen des Verwaltungsrates, der Geschäftsleitung und des Beirates abstimmen kann. Nicht mehr Kollegen und Freunde sollen den individuellen Lohn bestimmen, sondern die Generalversammlung wählt unabhängige Mitglieder in den so genannten Vergütungsausschuss.

Mit dem Verbot von Abgangsentschädigungen, Begrüssungsmillionen und Prämien bei Firmenkäufen und -verkäufen wird auch diesen Untugenden ein Riegel geschoben.

Wird die Initiative abgelehnt, wird automatisch ein weniger starker Gegenvorschlag angenommen, gegen den dann wiederum das Referendum ergriffen werden kann.

Ist im Text des Initiativkomitees von »Untugenden« die Rede, die durch einen staatlichen Eingriff korrigiert werden müssen, so könnte man sich ganz gelassen fragen: Warum eigentlich? Worin besteht eigentlich das Problem der so genannten »Abzockerei«?

Das Problem hat wohl mehrere Ebenen:

  1. Das Gefühl einer Ungerechtigkeit durch hohe Löhne für das Management (und tiefe Löhne für andere Angestellte). 
  2. Die fehlende Verantwortung von Entscheidungsträgern (und wenigen -trägerinnen), die auch für schlechte Leistungen von Abgangsentschädigungen und hohen Löhnen profitieren, also persönlich die Konsequenzen nicht tragen müssen.
  3. Die Gefahr eines staatlichen Eingriffs, die besonders bei der Finanzbranche real ist – und der dann diese Praktiken mit Steuergeldern weiterführen oder ausgleichen könnte.
  4. Es ist wirtschaftlich ungünstig, zu hohe Löhne und Entschädigungen zu zahlen.

Die Lösung (von Initiative und Gegenvorschlag) ist die Schaffung von bürokratischen Abläufen, die letztlich wohl nicht verhindern können, dass »Kollegen und Freunde« den Lohn des Managements bestimmen.

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Meine Traumlösung wäre eine klare Trennung von staatlichen Aufgaben und privaten. Private Unternehmen können, so finde ich, Löhne und Entschädigungen in allen Formen und Höhen zahlen, so lange sie sich an die Gesetze (insbesondere auch die Steuergesetze) halten. Zahlen sie zu hohe Löhne, Entschädigungen oder Boni, so schadet ihnen das letztlich selbst und damit auch den Eigentümerinnen und Eigentümern. Nur muss dann sicher gestellt sein, dass der Staat nicht korrigieren eingreifen muss.

Für mich ist leicht überraschend, dass 2013 so viele Firmen weiterhin daran glauben, dass Lohnanreize wirkungsvoll sind, obwohl man seit 40 Jahren weiß, dass sich finanzielle Anreize nicht auf die Leistung auswirken. Bonussysteme führen – verkürzt gesagt – dazu, dass Mitarbeitende ihren Bonus optimieren und nicht ihre Leistung. Ich frage mich seit längerem, warum in der Privatwirtschaft Firmen nicht das staatliche Modell von transparenten Löhnen übernehmen. Es würde enorm viele Energien frei machen, die in den Arbeitsprozess fließen.

Bei der Frage der Löhne scheint der Markt zu versagen. Ein Eingriff, der weiterhin auf Marktmechanismen vertraut, die aber mit bürokratischen Abläufen auflädt, scheint mir nicht optimal zu sein. Nur: Eine optimale Variante steht nicht zur Abstimmung. Ein Ja zur Initiative ist für mich ein Nein an die Kräfte, die im politischen Prozess Ressourcen verschleißen, die an anderen Orten zur Lösung von dringenden Problemen eingesetzt werden könnten.

Komplimente als Übergriffe

»Ich freue mich immer, Sie zu sehen, schon aus ästhetischen Gründen«. Wobei man sich natürlich stets fragen muß, ob man mit einer Dame spricht, die solches zu schätzen weiß. – Ilse und Ernst Leisi, Sprach-Knigge oder Wie und was soll ich reden?

Die Frage, ob mit Komplimenten Übergriffe denkbar sind, muss kaum diskutiert werden: Wir alle können sofort eine Reihe von Komplimenten konstruieren, die uns in bestimmten Situationen und von bestimmten Personen geäußert beschäftigen, belasten oder belästigen. Gleichwohl scheint aber gerade in Bezug auf die Anliegen von #Aufschrei die Vorstellung vielen Menschen (oder: Männern) sehr unangenehm zu sein, dass wohlwollend gemeinte Komplimente für die Betroffenen (meist: Frauen) Übergriffe darstellen: »Wenn man nicht mal mehr ein Kompliment machen darf…« / »Über Komplimente soll man sich doch nicht aufregen, sondern freuen.«

»Mein schönes Fräulein, darf ich wagen, meinen Arm und Geleit Ihr anzutragen?«  »Bin weder Fräulein, weder schön, kann ungeleitet nach Hause gehn.«

Faust: »Mein schönes Fräulein, darf ich wagen,
meinen Arm und Geleit Ihr anzutragen?« –
Gretchen: »Bin weder Fräulein, weder schön,
kann ungeleitet nach Hause gehn.«

Dazu möchte ich ein paar Überlegungen anstellen, die ich der Übersichtlichkeit halber nummeriere:

  1. Die Absicht und die Wirkung von sozialen Handlungen. 
    Übergriffe sind die Handlungen, welche von den Betroffenen als Übergriffe empfunden werden. Natürlich können sie unter Umständen bemerken, dass dahinter keine Absicht stand, natürlich kann eine entsprechende Entschuldigung ein Missverständnis auflösen; ein beklemmendes Gefühl bleibt aber meistens. »Kompliment« drückt die Absicht, »Übergriff« die Wirkung. Nicht immer, aber manchmal. Manchmal ist »Kompliment« auch nur eine ganz andere Handlung, die als Kompliment maskiert daherkommt: Oft geht es darum, sich selber zu inszenieren und in einem guten Licht erscheinen zu lassen; nicht die andere Person. 
  2. Die Bedeutung von Komplimenten. 
    Ein Kompliment, so verstehen wir den Begriff heute, ist ein Lob. Ein Lob impliziert ein bestimmtes Verhältnis zwischen zwei Personen: Wer lobt, ist in der Lage, ein Urteil zu fällen; erwartet, dass das Lob für die andere Person von Bedeutung ist, sie ihr Verhalten möglicherweise danach ausrichtet. Eine Lehrerin lobt ihren Schüler, ein Vater seine Tochter. »Das ist aber ein schönes Kleid« heißt: Ich darf deine Kleidung beurteilen, mein Urteil ist für dich von Bedeutung, und in diesem speziellen Fall ist es wohlwollend (und sonst eher nicht).
  3. Kontext, Kontext, Kontext. 
    Im oben mach Faust Gretchen ein Kompliment. Diese kommt aus der Kirche. Faust zwingt Gretchen durch sein Kompliment dazu, den religiösen Kontext zu verlassen und in einen romantischen einzutreten. Genauso zwingen Komplimente über Kleidung, Aussehen etc. Betroffene dazu, einen anderen Kontext (z.B. einen beruflichen) zu verlassen und sich mit einem anderen auseinanderzusetzen, mit dem sie sich vielleicht nicht auseinandersetzen wollen. Jemanden zwingen, über etwas zu sprechen, worüber sie (oder er) vielleicht nicht sprechen will: Ist das nicht die Definition eines Übergriffs?
  4. Mögliche Reaktionen. 
    Macht mir jemand ein Kompliment, wird von mir erwartet, mich zu bedanken, mich zu freuen. Es gibt kaum sozial akzeptable Verweigerungen oder Zurückweisungen von Komplimenten, mit denen die Interagierenden das Gesicht wahren können. Jede negative Reaktion ist als Überreaktion markiert und führt zu Unverständnis, sie kann Beziehungen gefährden.
  5. Wie geht man denn korrekt vor? 
    Meiner Meinung geht das recht einfach: Man stelle sich vor, man erhalte in einer ähnlichen Situation ein ähnliches Kompliment von einer nicht besonders angenehmen Person. Wird der Kontext verlassen? Wird die Beziehung neu definiert? Fühlt es sich negativ an? Falls all das nicht der Fall ist, gibt es wohl kein Problem mit dem Kompliment.

Ich weiß nicht, ob das viele Menschen üben müssen oder ob sie es eigentlich verstehen, aber immer wieder ausblenden. Vielleicht ein letzter Hinweis: Eigentlich braucht es keine Komplimente. Es reicht meistens, Leistungen zu anerkennen sowie Interesse und Mitgefühl zu zeigen.

Zwei Bemerkungen zum #Aufschrei

Heute läuft auf Twitter eine Bewegung, die wohl leicht das politische Potential von Twitter auch im deutschsprachigen Raum aufzeigen könnte: Mit dem Vermerk #Aufschrei schreiben Frauen über sexistische Gewalt, die sie erfahren haben. Viele Frauen können sich nicht gegen diese vielfältigen Formen von Übergriffen wehren, ja meist nicht einmal darüber sprechen – so selbstverständlich und alltäglich sind sie.

Bei @antiprodukt findet man eine gute Übersicht über die Bewegung und ihre Hintergründe, die Tweets nachlesen kann man auf einem speziell dafür eingerichteten Blog – ich beschränke mich auf zwei Bemerkungen.

  1. Es ist nicht schwierig, sich als Mann nicht sexistisch zu verhalten. Es ist sogar äußerst leicht zu erkennen, wann man Grenzen überschreitet. Man kann mit seinen Mitmenschen darüber sprechen, sich auf sie und ihre Reaktionen einlassen. Man kann sich fragen, wie man selber reagieren würde, wenn man so behandelt würde – und sich generell so verhalten, als wären die Menschen anwesend, deren Urteil einem wichtig sind. Konsens ist die Grundlage von angenehmen menschlichen Interaktionen.
    Kurz zu drei Einwänden:
    a) Natürlich wachsen wir alle in einer Kultur auf, zu der auch rape culture gehört. Wir alle haben erlebt, wie Männergruppen anzüglich über Frauen gesprochen haben, wir sind umgeben von einer Boulevardpresse und Werbeindustrie, die Frauen auf ihren Körper reduziert, wir unterhalten uns mit Medien, in denen Frauen degradiert werden. Aber wir sind nicht die Medien um uns herum, diese Medien legen nicht fest, wie wir mit anderen Menschen umgehen; wir legen das fest. Ich sehe auch oft, wie Männer sich prügeln, wenn sie eine Auseinandersetzung haben, und prügle mich doch generell nie.
    b) »Ja heißt ja« – oder »nein heißt nein«? Sex ist kompliziert, schreibt Julia Seeliger. Er lebt von Ungeklärtem, Überraschenden, er verliert einen Teil seines Reizes, wenn alles vorbesprochen ist. Geht es deswegen in Ordnung, eine Grenzüberschreitung in Kauf zu nehmen, um ein bisschen Spaß zu haben und den oder die andere(n) zu überraschen? Nein. Wenn ich oben geschrieben habe, man merke, »wenn man Grenzen überschreitet«, so muss das wohl präzisiert werden: Man merkt es manchmal erst danach. Aber die Lösung ist doch naheliegend:
    (1) Tue nichts, von dem du weißt, dass die andere(n) Person(en) dem nicht zustimmen würden.
    (2) Sobald du merkst, dass du dich getäuscht hast, entschuldigst du dich und überdenkst deine Handlungen.
    c) Sexistische Handlungen entstehen in einem Kontext. Eine Handlung kann je nach betroffener Person eine andere sein. »Wenn mir ein mir nur oberflächlich bekannter Mann ein zurückhaltendes, freundliches Kompliment über mein Kleid macht – Übergriff oder nicht?«, fragt Frau Meike. Ja. Aber auch hier liegt es nahe, defensiv zu agieren: Dinge tun, von denen man annehmen kann, dass sie nicht als Übergriff interpretiert werden können. Und wenn doch: Umdenken. 
  1. Auch wenn man denken könnte, es sei recht klar, was mit »Aufschrei« gemeint ist, sieht man doch deutlich, dass Prägungen eines Begriffs nicht autoritär verordnet werden können.
    Ein Wort ist eben keine Realität. Die Realität hinter sexistischen Übergriffen ist klar, die Rede darüber ist aber anfällig für Störungen. Sobald ein Begriff zum Symbol für ein Problem wird, kann man ihn kritisieren, missbrauchen, verschieben. Sofort entsteht eine Diskussion darüber, wann »Aufschrei« angebracht ist und wann nicht, sofort gibt es »Aufschrei«-Spam, sofort eine Gegenbewegung, die den Begriff ebenfalls verwendet (z.B. mit dem »What About Teh Menz«-Argument). Ist es schlimm, dass Sprache und Medien ein subversives Potential haben? Manchmal. Manchmal ist es aber auch tröstlich, weil man auch die Sprache des Missbrauchs, der Diskriminierung und der Entwürdigung diesen Verschiebungsprozessen unterziehen kann.

aufschrei

»Django Unchained«. Rassismus, Kontext & Geschichtsaufarbeitung

Triggerwarnung: Rassismus, rassistische Gewalt

»Django Unchained« heißt der neue Film von Quentin Tarantino. Er erzählt von einem Sklaven, der von einem deutschen Immigranten kurz vor dem amerikanischen Bürgerkrieg befreit wird, und sich mit ihm zusammen auf die Suche nach seiner Frau Broomhilda (eigentlich Brünhilde, nach dem Nibelungenlied bzw. Wagners Adaption) macht. Die Suche ist gleichzeitig die Geschichte seiner Emanzipation, die mit der Rache an den für die Sklaverei verantwortlichen vermischt wird.

Django als Sklaventreiber.

Django als Sklaventreiber.

Der Film ist ein Film über Rassismus. Er zeigt Aspekte der Sklaverei und eine gewaltsame Auseinandersetzung mit und eine Befreiung von ihr. Aber wie tut er das? Zunächst einmal ist es ein Film von einem weißen Regisseur und Drehbuchautor, der seine schwarzen und weißen Schauspieler dazu anhält, eine rassistische Sprache zu verwenden und rassistische Handlungen auszuführen. Er zeigt zwar eine Befreiung eines Sklaven, aber sie geschieht durch einen weißen, einen Deutschen, der den Sklaven so manipuliert, dass er den Lebensentwurf des weißen »Bounty Hunters« übernimmt und für ihn sogar Rollen spielt, in denen er selber zum Sklaventreiber wird. Im Film ist zudem der schwarze Diener des Plantagenbesitzers die Wurzel allen Übels, der Schwarze, der der rassistischen Hirn-Theorie von Mr. Candy entspricht. Django, darin stimmt er selbst in der Schlussszene dem Plantagenbesitzer Candy zu, ist eine Ausnahme, einer von 10’000 Schwarzen; während 9’999 sich in ihr Schicksal fügen. Der weiße Regisseur Tarantino äußert sich dann wie folgt über den Erfolg des Films:

Naja, schauen Sie doch, wie gut der Film läuft! Phantastisch, besser als ich es mir je erträumt hätte. Das hat aber viel damit zu tun, dass wir ihn an Weihnachten ins Kino gebracht haben. Der 25. Dezember ist traditionell ein Tag, an dem schwarze Familien ins Kino gehen. Das mag Ihnen als Europäer bizarr vorkommen, aber man hängt den ganzen Tag miteinander herum, es gibt Geschenke, ein sehr frühes Abendessen, und danach wird es einfach ein bisschen langweilig. Und an diesem “Django Unchained”-Tag, früher Weihnachten genannt, sind nun komplette Familien – von der Oma bis zum kleinsten Spross – ins Kino gegangen, um sich meinen Film anzusehen. Das hat mich sehr berührt. Und wissen Sie was? Einige dieser Kids werden später Schriftsteller – und dann über ihre Erlebnisse an “Django Christmas” schreiben. Dieser Tag wird ein fester Bestandteil der schwarzen Geschichte. Vielleicht sogar ein Meilenstein.

Diese Perspektive lässt kein anderes Urteil zu, als dass es sich hier um einen zutiefst rassistische Produktion handelt. Spike Lee nannte den Film »disrespectful to my ancestors« – man versteht, was er meint.

Django wird instruiert.

Django wird instruiert.

Gleichwohl zeigt diese Betrachtungsweise, wie stark Rassismus von seinem Kontext abhängig ist. Wir wissen alle, was Rassismus ist, die Definition ist grundsätzlich völlig unproblematisch:

Der Rassismus ist die verallgemeinerte und verabsolutierte Wertung tatsächlicher oder fiktiver Unterschiede zum Nutzen des Anklägers und zum Schaden seines Opfers, mit der seine Privilegien oder seine Aggressionen gerechtfertigt werden sollen. (Albert Memmi)

Tarantino zeigt Schwarze in entwürdigenden Situationen (»Mandingo«-Kämpfer bringen sich gegenseitig um, ein flüchtender Sklave wird von Hunden zerfleischt, Schwarze werden ausgepeitscht, kastriert, verbrannt etc.) und profitiert davon, indem er als Regisseur einen erfolgreichen Film ins Kino bringt. Der Definition gemäß muss man nicht darüber diskutieren, ob das rassistisch ist oder nicht.

Der größte Bösewicht: Der alte Sklave.

Der größte Bösewicht: Der alte Sklave.

Andererseits erzählt er eine fantastische, übertriebene Geschichte. Wir sehen hier nicht eine Realität, sondern eine Fantasie. Django ist ein kultivierter Rächer, der einen eigenen Stil entwickelt, sich entsprechend kleidet, seine Handlungen begründet, indem er eine Ethik entwickelt, er ist erfolgreich, stark und unabhängig. Er kämpft für sein Recht. Tarantino:

Ein Sklave hat unter allen Umständen das moralische Recht, seinen Herren zu töten.

Letztlich sehen wir einen Film, der in verschiedenen Kontexten entsteht: Dem von Tarantino, seinen Schauspielerinnen und Schauspielern, dem ganzen Produktions- und Vertriebsteam, den USA im Jahr 2012. Und er wird in verschiedenen Kontexten rezipiert: Die schwarze Familie, die am 25. Dezember ins Kino geht, sieht ihn anders als ich ihn sehe, wenn ich krank im Bett liege. Wer die Äußerungen von Spike Lee liest, sieht den Film anders, als wer das Interview mit Tarantino liest. Wer die Niblungensage als Intertext mit reinliest, sieht seine Interpretation des germanischen Helden Siegfried als schwarzer Sklave, der eine bessere Ordnung durch die komplette Zerstörung von »Candyland« einleitet, eine Pervertierung der rassistischen Ideologie, mit der Wagners Geschichte verbunden ist. Ich könnte weitermachen – aber das Fazit steht: Bedeutungen entstehen nur in einem Kontext.

Empirisch hat es viele Rassismen gegeben, wobei jeder historisch spezifisch und in unterschiedlicher Weise mit den Gesellschaften verknüpft war, in denen er aufgetreten ist. (Stuart Hall)

Es gibt auch heute synchron viele Rassismen. Die Frage, die sowohl in Bezug auf die Sklaverei wie auch auf den Holocaust immer wieder gestellt wird – Tarantino: »die Sklavenhändler-Stadt Greenville […] sollte wie eine Art Auschwitz für Schwarze wirken« / Spike Lee: »American Slavery Was Not A Sergio Leone Spaghetti Western.It Was A Holocaust« – ist die nach der adäquaten künstlerischen Aufarbeitung. Ein Film, in dem exzessive rassistische Gewalt als Mittel der Unterhaltung benutzt wird, ist meiner Meinung nach kein adäquates Mittel.

**Zusatz 23. Januar, abends**

Ein lesenswerter Artikel von opendemocracy.net zeigt auf, wie stark struktureller Rassismus in der amerikanischen Ideologie verankert ist – und markiert Django Unchained als archetypisches Beispiel.

In der Weltwoche vom 24. Januar sagt Tarantino über die Dreharbeiten Folgendes – die Beurteilung sei der Leserin und dem Leser überlassen:

Wir haben dort all die Szenen über die Farm des weissen Plantagenbesitzers gedreht, den im Film Don Johnson spielt. Auf dieser Farm sollte es sowohl Baumwollpflücker als auch Haussklaven und sogenannte Ponys geben, so wurden damals besonders schöne Sklavinnen genannt, die oft hübsch zurechtgemacht und für viel Geld an wohlhabende Weisse verkauft wurden. Wir haben einen Teil der Szenen mit Statisten gedreht, die an genau diesem Ort aufgewachsen sind und somit bestens über die Geschichte der Sklaverei Bescheid wussten. Und doch konnte man schon nach kurzer Zeit beobachten, wie sich auch hinter der Kamera eine soziale Kluft zwischen ihnen auftat: Die hübschen Ponys schauten auf die einfachen Haussklaven herab, und die Haussklaven schauten auf die armen Baumwollpflücker herab, und die Baumwollpflücker dachten wiederum, die Ponys wären dumme Schlampen…