Zwei Bemerkungen zum #Aufschrei

Heute läuft auf Twitter eine Bewegung, die wohl leicht das politische Potential von Twitter auch im deutschsprachigen Raum aufzeigen könnte: Mit dem Vermerk #Aufschrei schreiben Frauen über sexistische Gewalt, die sie erfahren haben. Viele Frauen können sich nicht gegen diese vielfältigen Formen von Übergriffen wehren, ja meist nicht einmal darüber sprechen – so selbstverständlich und alltäglich sind sie.

Bei @antiprodukt findet man eine gute Übersicht über die Bewegung und ihre Hintergründe, die Tweets nachlesen kann man auf einem speziell dafür eingerichteten Blog – ich beschränke mich auf zwei Bemerkungen.

  1. Es ist nicht schwierig, sich als Mann nicht sexistisch zu verhalten. Es ist sogar äußerst leicht zu erkennen, wann man Grenzen überschreitet. Man kann mit seinen Mitmenschen darüber sprechen, sich auf sie und ihre Reaktionen einlassen. Man kann sich fragen, wie man selber reagieren würde, wenn man so behandelt würde – und sich generell so verhalten, als wären die Menschen anwesend, deren Urteil einem wichtig sind. Konsens ist die Grundlage von angenehmen menschlichen Interaktionen.
    Kurz zu drei Einwänden:
    a) Natürlich wachsen wir alle in einer Kultur auf, zu der auch rape culture gehört. Wir alle haben erlebt, wie Männergruppen anzüglich über Frauen gesprochen haben, wir sind umgeben von einer Boulevardpresse und Werbeindustrie, die Frauen auf ihren Körper reduziert, wir unterhalten uns mit Medien, in denen Frauen degradiert werden. Aber wir sind nicht die Medien um uns herum, diese Medien legen nicht fest, wie wir mit anderen Menschen umgehen; wir legen das fest. Ich sehe auch oft, wie Männer sich prügeln, wenn sie eine Auseinandersetzung haben, und prügle mich doch generell nie.
    b) »Ja heißt ja« – oder »nein heißt nein«? Sex ist kompliziert, schreibt Julia Seeliger. Er lebt von Ungeklärtem, Überraschenden, er verliert einen Teil seines Reizes, wenn alles vorbesprochen ist. Geht es deswegen in Ordnung, eine Grenzüberschreitung in Kauf zu nehmen, um ein bisschen Spaß zu haben und den oder die andere(n) zu überraschen? Nein. Wenn ich oben geschrieben habe, man merke, »wenn man Grenzen überschreitet«, so muss das wohl präzisiert werden: Man merkt es manchmal erst danach. Aber die Lösung ist doch naheliegend:
    (1) Tue nichts, von dem du weißt, dass die andere(n) Person(en) dem nicht zustimmen würden.
    (2) Sobald du merkst, dass du dich getäuscht hast, entschuldigst du dich und überdenkst deine Handlungen.
    c) Sexistische Handlungen entstehen in einem Kontext. Eine Handlung kann je nach betroffener Person eine andere sein. »Wenn mir ein mir nur oberflächlich bekannter Mann ein zurückhaltendes, freundliches Kompliment über mein Kleid macht – Übergriff oder nicht?«, fragt Frau Meike. Ja. Aber auch hier liegt es nahe, defensiv zu agieren: Dinge tun, von denen man annehmen kann, dass sie nicht als Übergriff interpretiert werden können. Und wenn doch: Umdenken. 
  1. Auch wenn man denken könnte, es sei recht klar, was mit »Aufschrei« gemeint ist, sieht man doch deutlich, dass Prägungen eines Begriffs nicht autoritär verordnet werden können.
    Ein Wort ist eben keine Realität. Die Realität hinter sexistischen Übergriffen ist klar, die Rede darüber ist aber anfällig für Störungen. Sobald ein Begriff zum Symbol für ein Problem wird, kann man ihn kritisieren, missbrauchen, verschieben. Sofort entsteht eine Diskussion darüber, wann »Aufschrei« angebracht ist und wann nicht, sofort gibt es »Aufschrei«-Spam, sofort eine Gegenbewegung, die den Begriff ebenfalls verwendet (z.B. mit dem »What About Teh Menz«-Argument). Ist es schlimm, dass Sprache und Medien ein subversives Potential haben? Manchmal. Manchmal ist es aber auch tröstlich, weil man auch die Sprache des Missbrauchs, der Diskriminierung und der Entwürdigung diesen Verschiebungsprozessen unterziehen kann.

aufschrei

29 thoughts on “Zwei Bemerkungen zum #Aufschrei

  1. Pingback: Triebtäter - Rap zum Thema #Aufschrei

  2. Viele Tweets (und auch der Artikel der Spiegel-Redaktorin) beschreiben nicht Sexismus, sondern Akte der sexuellen Belästigung. Das ist ein Unterschied. Schlüpfrige Kommentare haben wenig mit systematischer Diskriminierung von Frauen zu tun. Es ist individuelles Fehlverhalten; eine Grenzüberschreitung.

      • Sexismus bezeichnet die institutionalisierte Diskriminierung von Frauen. Beispiele sind schlechtere Bezahlung bei gleicher Arbeit oder Witze, in denen Frauen als weniger fähig dargestellt werden.

        Wenn ein Politiker eine Bemerkung gegenüber einer Journalistin bezüglich ihres üppigen Dekolletés macht, dann ist dies in erster Linie ein Anmachversuch. Der Anmachversuch stellt nicht die journalistischen Fähigkeiten der Frau infrage. Es ist sexuelle Belästigung, da sich der Politiker mit seinen Äusserungen lästig verhält.

        Dies, nur um klar zu stellen, was ich unter Sexismus und sexueller Belästigung verstehe.

        Wir bewerten Sexismus moralisch als etwa gleich verwerflich wie Rassismus. Nun möchte ich mir als Mann nicht vorwerfen lassen, mich moralisch ähnlich schlecht zu verhalten, wie ein Rassist, sobald ich auf eine ungeschickte Art und Weise eine Frau anzumachen versuche. Ich mag mich peinlich und lächerlich verhalten, wenn ich im betrunkenen Zustand Kommentare über Ausschnitte mache. Aber ich möchte deshalb nicht moralisch verteufelt werden. Deshalb fordere ich diese Unterscheidung.

      • Aber wenn es in der Regel Frauen sind, welche von “ungeschickten Anmachversuchen” betroffen sind, bei denen sie nur über ihren Körper wahrgenommen werden und gegen de die sich kaum wehren können, dann ist das halt wieder Teil eines strukturellen Sexismus.

      • Als ob das bei einem Anbaggerversuch von Frauen anders ist, man kann jemanden, wenn man die Person nur gerade irgendwo sieht eben nicht aufgrund ihres Charakters anmachen, weil man den nicht kennt.

  3. Ich nehme zur Kenntnis, dass ich mich sexistisch verhalte. Ich mache fremden Frauen gelegentlich Komplimente. Zu ihrer Ausstrahlung, zu ihrer Kleidung (sic), zu einer Aussage… was mir halt eben gerade an ihr gefällt. Damit werde ich aufhören. Ich habe keine Lust, unwissentlich Grenzen zu überschreiten und entschuldige mich bei allen Frauen, die meine kleinen, freundlich gemeinten Bemerkungen missverstanden und sich von mir belästigt gefühlt haben. Ich habe euch nie als Objekte gesehen, sondern dachte naiverweise, dass Frauen empfänglich für Schmeichelhaftes zu ihrer Person seien und daran Freude hätten.
    Danke, dass ihr mir die Augen geöffnet habt! Und gut, dass wir Stück für Stück die Missverständnisse zwischen den Geschlechtern beseitigen.

    • Wunderbar Cyril, schliesse mich deinen Worten an. Zukünftig werde ich an mich gerichtete Komplimente (von Frauen) tunlichst ignorieren.
      Mit einem zurückgegebenen Kompliment laufe ich Gefahr in die
      Sexismusfalle zu geraten.

    • Wie gesagt: Harmlose Komplimente von verbalen Übergriffen unterscheiden ist nicht schwer, wenn man will. Aber macht ihr denn Männern auch “Komplimente” oder anerkennt ihr ihre Leistungen und respektiert sie?

      • Nicht so wie Frauen, aber ja auch Männer machen sich Komplimente darüber, dass meinetwegen das neue Hemd gut aussieht oder die Arbeit bzw. Antwort die jemand gerade gegeben hat gut war. Nur eben auf eine andere Art als man das bei Frauen tut.

      • Ich dachte bisher auch, dass das leicht zu unterscheiden sei. Der Aufschrei belehrt mich eines besseren: es geht darum, wie meine Komplimente ankommen und hier gibt es offenbar ein Minenfeld. Ich lass es daher lieber ganz bleiben.
        Komplimente an Männer: eher nicht (dafür aber natürlich Lob und Anerkennung – was ich auch Frauen durchaus zukommen lasse, aber das ist ein anderes Thema).
        Komplimente haben für mich einen Bezug zum Geschlecht. Ich nahm Frauen wie gesagt bisher als Wesen mit Hang zum Gefallen wahr und dachte, mit nett gemeinten Komplimenten diesem Wunsch zu entsprechen und Freude auszulösen. Dass ich damit sexistisch sein könnte, kam mir bisher nicht in den Sinn. Aber ich bin ja auch bald 50, also noch fast in der Steinzeit sozialisiert worden.

    • Ich finde, das klingt jetzt etwas eingeschnappt. Es ist ein immenser Unterschied, wenn mir ein Mann sagt, dass ihm mein Kleid gefällt, oder ob er ankommt und sagt: “na, du hast aber geile Titten!” Über den ersten Satz freue ich mich und ich kenne keine Frau, die da nicht meiner Meinung ist. Der zweite Satz ist widerlich und eindeutig sexuelle Belästigung. Hört bitte nicht auf, den Frauen nette Komplimente zu machen! Mein schönstes Kompliment habe ich von einem Fremden im zUg erhalten, der mir einfach nur gesagt hat, dass er mich sehr schön findet und dass er mir das einfach nur sagen wollte.

      • Achja und damit habe ich die Bemerkungen gemeint und nicht den Artikel an sich! Den finde ich übrigens toll!

      • Laut Philippe kann ein Kompliment zum Kleid einer Fremden ein sexistischer Übergriff sein (s.o.). Je nach Empfängerin… (bzw. wie es “ankommt”).
        Was einfach klingt, ist viel komplexer: ich muss jetzt zuerst abschätzen, wie mein Kommentar aufgenommen werden könnte, muss abwägen… Das ist mir zu mühsam und verdirbt mir die Freude am Kompliment. Ich will keinen Aufschrei provozieren. Und ja: ich bin tatsächlich etwas eingeschnappt. Wer lässt sich schon gern als Sexist ertappen?!

      • Sicherlich gibt es auch Frauen, die hier überreagieren! Da gebe ich euch absolut Recht! Ich fände es nur schade, wenn alle Männer deswegen aufhören würden, Komplimente zu machen! Sowas versüßt den Tag :) ich hatte nur das Gefühl, dass hier nicht zwischen Kompliment und widerlichem Anmachspruch unterschieden wird. Außerdem hat z.B. Pascal geschrieben, dass er wegen betrunkenen Anmachen und Kommentaren über den Ausschnitt wohl verteufelt wurde. Und in dem Punkt muss ich sagen: wenn jemand meint, meinen Busen/Po/etc. Kommentieren zu müssen, finde ich das ebenfalls nicht toll, weil ich dann lediglich darauf reduziert werde (allerdings weiß ich natürlich auch nicht, was genau er in angetrunkenem Zustand gesagt hat).

      • Vor dem Aufschrei hätte ich gesagt: c’est le ton qui fait la musique. Jetzt bin ich nicht mehr sicher. Ich habe auch schon einen Po gezielt komplimentiert. Am Skilift, bei einer flüchtig Bekannten. Sie hat gelacht und mir Schnee angeworfen. Heute sind wir seit vielen Jahren verheiratet. Zum Glück habe ich es nicht lassen können und zum Glück hat sich meine Frau nicht auf zwei Backen reduziert gefühlt. Aber es war ein reinrassiger sexistischer Übergriff.
        Ich beneide meine Kinder nicht um diese Debatte. Sie macht mich betrübt denn ich habe das Gefühl, dass hier viel zu viel kaputt geschlagen wird.

      • Schön, dass dein Kommentar etwas Gutes zur Folge hatte :) Freut mich auch sehr für dich. Aber der Unterschied ist: du hast sie gekannt, wenn auch nur flüchtig. Bei einem komplett Fremden hätte ich soetwas eben einfach nicht geduldet! Vielleicht ist deine Frau da auch einfach etwas lockerer drauf, aber ich denke, dass es auch ohne einen sexistischen Kommentar zu einer Ehe gekommen wäre. Und natürlich kommt es auch an den Ton an! Da gebe ich dir vollkommen recht! Bzw. ist eben auch die Wortwahl entscheidend.

  4. Das Problem ist doch einfach, dass in dieser Debatte schon wieder so viel Polemik steckt. Natürlich gibt es Sexismus gegenüber Frauen, das will keiner abstreiten. Aber ist eine schlechte Anmache wirklich Sexismus über den man sich aufregen muss? Ich will nicht abstreiten, dass es Sexismus gibt und dass dieser respektlos gegenüber Frauen ist. Nur muss man daraus eine Debatte ableiten, die alle Männer unter Generalverdacht stellt? Desweiteren ist diese Debatte genauso verlogen und polemisch wie die meisten anderen Debatten in dieser Richtung, weil einfach erstmal wieder vollkommen ignoriert wird, dass es sämtliche negativen Dinge auch in der anderen Richtung gibt.

  5. Ich finde man erweist Leuten wie Brüderle zuviel der Ehre, wenn man seine Tat als bloße “schlechte Anmache” im Sinne eines Annäherungsversuches ansieht.

    Bettina Gaus schreibt in der taz (http://taz.de/Kolumne-Macht/!109760/):
    “Warum sollte eine 29-Jährige es schmeichelhaft finden, wenn ein 67-Jähriger ihr Avancen macht – noch dazu einer, den sie nicht gut genug kennt, um sich allein aufgrund seiner inneren Werte in ihn zu verlieben?”

    Sicher mag es Ausnahmen geben, allerdings bin ich überzeugt, dass sich solche – seltene – Beziehungen i.d.R. anders anbahnen –

    Das wissen eigentlich auch Leute wie Brüderle, aber sie ignorieren es mutwillig, denn hier geht es auch um Machtausübung in sexualisierter Form.

    • Bei Brüderle ist Sexismus nur ein Symptom einer anderen Problematik: mächtige Menschen neigen zu Realitätsverlust und Allmachtwahn. Hat mit ihrer psychologischen Struktur zu tun, ohne die sie gar nicht erst an die Spitze gekommen wären. Das Thema wäre also ein ganz anderes.

    • Das Schlimme ist, dass es sehr oft funktioniert. Frauen suchen (oft) “mächtige Männer” und lassen sich von denen anmachen.

      Ich weiß jetzt nicht ob das Beispiel mit dem vorigen Bundespräsidenten darauf passt, aber dass sie ihn verlässt, nachdem er das Amt verloren hat, ist schon sehr merkwürdig.

    • Hilfe ffcrs Farbre4tsel:Die Tabelle auf dem Video angucken und mit der Buchstabentabelle auf der lereen Wand vergleichen, so erhe4lt jeder Buchstabe eine Zahl.Dann die Ziffern auf dem Bild aufschreiben und die Buchstaben ffcr die Zahlen dazuschreiben, die Nummern auf dem Bild sind so angeordnet wie die Farbstrahlen auf dem Safe hinter dem SpiegelLf6sung Farbre4tsel:Oben: GrfcnOben Links: BlauUnten Links: OrangeUnten: LilaUnten Rechts: GelbOben Rechts: Rot

    • Hallo Ihr Lieben,ich kann mich mit Firefox nicht einloggen. (Den benutze ich seit der aktuellen Sicherheitswarnung fuer den Microsoft Internet Explorer). Wenn ich das Passwort falsch eingebe, wird das zwar angezeigt. Wenn ich es richtig eingebe, unterbleibt zwar diese Fehlermeldung, die Zeile, dass ich eingeloggt sei, kommt aber auch nicht und ich kann nicht auf die geschuetzten Inhalte zugreifen. Mit dem Internet Explorer dagegen funktioniert es nach wie vor.Ist das Problem bekannt, gibt es eine Loesung dafuer?Viele Gruesse, Joerg Das hatt echt super spass gemacht danke für diese super zeit und möglichkeit um erfahrungen für mein weiteres Leben zu sammeln.Es war eine sehr harmonische zusammenarbeit mit euch und ich fand es schön das ihr mich so herzlich aufgenommen habt.Auch auf der Insel wurde ich super nett aufgenommen und hatte viel spass mit allen.Mich würde es freuen in den Ferien mal wieder zu kommen.Euer Paul.

    • Much of the fear and loathing QuotesChimp feel toward auto in�surance companies comes from their knowledge that if they use their insurance, their company will make them pay dearly for the privilege or cancel them altogether, even if they are not at fault. This inequity can be substantially reduced if companies are compelled by law to offer policies in which the consumer is guaranteed renewal, without a rate increase above that charged all other policyholders as approved by the state insurance com�missioner. The only grounds for an individual increase in pre�miums (other than changes in the risk of coverage, such as the purchase of a new car) would be a poor driving record based on the concept of fault. In other words, if you made claims against the company for benefits as the result of an accident that was not primarily your fault, your rates could not be raised.

  6. Pingback: Der Aufschrei « Etwas Text zu diesem und jenem

  7. Pingback: Komplimente als Übergriffe | Warum alles auch ganz anders sein könnte.

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