»online first« als Paradigmenwechsel für den Journalismus

Der folgende Auszug stammt aus einem Aufsatz über die Bedeutung von Social Media in den Geisteswissenschaften, der von einer Analyse des Paradigmenwechsels im Journalismus ausgeht. Ich freue mich über Korrekturen, Ergänzungen oder Hinweise auf interessante Literatur. 

Zusatz: Ich habe den Text im Aufsatz ausgebaut und präzisiert. Ein pdf davon findet sich hier; ich belasse den Blogpost in der Originalform.

LightLine, society6.

LightLine, society6.

Unter dem Einfluss des Medienwandels von analogen zu digitalen Medien, die mobil und unter Mitwirkung der Rezipienten genutzt werden, hat sich die Funktion von journalistischer Text- und Wissensproduktion radikal verändert. Wenn man von einem Paradigmenwechsel spricht, dann wird Thomas S. Kuhns Definition des Paradigmas – »Ein Paradigma ist das, was den Mitgliedern einer wissenschaftlichen Gemeinschaft gemeinsam ist, und umgekehrt besteht eine wissenschaftliche Gemeinschaft aus Menschen, die ein Paradigma teilen.« – auf der wissenschaftstheoretischen Terminologie entlehnt und auf die journalistische Praxis übertragen. Auch da ist das Paradigma mit Regeln und Normen verbunden, die nach dem Wandel eine neue Struktur und Hierarchie aufweisen. Die Anomalien, die in der Praxis einen Paradigmenwechsel auslösen können, sind stärker ökonomischer Natur. Im Journalismus sind zwei verschiedene Wirtschaftskreisläufe relevant: Aufmerksamkeit steht als Währung eigenständig neben Geld.

Das Web 2.0 hat auf zwei Arten Anomalien hervorgerufen: Einerseits war es möglich, dass im System des Journalismus nicht etablierte Akteure Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Augenzeugen und Autoren konnte mit journalistischen Leistungen ohne den Umweg über eine anerkannte Publikation, ohne Leistungsausweis und ohne Anstellung direkt an einen großen Leserkreis gelangen, indem ihre Publikationen viral verbreitet wurden. Andererseits wurde durch die von Google und anderen Unternehmen angebotene Möglichkeit, Werbung gezielt auf das Lese- und Suchverhalten von Nutzern abzustimmen, wirtschaftlicher Druck erzeugt, der Werbeeinnahmen journalistischer Produkte einbrechen ließ und grundsätzlich jedermann in die Lage versetzte, Werbung mit seinen Inhalten zu verknüpfen.

Die Bewältigung dieser Anomalien hat ein neues Journalismus-Paradigma hervorgebracht, in dem neue Probleme gelöst werden und neue Wert entstehen konnten. Das neue Paradigma kann anhand von vier Eigenschaften von Online-Journalismus beschrieben werden:

  1. real time
    Liveticker, Videostreams und andere Formen eine möglichst direkten Übertragung ersetzen die bisherige Newsberichterstattung. Aus der Perspektive des alten Paradigmas schreibt etwa der Zürcher Journalist Constatin Seibt: »Der Live-Ticker widerspricht allem, was man vom Leben und vom Schreiben weiss. Er ist die radikalste Form von Aktualität. Eingeführt wurde er im Online-Journalismus, um dessen Schnelligkeit optimal zu vermarkten: auf der Jagd nach Klicks im Minutentakt.« Entscheidend ist gerade die technisch mögliche Elimination der Zeitverzögerung. Sie reduziert die journalistische Arbeit auf das Abbilden von Ereignissen und verunmöglicht Reflexion, Gewichtung und die Darstellung von Meinungen zu den Ereignissen.
    Die Entwicklung hin zu real time-Journalismus ist dabei eine direkte Reaktion auf die Zugänglichkeit von many-to-many-Medien, die jedem Anwesenden einen Zeitvorsprung vor traditionell arbeitenden Journalisten geben.
  2. kuratieren
    Als Reaktion auf diese Tendenz und Konkurrenzsituation fokussieren wichtige Akteure im Journalismus auf andere Bereiche ihrer Tätigkeit. In seiner Prognose fürs Jahr 2013 schreibt der Medienwissenschaftler Michael Maness: »What is needed are newsrooms that can filter, verify, curate, and amplify social media for their audiences, in addition to journalists reporting in enterprising and contextual ways.« Er weist dem Journalismus so eine Funktion auf einer sekundären Ebene zu: Primäre Inhalte, die via Social Media verbreitet werden, werden von Journalisten überprüft, bearbeitet und weiterverbreitet. Kuratieren ist dabei zu einem omnipräsenten Schlagwort für die Konzentration auf die Recherchearbeit geworden, welche als solche direkt weitergegeben wird.
  3. Personen als Marken. 
    Durch ihre Aufgabe als Kuratoren sind Journalisten auf neue Netzwerke angewiesen, die häufig über Social Media aufgebaut werden. Sie treten dann nicht als Vertreter einer Publikation auf, sondern als Person. Über ihre Kanäle sprechen sie Leser direkt an, die den Umweg über die Zeitung oder Zeitschrift nicht mehr benötigen. David Carr, Medienkritiker der New York Times, erreicht beispielsweise fast 400’000 Twitter-Follower mit seinen Mitteilungen.
  4. Verlust des journalistischen Kontextes.
    Da Social Media den Lesern starke Filter in die Hände geben, sind sie in der Lage, Medieninhalte selektiv gemäß ihren Interessen und Vorlieben zu konsumieren. Sie erstellen in ihren so genannten Timelines eigene Kontexte. Es gibt keine Redaktion mehr, die eine Ressorteinteilung vorgibt, Texte arrangiert oder mit einem Layout versieht; all diese Funktionen übernehmen im Web 2.0 durch Algorithmen unterstützte User. Auch Suchmaschinen, mit denen kann die Hälfte der online erschienen Texte abgerufen werden, sind Social Media: Ihre Ranglisten und Ergebnisse sind durch das Verhalten der Nutzer beeinflusst und individuell auf die Suchenden zugeschnitten.
  5. Dialog.
    Im Umgang mit Reaktionen bietet Online-Journalismus neue Möglichkeiten. Es gibt keinen begrenzten Platz für Leserbriefen, die Kommentarfunktion ermöglicht es, beliebig viele Reaktionen zu sammeln. Auch hier entfällt die Zeitverzögerung, Sekunden nach der Publikation von Artikeln werden die ersten Kommentare aufgeschaltet, die dann wiederum kuratiert und zu neuen Artikeln verarbeitet werden.

2 thoughts on “»online first« als Paradigmenwechsel für den Journalismus

  1. yeppo. die ansätze gefallen mir sehr gut. vieles ist noch unausgegoren (ich meine nicht im hier be-/geschriebenen, sondern «in der “realität”»)

    kleines beispiel: vor dem live-ticker gabe es das live-bloggen. weil da keine journalistischen ansprüche erfüllt werden mussten, war das live-bloggen viel freier. da wurden jeweils spontane gedankengänge der bloggenden person eingeflochten; oder inhaltlich relevante oder einfach nur assoziative links gesetzt.

    so, wie die journalisten nun meinen, den live-ticker erfunden zu haben, werden sie irgendwann wohl auch so tun, als ob sie die erweiterung des live-tickers erfunden haben…;))

    aber nochmals: habe selten eine solch gute zusammenfassung des aktuellen paradigmenwechsels im journalismus gelesen (befasse mich aktuell in einem anderen feld mit demselben paradigmenwechsel: http://milieukoenig.posterous.com/weiter-arbeiten-an-den-gleichungen-museum-tv)

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