Die Grenzen des Marktes

Der politische Philosoph Michael Sandel stellt in einem neuen Buch die Frage, wo die Grenzen des Marktes liegen sollen. Er konstatiert Probleme, die dadurch entstanden sind, dass viele gesellschaftliche Probleme durch den Fluss von Geld gelöst werden. (Ich habe die Texte Sandels im Guardian und in The Atlantic gelesen, dazu diese NY Times-Rezension.)

Hier ein Beispiel von Sandel:

In China sind Arzttermine rar. Man muss lange anstehen, um einen wahrnehmen zu können. Mittlerweile gibt es eine ganze Dienstleistungsindustrie ums Anstehen: Wer genug bezahlt, erhält einen Termin von Anstehprofis.

Solche Systeme gibt es an verschiedenen Orten. Sandel sieht, dass sich die Regeln verändern, nach denen gespielt wird: Früher kam zuerst dran, wer zuerst da war – heute kommt zuerst dran, wer am meisten bezahlt. So spielt die Ethik des Marktes (und seine Ordnungskraft) auch in Bereichen, die traditionellerweise andere Strukturen aufweisen: Sicherheit wird durch private Sicherheitsdienste gewährleistet, Fortpflanzung kann mit finanziellen Mitteln sicher gestellt werden, Schulbildung kann (und muss) gekauft werden, Umweltbelastungen können gekauft werden, man kann gegen Bezahlung aussterbende Tierarten schiessen, Menschen für illegale Menschenversuche zahlen, jemanden für ein Werbetatoo auf der Stirne zahlen.

Sandel ortet zwei generelle Probleme, die damit verbunden sind:

  1. Die ökonomische und soziale Ungleichheit verschärft sich, an je weniger Orten gemeinsame Erlebnisse möglich sind: Wenn Reiche auch an Flughäfen und in Freizeitparks nicht mehr anstehen müssen, dann leben sie ihr Leben in der »Skybox«, der Loge in einem Stadion:

    Democracy does not require perfect equality, but it does require that citizens share in a common life. … For this is how we learn to negotiate and abide our differences, and how we come to care for the common good.

  2. Wenn Güter käuflich sind, verlieren sie an Wert, sie werden dadurch korrumpiert.

Für die zweite Behauptung gibt es einige interessante Studien oder Beispiele. Hier drei von Sandels Beispielen:

  • In Wolfenschiessen sollte eine Atommülldeponie gebaut werden. Bevor eine finanzielle Kompensation diskutiert wurde, fand sich eine knappe Mehrheit für eine Atommülldeponie, danach nicht mehr.
  • In Israel gab es Kindertagesstätten, die darunter litten, dass die Eltern ihre Kinder zu spät abholten. Also führten sie dafür eine Busse ein. Nach der Einführung der Busse holten noch viel mehr Eltern ihre Kinder zu spät ab – die Busse war der Preis für eine Dienstleistung.
  • Wenn Studierende gebeten werden, für einen wohltätigen Zweck zu sammeln, dann sammeln die,
    a) die es nur für den guten Zweck tun, am meisten
    b) die mit 1% an den Einnahmen beteiligt sind, am wenigsten
    c) die mit 10% an den Einnahmen beteiligt sind, am zweitmeisten.

Fazit wäre in diesem Bereich: Entweder nichts oder gut bezahlen.

Sandels Fazit:

A debate about the moral limits of markets would enable us to decide, as a society, where markets serve the public good and where they do not belong. Thinking through the appropriate place of markets requires that we reason together, in public, about the right way to value the social goods we prize. It would be folly to expect that a more morally robust public discourse, even at its best, would lead to agreement on every contested question. But it would make for a healthier public life. And it would make us more aware of the price we pay for living in a society where everything is up for sale.

Auf Twitter merkt Markus Schär an:
Dabei entsteht die interessante Frage, wie entschieden werden soll, für welche Bereiche der Markt zuständig sein soll und für welche nicht. Wenn es eine öffentliche, wohl auch demokratische Debatte über diese Frage gibt oder geben soll, so impliziert das, dass der Markt sicher immer erst an zweiter Stelle kommt. Dass er nicht selbstverständlich die besten Lösungen in jedem Bereich hervorbringt, sondern ein Verfahren ist, dass in einem klar definierten Kontext zum Einsatz kommt und obsolet wird, sobald es nicht die gewünschten Resultate erbringt.

One thought on “Die Grenzen des Marktes

  1. Nur der politische Markt kann entscheiden, wo der Markt i.e.S. vom Staat mit welchen Regeln beschränkt/gelenkt/verboten wird. Er bleibt aber letztlich eine Naturkonstante und urmenschliches Grundbedürfnis. Man kann den Markt nicht einfach ein- oder ausknipsen. Der Markt ist stärker als der Staat. Es gibt keine Gesellschaft ohne Markt.

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