Nazi-Vergleiche und der absolute Status der Nazi-Gräuel

Im Zusammenhang mit Sibylle Bergs Stürmer-Vergleich schreibt heute Rainer Stadler, der Medienkritiker der NZZ:

Bergs Vergleich ist Unsinn und nur ein weiteres Beispiel für Nazi-Vergleiche, die allzu oft leichtsinnig gemacht werden.

Nazi-Vergleiche sind zu einem Mem geworden im Internet: Eine Formel, die in jeder hitzigen Diskussion eingebracht werden kann. In Foren hat sich deshalb ein Gegen-Mem durchgesetzt: Die Erwähnung von »Godwin’s Law«, ein Gesetz, das eben diesen Zusammenhang zwischen intensiven verbalen Auseinandersetzungen und der Häufigkeit von Nazi-Vergleichen festhält (vgl. dazu Mike Godwins aufschlussreichen Essay in WIRED).

Nun zeigen genau diese Vergleiche, wie wir über die Nazi-Zeit denken: Wenn Stadler schreibt, der Vergleich erfolge »leichtsinnig«, so impliziert er, solche Vergleiche dürften nur in äußersten Ausnahmefällen vorgenommen werden. Damit wird der Nazi-Zeit eine Art absoluten Status zugestanden: Was auch immer passiert – mit den Nazi-Verbrechen hat es nichts zu tun.

Das scheint mir problematisch zu sein. Die Zeit des Dritten Reiches ist soll in zwei Hinsichten einen absoluten Status genießen:

  • Das Leiden der Verfolgten und Ausgegrenzten (homosexuelle Menschen, behinderte, Roma, Sinti, jüdische Menschen und weitere) war unvorstellbar – es kann und darf nicht trivialisiert werden, ist ist unvergleichbar (genau so wie das Leiden der Menschen im heutigen Syrien, während der Genozide in Ruanda – ich kann keine vollständige Liste notieren). Imre Kertész schrieb in seinem Galeerentagebuch:

    Das Konzentrationslager ist ausschließlich in Form von Literatur vorstellbar, als Realität nicht. (Auch nicht – und sogar dann am wenigsten -, wenn wir es erleben.)

  • Die politische Tyrannei und der Holocaust sollen in einem politischen Sinne absolut sein: Es darf unter keinen Umständen passieren, dass sich eine solche Unrechtsherrschaft wiederholt.

Darüber hinaus scheint mir ein solches Tabu wenig sinnvoll. Man versteht nicht, wie Diskriminierung, wie Populismus, wie Propaganda und Rassismus funktionieren, wenn man nicht genau hinschaut. Wenn man sich nicht einlässt, nicht eben auch vergleicht, dann ignoriert man eben, dass die Nazis nicht von einem Tag auf den anderen an die Macht gekommen sind und die Menschen in Deutschland nicht einfach alle plötzlich böse waren. Und es stimmt einfach nicht, dass alles, was heute passiert, nicht mit Vorgängen aus der Zeit der Nazis vergleichbar sind.

Vergleiche sind nicht Gleichsetzungen. Vergleiche zeigen Ähnlichkeiten, auch Ähnlichkeiten zwischen einzelnen Aspekten. (Anmerkung: Eine genauere Diskussion dieser Fragen gibt es hier nachzulesen.)
Die Weltwoche titelt »Die Roma kommen« und suggeriert mit dem bestimmten Artikel, dass vom Volk der Roma eine Gefahr ausgehe. Der Stürmer schreibt (10/1924, S. 3):

Wenn man über die Juden die Wahrheit sagt, dann tun sie, als ob man sie zu Unrecht beim Namen genannt hätte.

Damit vergleiche ich nun zwei isolierte Formen von Sprachverwendung: »die Roma« und »die Juden«. Selbstverständlich operiert Die Weltwoche journalistisch komplett anders als Der Stürmer das getan hat: Aber sie benutzt zumindest ein rhetorisches Mittel, das andere Zeitungen nicht verwenden. Im Stürmer kommt es aber vor.

Ums klar zu sagen: Ich hätte die Aussage von Sibylle Berg nicht gemacht und ich finde nicht, dass sie im konkreten Fall sinnvoll ist. Stadler liegt mit seiner Argument richtig, fügt er doch an den oben zitierten Satz an:

Die Skandalisierung der provozierenden «Weltwoche» erleichterte es dieser bloss, den Spiess umzudrehen und sich als Opfer darzustellen: Man schiesse auf den Berichterstatter, um dessen unangenehme Botschaft nicht zur Kenntnis nehmen zu müssen. Ein altbekannter rhetorischer Trick.

Aber ich bin der Meinung, man dürfe die Nazi-Zeit nicht historisch als einen erratischen Block ansehen, den es integral zu verdammen und zu tabuisieren gilt – weil das genau den Blick auf problematische Prozesse verstellt, die sich wiederholen können und werden.

P.S.: Der Vollständigkeit halber sei auch Bergs Reaktion festgehalten:

10 thoughts on “Nazi-Vergleiche und der absolute Status der Nazi-Gräuel

  1. Natürlich soll man vergleichen und auch immder wieder die Geschichte befragen und zitieren.

    Das Problem mit der Nazi-Käule ist halt einfach, dass sie eine Diskussion in der Regel nicht weiter bringt.

    Wer dem politischen Gegner pauschal vorwirft, er sei ein Nazi, oder er operiere mit Nazi-Methoden, bricht die Diskussion in der Regel ab, oder lässt sich gar nicht entstehen.

    Übrigens genauso wenn man jemanden pauschal als Kommunisten abqualifiziert, wenn er den einen oder anderen Marktmechanismus in Frage stellt.

    Eine inhaltliche Auseinandersetzung gewinnt nicht an Qualität, wenn man die Protagonisten mit negativen Attributen zu disqualifizieren versucht, sondern wenn man die Argumente diskutiert.

    Klar, Twitter ist nicht das Medium für die differenzierte Debatte. Da kann es schon mal vorkommen, dass man zu einer provokativen Metapher greift. Alles halb so wild, würde ich meinen :-)

    • Das stimmt – das ist ein wichtiger Punkt. Er beinhaltet wohl auch, dass das Totschlag-Argument eben nur funktioniert, wenn die Absolutheit eines Zustands gegeben ist. Aber es gibt wohl – wie du erwähnt hast – eine Reihe anderer Vergleiche, die dazu dienen, Diskussionen zu behindern oder abzubrechen… 

  2. Na, wie beruhigend, dass Frau Berg auch mit Gegenwind umgehen kann. Nur ein Deutscher weiss, was Faschismus ist. Und Nazismus? Und Begriffsdefinitionen.

    Genau funktioniert Deine Theorie vom Totschlagargument so gut. Wenn ein Schweizer den Vergleich gebracht hätte, würde wahrscheinlich heute niemand mehr darüber diskutieren, oder?

    • ha, fürwahr! aber im wesentlichen wärs der welt egal gewesen, wenn der köppel einfach über solcher ‘kritik’ gestanden hätte. aberja, der mann und sein blatt sind halt attention whores.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ photo

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s