Zur Urheberrechtsdebatte

Nach Sven Regeners Wutrede (»Ich kann vor allem die ganzen asozialen Leute nicht mehr hören, die immer sagen, hier so, “Diese Künstler, die hier, die sind ja sowieso alles Nutten, wenn sie’s für Geld machen”.«), Gimas offenem Brief an die Piratenpartei (»Also […] liebe Piraten. Bitte masst euch nicht an, im Namen der Kulturschaffenden zu argumentieren. Wir sind hier in der Schweiz die durchs Band gefickten.«) und dem offenen Brief von 51 Tatort Autoren an die »liebe[n] Grüne, liebe[n] Piraten, liebe Linke, liebe Netzgemeinde« (»Wie überhaupt der ganze Diskurs über das Netz […] die Banalität von Rechtsverstößen kaschiert oder gar zum Freiheitsakt hochjazzt.«) ist eine weitere Runde in der Debatte rund ums Urheberrecht lanciert.

Dabei gibt es zwei Reflexe:

  1. Eine Verteidigung des Status Quo beziehungsweise die Forderung nach besserer Durchsetzung des Urheberrechts und nach Einschränkungen im Internet, damit Kunst und Kultur erhalten blieben.
  2. Die direkte oder indirekte Forderung nach der Abschaffung des Urheberrechts in der heutigen Form, verbunden mit dem Hinweis auf die Digitalisierung und das veraltete Geschäftsmodell der Kulturschaffenden und der Verwertungsindustrie.

Diese beiden Reflexe sind meist mit dem Hinweis verbunden, dass das, was die anderen sagen, wohl wieder ganz klar mache, wie wenig Ahnung sie entweder von der Situation der Künstlerinnen und Künstler oder aber vom Internet und seiner Bedeutung für unsere Gesellschaft andererseits haben.

Dazu möchte ich ein paar Bemerkungen anbringen, mit denen ich versuche, die Debatte etwas differenzierter zu betrachen:

  1. Maximalforderungen haben den Status von Visionen. In der politischen und gesellschaftlichen Realität wird es während Jahrzehnten ein Urheberrecht in einer dem heutigen ähnlichen Form brauchen – und es wird gleichzeitig nicht zu verhindern sein, dass Dateien kopiert werden, ohne dass die Urheber oder Verwerter einverstanden sind.
  2. Einige Missverständnisse werden immer wieder wiederholt. Zunächst zu denen der Urheberrechtskritikerinnen und -kritiker: Die Trennung zwischen den Urhebenden und der Verwertungsindustrie ist eine Illusion. Es gibt nicht hier die unschuldigen, euphorisch-kreativen Menschen, deren Rechte dann von einer dämonischen Industrie mit Füssen getreten werden. Vielmehr ermöglicht diese Industrie, dass komplexe kulturelle Produkte entstehen. Vielleicht komponiert der eine oder die andere von uns auf dem iPad wundervolle Pop-Balladen oder schneidet einen bewegenden Dokumentarfilm, der mit dem iPhone gefilmt wurde. Wenn wir aber ehrlich sind, wollen wir weder iPad-Musik noch iPhone-Filme sehen, sondern stimmig produzierte Platten und perfekt geschnittene Serien in HD. Dafür brauchen die daran Beteiligten (es sind sehr viele) einen finanziellen Rahmen – jemand muss ihnen Geld geben, damit sie keiner anderen Arbeit nachgehen müssen. (siehe Kommentar von Mia).
  3. Der Vorwurf, ein »veraltetes Geschäftsmodell« zu vertreten, kann eine Diskussion auslösen. Man kann zeigen, dass innovative Formen von Kulturproduktion eine Chance haben, dass das Internet Möglichkeiten bietet und nicht nur eine Gefahr darstellt. Aber nur weil mir ein Geschäftsmodell nicht gefällt und ich es für veraltet halte, gibt mir nicht das Recht, gegen Gesetze zu verstossen.
  4. Die Definition, wonach kopieren kein Diebstahl sei, weil das Original ja weiterhin vorhanden sei, ist eine sophistische Haarspalterei. Urheberrecht ist wie Privateigentum ein abstraktes Konzept, das gesetzlich verankert ist. Mir persönlich ist es absolut unverständlich, weshalb es Grundbesitz gibt – und dennoch baue ich im Garten meiner Nachbarin keine Sauna.
    Heißt: Man kann das Urheberrecht oder den rechtlichen Umgang damit kritisieren –  dagegen zu verstoßen unterscheidet sich aber nicht gegen den Verstoß gegen irgend ein anderes Gesetz.
  5. Es fehlt tatsächlich am Respekt gegenüber den Kulturschaffenden. Nicht bei allen Diskussionsteilnehmerinnen und -teilnehmern, aber bei einigen. Wenn man mit Schulklassen ins Theater geht, muss man immer darauf achten, dass die Schülerinnen und Schüler fürs Theater etwas so viel wie für einen Kinoeintritt zahlen müssen. Warum? Weil sie sonst denken, Theater sei nichts wert und schwatzen und die Vorstellung stören. Wer davon ausgeht, Musik, Literatur, Bilder und Filme gratis konsumieren zu können, sagt damit, dass die Arbeit von Künstlerinnen und Künstlern weniger Wert habe als die von Coiffeuren oder Dentalhygienikerinnen.
  6. Umgekehrt ist es kein positives Recht, für das Schaffen von Kunst bezahlt zu werden. Nur weil es diese Möglichkeit einmal gegeben hat, heißt das nicht, dass der Staat oder Verwertungsgesellschaften notwendigerweise dafür sorgen müssen, dass das für immer und ewig so ist. Es gibt Kunst, die so funktioniert wie mein Blog: Es gefällt mir, wenn Leute diesen Text lesen. Sie können damit machen, was sie wollen. Diese Möglichkeit müssen Künstlerinnen und Künstler auch haben.
  7. Nicht jede Kopie ist ein entgangener Kauf. Kopiert wurde Kultur schon immer – und finanziert konnte sie meist auch werden.
  8. Menschen bezahlen für digitale Literatur, Musik und Filme nicht, wenn diese möglichst gut geschützt sind – sondern dann, wenn sie nicht geschützt sind und in vernünftigen Formaten vorliegen. Wenn es für mich einfacher ist, ein Buch runterzuladen als es zu kaufen, dann kann es sein, dass ich mich aus reiner Bequemlichkeit gegen das Bezahlen sträube.
  9. Die Verwertungsgesellschaften haben tatsächlich nicht das Wohl ihrer Künstlerinnen und Künstler im Sinn, sondern ihren eigenen Gewinn. Es gibt Vertriebsformen (gerade im Internet), mit denen Kulturschaffende ihre Produkte direkter verbreiten können – und besser bezahlt werden.

Wenn man nun all diese Punkte bedenkt, kommt man bei einem Punkt an, den der CCC in seiner Antwort an die Tatortleute formuliert hat (weitere Antworten von Netzpolitik und ein Gesprächsangebot von D64) :

Daß einige Verwertungsgesellschaften mit dem simplen Fakt überfordert sind, das Kopieren von Werken nicht verhindern zu können, ändert nichts an der Tatsache, daß früher wie jetzt eine grundsätzliche Bereitschaft besteht, Kulturdienstleister angemessen zu entlohnen. Wo es Wege gibt, streßfrei und ohne Gängelungen Werke zu fairen Konditionen zu beziehen, werden diese ausgiebig genutzt […]

Gleichzeitig muss man aber auch im Kopf behalten, dass das Internet wohl einige Abläufe verändert, letztlich aber nicht innert Jahren unsere Gesellschaft verändern wird, wie Jörg Friedrich im Freitag geschrieben hat:

Man könnte einen ganzen Roman schreiben mit einer spannenden Alltagsgeschichte, der Formulierungen enthielte wie “er erhielt eine kurze Nachricht von ihr” oder “sie fuhr so schnell sie konnte zu ihm” oder “er las in den aktuellen Mitteilungen der Firma” von denen niemand wüsste, ob sie vor 200 Jahren oder heute angesiedelt ist. Nichts Wichtiges hat sich seitdem verändert. Die Menschen arbeiten, sie verdienen ihren Lebensunterhalt oder leiden Not, sie treiben Kultur, Politik und Kunst, sie führen Kriege und planen Revolutionen. Der Rest ist nur wechselnde Kulisse.

Zu wünschen wäre der Debatte, dass sie sich etwas weniger im Kreis dreht. Dass sie von Leuten geführt wird, welche die Einsichten und Bedürfnisse der Gegenseite respektieren, ein Gefühl für die Wünsche der Kulturkonsumierenden haben und sich bewusst sind, dass  »der anstehende historische Kompromiss zwischen Urhebern und Usern« nur in einem behutsamen Prozess herbeigeführt werden kann – nicht mit dem wechselseitigen Platzieren von rabiaten Rants.

4 thoughts on “Zur Urheberrechtsdebatte

  1. Kleine Rosinenpickerei, aber diese Formulierung stört mich enorm: «Jemand muss ihnen Geld geben, damit sie nicht arbeiten müssen.»
    Nein, jemand muss ihnen Geld geben FÜR ihre Arbeit. Solange wir noch nicht im bedingungslosen-Grundeinkommen-Paradies leben ist das jedenfalls so. Ordentliche Kameraführung, Filmschnitt, Beleuchtung, Musik ect. was eben alles für einen proffessionellen Film braucht, ist Arbeit. (Ich glaube, da sind wir uns auch einig, mich stört einfach die Formulierung).

  2. Hallo Philippe,

    wertvoller Beitrag zur aktuellen polemischen Debatte. Jedoch kurz folgendes

    Punkt 2) und 9) widersprechen sich. Und wer sich das Business ansieht, der weiss, dass die Verwertungsindustrie der grössere Feind der Kulturschaffenden ist (auch wenn sie das gerne ausblenden). Bestes Beispiel sind die ganzen Retorten-Stars, die die Verwertungsindustrie auf den Markt wirft um Kindern das Geld aus der Tasche zu locken. Und in der ganzen Kette verdienen sich andere goldene Nasen, aber nicht die Musiker.

    Punkt 4) Ich bin mir nicht ganz sicher, wie es rechtlich ist: Aber wenn ich eine rechtmässig erworbene CD nicht auf meinen PC rippen kann, wiel ein Kopierschutz darauf ist und ich den mit einem Tool umgehen muss, dass z. B. verboten ist, was dann? Der Verwertungsindustrie ist die Tatsache ja schon ein Dorn im Auge, dass man überhaupt kopieren kann (interessanterweise bieten Firmen wie Sony ja auch CD-Brenner an…). Wenn es nach ihnen ginge, müsste man fürs Auto, etc. immer eine separate CD erwerben (wenn sie ehrlich sind). Gerade in D-Land ist das schön ersichtlich: Will man seine DVD-Sammlung digitalisieren kann man das nicht, weil man einen Kopierschutz aushebeln müsste. Legal? Illegal? Wo ist die Grenze?

    Punkt 5) Nun ja, wenn man als Schüler ein Theater besuchen muss, kann es natürlich vorkommen, dass es einzelne stören. Das würde die aber auch dann stören, wenn es gratis ist, schlicht weil sie nicht ins Theater wollen. Das hat hiermit eigentlich nichts zu tun. Wenn es mich langweilt ins Theater zu gehen, fällt eine Würdigung der Arbeit natürlich schwerer.

    Punkt 7) Das ist das beliebteste Argument der Verwertungsindustrie: Download = Verlorengegangener Kauf. So würde auch die Musikerin Sina argumentieren, nur weil ihr Album nicht mehr so oft gekauft wird.

    Abschliessend dies: Ich denke nicht die Künstler sind das Problem, sondern die Verwertungsgesellschaften. Aber öffentliche Briefe wie derjenige der ARD-Tatort-Autoren oder Sven Regener sind nicht wirklich hilfreich, weil sie eigentlich auf den Kunden abzielen und den Status quo erhalten wollen. Sie blenden auch aus, dass das Vergnügungs- und Künstlerangebot heutzutage viel grösser geworden ist und sich viele den gleich bleibenden Kuchen teilen müssen. Das heisst nicht, dass alles, was von Piratenseite kommt wirklich gut ist.

    • Ich denke nicht, dass es einen Widerspruch gibt: Verwertungsgesellschaften funktionieren nicht alle gleich. Es gibt die, die KünstlerInne als moderne Sklaven halten – und es gibt die, die nur im Interesse von KünstlerInnen handeln.

      Die Grenze ist doch rechtlich klar definiert. Es geht nicht darum, dass du eine CD fürs Auto kopierst. Sondern darum, dass du es Tausenden ermöglichen kannst, sich eine CD fürs Auto und für sonstwohin zu kopieren.

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