Meiner Meinung nach gibt es keine guten Argumente für die Buchpreisbindung. Das Gesetz (pdf) ist ungenau geschrieben und im Grunde genommen unnötig: Es wird seine beabsichtigte Wirkung, einen vielfältigen und lebendigen Buchmarkt zu erhalten, in dem Nischenprodukte einen Platz haben, nicht entfalten können. Zu stark sind die großen Player in diesem Markt schon, zu weit sind die Möglichkeiten für Autorinnen und Autoren fortgeschritten, ihre Werke direkt vertreiben zu können, ohne auf die Infrastruktur der Buchhandlung und das Know-How und das Marketing eines Verlags angewiesen zu sein. Die Vorlage nützt zudem weniger den kleinen Buchhandlungen als den großen Ketten, die eng mit Verlagen zusammenarbeiten und den Kundinnen und Kunden an teuren Mietlagen eine beeindruckende Infrastruktur anbieten können, ohne dass sie über die Preise für ihre Bücher angegriffen werden könnten. Zudem sind Bücher nicht notwendigerweise Kulturgüter. Ich liebe Bücher, besitze und lese sehr viele von ihnen. Gehe ich aber in eine durchschnittliche Buchhandlung, finde ich dort an prominenter Lage Beziehungsratgeber, Esoterikschund und Geschenkpackungen, in denen Teetassen, getrocknete Blüten und allenfalls ein paar Gedichte stecken. Die Bücher, die ich kaufen will, können zwar bestellt werden. Aber Bücher bestellen, das kann ich selbst.

Dennoch werde ich dafür stimmen, dass die Buchpreise gebunden werden. Ich denke nicht, dass es für die Konsumentinnen und Konsumenten oder die Schreib- und Lesekultur in der Schweiz wahrnehmbare Konsequenzen hat, ob die Preise gebunden sind oder nicht. Zu wissen, wie viel ein Produkt wert ist und dass man es nicht an einem anderen Ort möglicherweise ein paar Franken billiger kaufen könnte, ist für Buchkäuferinnen und -käufer meiner Meinung nach gleich viel Wert wie die Möglichkeit, am Kiosk den neuesten Bestseller zu einem unschlagbar günstigen Preis mit den Zigaretten zusammen kaufen zu können.

Aber eine Annahme des Gesetzes wäre ein Signal gegen den Glauben, der Markt vermöge die Bedürfnisse der Menschen effizient zu befriedigen. Das Credo lautet, dass finanzielle Abwicklungen und mit ihnen Wettbewerb und Konkurrenz in der Lage sind, ohne Verschwendung die Transaktionen von Gütern optimal zu regeln. Gibt es ein Bedürfnis nach etwas, gibt es eine Nachfrage; und für jede Nachfrage gibt es auch ein Angebot – so die verkürzte Theorie. Diese Vorstellung eines Marktes galt unter Umständen in einer mittelalterlichen Kleinstadt. Die Voraussetzung haben sich radikal geändert. (Vgl. auch die Diskussion dieses Artikels.)

Heute verstehen wir weder den Wert von Geld, weil das einfach an einem Computer generiert wird, noch funktioniert die Befriedigung von Bedürfnissen. Der Markt verhindert, dass Menschen Nahrung und Wasser bekommen, und sorgt im Gegensatz dafür, dass andernorts Ressourcen verschwendet werden.

Zurück zu den Büchern: Ich nehme es den Marktapologeten nicht ab, dass ein nicht-regulierter Buchmarkt die Bücher zum besten Preis anbietet, welche die Menschen haben möchten. Es liegt nicht im Interesse der Marktteilnehmer, Preise zu senken. Ihr Interesse sind das Erzeugen von Kartellen, hohe Margen und hohe Absätze.

Nehmen wir zwei Beispiele, mit denen man zeigen kann, dass der Markt keine optimalen Ergebnisse liefert: Heute ist ein Buch nur ein Ausdruck einer digitalen Datei, die man automatisch in ein brauchbares Format verwandeln könnte. Diese digitale Datei könnte man im Internet verkaufen. Dafür gibt es eine Nachfrage. Tatsächlich kann man die wenigsten Bücher im Internet kaufen, und wenn, dann in unbrauchbaren, uneinheitlichen Formaten und zu völlig überrissenen Preisen, wenn man sie die Vertriebswege mit denen gedruckter Bücher vergleicht.

Forschung wird in vielen Ländern durch staatliche Mittel gefördert. Die entstehenden Arbeiten könnten mühelos auf entsprechenden Internetplattformen publiziert werden. Sie wären einfach katalogisierbar und greifbar, Wege würden verkürzt und die Öffentlichkeit könnte die Forschungsergebnisse einsehen. Das passiert kaum. Die meisten wissenschaftlichen Arbeiten werden nur in Buchform verfügbar gemacht, in kleinen Auflagen, die in wenigen Bibliotheken stehen. Die Autorinnen und Autoren zahlen für die Publikationen mit staatlichen Mitteln, Drittmitteln oder eigenem Geld, die Forscherinnen und Forscher, welche sie lesen wollen, ebenfalls.

Es ist Zeit für Lösungen, die sich von einer veralteten Marktvorstellung verabschieden. Der Markt fördert nicht die Innovation, sondern erhält unnötige Strukturen. Gesetzgebung ist kein eleganter Weg, um Lösungen einzuführen – der Markt aber der gefährlichere. Es gibt kaum Verbesserungen unserer Lebensqualität, welche durch die Kraft des Marktes entstanden sind: Würde man die Kräfte des Marktes nicht bremsen, hätten wir weder Ferien noch eine Altersvorsorge. Frauen hätten keinen Mutterschaftsurlaub, Krankenkassen wären nicht obligatorisch. Inhaltsstoffe unserer Nahrungsmittel würden nicht deklariert, rauchen könnte man überall. Man könnte die Liste weiterführen – ich höre hier mal auf.