Wie man auf Kritik nicht reagieren sollte – Kurt Imhofs Kritik an der Medienqualität
Geschrieben am 8. Oktober 2011
Rainer Stadler schreibt in der NZZ rückblickend:
Als vor einem Jahr das Forscherteam um den Zürcher Soziologen Kurt Imhof eine Bestandsaufnahme der Schweizer Medien publizierte, provozierte es vor allem in der Branche selber etlichen Widerspruch und Widerstand. Dies nicht zuletzt deshalb, weil die Analyse zu ziemlich kritischen Resultaten kam.
Genau der gleiche Mechanismus spielt diese Tage, nach der Publikation des Jahrbuchs zur Qualität der Schweizer Medien durch den Forschungsbereich für Öffentlichkeit und Gesellschaft (Fög) der Universität Zürich.
Zuerst kurz zusammengefasst die Kritikpunkte der Forschenden um Imhof:
- weiche Themen erhalten zunehmend mehr Gewicht (2010 hat z.B. die Fussball WM am meisten Platz eingenommen, vor gesellschaftlich und politisch relevanten Themen)
- d.h. Medien unterhalten stärker und informieren weniger
- Berichte werden »episodischer«, Hintergrundberichte sind sehr selten und nur in wenigen Medien zu finden
- Gratismedien verstärken diese Tendenzen, nachhaltige Berichterstattung können nur noch gebührenfinanzierte Medien leisten
- viele Medien gehen mit Agenturmeldungen und PR-Material unkritisch um.
Wer sich nun ernsthaft mit der Schweizer Medienlandschaft auseinandersetzt, kann sich diesem Befund nicht verschließen. Und die Gefahr, die im Jahrbuch beschrieben wird, besteht tatsächlich: Es ist wohl nicht mehr allen Abstimmungs- und Wahlberechtigten möglich, sich in einem Mass zu informieren, das ihnen eine sachliche und rationale Entscheidungsfindung erlaubt.
Nun gibt es in Bezug auf Kritik eine Methode, die einen stark erscheinen lässt: Wenn man die Kritik ernst nimmt. Wer Kritik reflexartig abweist, bestätigt sie implizit immer.
Das passiert durch eine Reihe von Medienschaffenden auf Twitter – und durch Newsnetz-Chef Peter Wälty auf Newsnetz. Er hält inhaltliche Fehler fest, welche das Team gemacht hat, wirft den Forschenden vor, sie nutzten die Methoden des Boulevard und weist deshalb die ganze Studie in toto zurück:
Die Fehler, die jedem Sachkundigen auffallen müssen, stellen die Glaubwürdigkeit der gesamten Studie infrage.
Diese Fehler betreffen notabene nur die Plattform Newsnetz – insbesondere die Frage ihrer Finanzierung, ihrer Profitabilität und ihrer Nutzungsstatistiken. Die Fehler betreffen keinen der oben genannten Kritikpunkte – dennoch werden sie einfach pauschal ignoriert. Reflexartig schließen sich dieser Kritik auf Twitter eine Reihe namhafter Medienschaffenden an:
Grobe Fehler in #Fög-Studie über Qualität der Medien bit.ly/qkCnuF via @Newsnetz Damn that apple-pear-thing, Kurt!—
Lukas Egli (@ugly_egli) October 08, 2011
Wissenschaftlicher Fauxpas oder Nullchecker Akademie ? @kurtimhof #qualitätdermedien Qualität kommt von quälen? jahrbuch.foeg.uzh.ch/jahrbuch_2011/…—
Roland Wittmann (@RolandWittmann) October 06, 2011
Grobe, inhaltliche Fehler in der Medien-Studie von Kurt Imhof – gute Analyse von #Newsnetz-Chefredaktor Peter Wälty im #Tagi (Seite 15).—
sandro brotz (@swissbrotz) October 08, 2011
Wie ernst kann man Medienkritiker nehmen, die bei ihrer wiss. Arbeit selber schlampen? tagesanzeiger.ch/mobileapp/#/st…—
Michèle Binswanger (@mbinswanger) October 08, 2011
Seriöser wäre es, die Befunde der Studie im eigenen Schaffen zu überprüfen. Rainer Stadlers Kommentar zu den Vertiefungsstudien zum Einfluss der Agenturmeldungen und von PR ist dafür vorbildlich.
Auch auf Twitter gibt es kritischere Stimmen von Medienjournalisten:
@mbinswanger @ugly_egli Man kann doch aber trotzdem übers eigene Gewerbe nachdenken, odr? Es geht ja nicht nur um Reichweiten und Umsätze.—
Martin Hitz (@medienspiegler) October 08, 2011
"@ugly_egli @medienspiegler Medienspiegler, genau das stört mich an Wältys Kritik: Es geht nur darum: Wer hat den Längsten? Und die Inhalte?—
Christof Moser (@christof_moser) October 08, 2011
Ausgerechnet #Newsnetz-Chef Peter #Wälty kritisiert Schluddrigkeit der #Fög-Studien von Kurt #Imhof? tagesanzeiger.ch/leben/gesellsc…—
Christof Moser (@christof_moser) October 08, 2011
Update, 8. Oktober abends:
Imhof und sein Team reagieren auf die Kritik und halten ihre Sicht der Sachlage fest:
http://jahrbuch.foeg.uzh.ch/Seiten/default.aspx
http://www.medienspiegel.ch/archives/002948.html
leider viel zu oft reagieren schurnis auf kritik mit einem erstaunlich duennen nervenkostuem. wenn sie denn reagieren.
Das foeg-Team hat unter anderem hier reagiert und richtiggestellt:
http://jahrbuch.foeg.uzh.ch/Seiten/default.aspx
http://www.medienspiegel.ch/archives/002948.html
Schön, dass mit den Lesern eine konstruktive Debatte in Gang ist!