Wir schreiben einen Rant

Als ich in den USA im Austauschjahr war, fuhr ich viel Auto. Genauer: Ich fuhr in vielen Autos mit. Nicht selten wünschte ich mir, an den Autos wären Lautsprecher befestigt, damit alle Passanten hören könnten, wie schön meine Fahrerin oder mein Fahrer schimpften. Sie produzierten das, was man heute ohne viel Aufhebens ins Internet stellt: Einen Rant.

Einen Rant hat heute Michael Seemann geschrieben. Er bezweifelt, dass GeisteswissenschaftlerInnen was Sinnvolles täten, weil sich ihre Forschung nicht hinreichend auf digitale Medien konzentriere.

Im Folgenden will ich die Logik und Funktionsweise des Rants kurz darstellen.

  1. Man zeige, dass man viel von etwas versteht, ohne von der Kritik daran selbst betroffen zu sein. “Ich war mal einer wie ihr, Geisteswissenschaftler”, so Seemann, “deshalb verstehe ich genau, was ihr so macht. Aber nun bin ich fortgeschritten zum Medientheoretiker, während ihr zurückgeblieben seid.”
  2. Man formuliert eine möglichst radikale Kritik, die nicht auf Fakten beruhen muss. Man rantet ja schließlich.
  3. Man wartet auf Reaktionen, die eintreffen, wenn man provokativ genug war.
  4. Man reagiert darauf auf zwei Arten:
    a) Alles war nicht so gemeint, war nur ein Rant.
    b) Toll, diese Reaktionen, da zeigt sich mal wieder, was so ein Rant auslösen kann.
  5. Man ignoriert den Gedanken, man könnte einfach haltlose Halbwahrheiten formuliert haben.
  6. Man nimmt den eigenen Rant als Beleg dafür, dass man Recht gehabt hat – schließlich haben noch keine GeisteswissenschaftlerInnen die Textsorte Rant untersucht.

Mein Fazit: Rants gehören in die mündliche Sphäre. Da darf man was sagen, was man nicht recherchiert hat, was man spontant formuliert und womit man provoziert. Digital schaffen sie Strukturen, die wenig Gehalt haben und viel Energie konsumieren. Lesen sollte man zu Seemanns Rant auch diesen Blogpost – und diese Twitterkonversation:

 

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