Die Zugbrücke – eine Lösungsskizze

Im letzten Post habe ich eine Geschichte übersetzt, bei der die Aufgabe wie folgt lautete:

[E]ine Rangliste in Bezug auf die moralische Bewertung des Verhaltens der beteiligten Personen erstellen.

Ich versuche hier einige Hinweise zu einer »Lösung« der Aufgabe zu geben.

  1. Die Geschichte ist bewusst mit Lücken behaftet, welche die Lesenden ausfüllen müssen. Wir wissen vieles nicht und treffen dazu Annahmen (in den Kommentaren zur Geschichte geht es z.B. häufig um die Frage, weshalb denn der Verrückte genau verrückt sei).
  2. Die Diskussion dieser Annahmen zeigt uns wahrscheinlich, dass dieie moralische Bewertung von Handlungen von Annahmen abhängt (wir besitzen nie vollständige Information über Sachverhalte).
  3. Die Übung stellt die Postion der intuitiven Ethik auf eine Probe: Wir erstellen die Rangliste wohl intuitiv, sind aber bereit, diese Urteile zu ändern. Andererseits bewerten wir wohl alle zunächst intuitiv, d.h. nicht von einer strukturierten Theorie ausgehend.
  4. In der Ethik werden gemeinhin entweder Motive für die Beurteilung einer Handlung als ausschlaggebend betrachtet (so z.B. bei Kants kategorischem Imperativ), oder aber die Folgen einer Handlung (Utilitarismus). Erschwerend kommt zudem die Frage des Bewusstseins hinzu: Sowohl mangelndes Bewusstsein der eigenen Motive als auch mangelndes Bewusstsein der (potentiellen) Folgen einer Handlung können die moralische Beurteilung milder ausfallen lassen.
  5. Davon ausgehend diskutiere ich nun zwei der sechs Personen:
    a) Baron: Er droht seiner Frau mit einer Strafe.
    Sein Motiv ist wohl seine Eifersucht. Seine Handlung hat keine Folgen (?).
    b) Baronin: Sie betrügt ihren Ehemann. Sie übertritt sein Verbot. Sie übertritt das Verbot des Verrückten.
    Ihr Motiv ist ihre Langeweile bzw. ihre Notsituation (ein Selbstmordwunsch? Verzweiflung?). Die Folgen ihrer Handlung sind ihr eigenes Leiden und der Stress, den sie ihrem Freund, ihrem Liebhaber und dem Verrückten beschert. Zudem genießt der Liebhaber wohl das Schäferstündchen (und die Baronin auch).
  6. Fazit: Die Folgen zu bewerten ist äußerst schwierig. Wie misst man Leiden? Den Wert eines Menschenlebens? Vorteile, die man durch eine Handlung erhält?
    Auch die Motive sind schwer einzuschätzen. Psychologische Gegebenheiten sowie die Erfahrung von Personen dürften dafür eine wichtige Rolle spielen (angenommen dem Fährmann wurde in dieser Woche schon mehrmals das Versprechen gemacht, ddass eine Überfahrt später bezahlt würde, oder er braucht dringend Geld etc.)
  7. Die Bewertung hängt zudem von sozio-historischen Faktoren ab: War es zu dieser Zeit an diesem Ort (wann und wo spielt die Geschichte?) gesellschaftlich toleriert, dass eine Frau aus Langeweile ihren Mann betrügt? War es toleriert, dass ein Mann seiner Frau eine Strafe androht? War es üblich, sich unter Freunden Geld zu leihen? etc.
  8. Meine Beobachtung ist, dass die Bewertungen eine größeren Gruppe (ca. 20 Personen) sich gegenseitig aufheben und addiert das Verhalten von allen sechs Beteiligten gleich beurteilen, obwohl es völlig unterschiedliche Bewertungen gibt (der Verrückte kann entweder an Position 1 oder 6 stehen, selten dazwischen) und ziemlich ähnliche (der Fährmann befindet sich meist im Mittelfeld).
  9. Eine weitere Frage wäre, ob es darauf ankommt, wer die Geschichte beurteilt: Was für ein Alter, Geschlecht, Einkommen etc. die beurteilende Person hat. (Würden z.B. Frauen das Verhalten des Barons als schlimmer beurteilen als das der Baronin? Und warum?)

23 thoughts on “Die Zugbrücke – eine Lösungsskizze

  1. Ich danke fürs “an die Hand nehmen”!
    Was mir im Nachhinein auffällt ist, dass hier eigentlich alle automatisch ethisch argumentiert haben – obwohl die Frage eigentlich nach einer moralischen Bewertung lautete.

    • Welchen Unterschied triffst du zwischen ‘moralisch’ und ‘ethisch’?

      P.S.: Ich habe immer noch keine Lösung. Ich kann bloss sagen, dass ich den Baron und den Verrückten als Verbrecher betrachte, die anderen hingegen nicht.

      • Ich habe das bisher immer so mitbekommen, dass Moral sich an absoluten Sätzen festmacht – und Moral daher auch kaum ohne göttliches Fundament auskommt. Dagegen ist Ethik das ständige Abwägen und Verhandeln unserer Werte je nach Situation, Vorgeschichte, Epoche, …
        In der Bewertung haben doch eigentlich alle Teilnehmenden abgewogen, was es an belastenden und entlastenden Momenten gibt. Mit einer Ausnahme (dem Verrückten) wurde keine absoluten Vergehen in ihrer Reihenfolge aufgezählt. Z.B. hat man den Ehebruch der Baronin kaum gewichtet – ihre sexuelle Untreue hingegen schon (aber entsprechend weniger hart).

      • Zwei Nachträge:
        1. Sollte ich Unsinn erzählen, dann bitte ich um Aufklärung.
        2. Ich denke, dass auch legale Handlungsweisen amoralisch/unethisch sein können; daher ist die alleinige Nennung der “Verbrecher” ziemlich ohne Aussage(?). So kann man sich mehrere Geliebte halten (ohne dass die voneinander wissen) und das ist völlig legal – jedoch ziemlich verwerflich; es ist sogar verwerflicher als so manche illegale Handlung (bei Rot über die Strasse gehen, etc.).

      • 1. Soweit ich Wikipedia richtig verstehe, bezeichnet Moral die Handlungsregeln und Ethik die philosophische Disziplin, die sich mit diesen Handlungsregeln beschäftigt.

        2. Mit Verbrechen meine ich nicht bloss eine Ordnungswidrigkeit, sondern eine Tat, die Körper oder Eigentum einer andern Person ohne deren Zustimmung verletzt. Also z.B. Raub, Körperverletzung, Mord…
        Und solche Taten scheinen mir qualitativ anders zu sein als Ehebruch u.ä.

      • Zu Ethik vs. Moral: Den Wikipediaartikel habe ich auch mal angeschaut und wurde nur halbwegs schlau draus. Ich denke, dass sich meine Beschreibung oben direkt aus dem genannten entwickeln lässt. Z.B. biblische Moral: Arbeiten am Sabbat ist so schlimm, dass es mit dem Tod bestraft werden muss. Ein absoluter Satz also. Ethisch können wir diese Anweisung dann hinterfragen – z.B. gibt es Ausnahmen, in welchen Fällen, was legitimiert den Satz überhaupt, ist der Satz sinnvoll, etc.

      • Ach so, jetzt begreife ich erst worauf du hinaus willst!
        Nun mein “…göttliches Fundament…” habe ich ziemlich unreflektiert den Pfaffen nachgeplappert. Mir jedenfalls schien es schon eine gewisse Logik zu haben, dass wenn man absolut feststehende Regeln verkündet, als Rechtfertigung letztendlich so etwas wie einen Gott braucht (auch bei anderen -ismen). Betrachtet man aber letztlich ALLES als verhandelbar, interpretierbar oder allgemein veränderbar – als Vereinbarung zwischen Menschen, dann braucht man keine weitere – tiefere – Rechtfertigung.
        Na ja, wie gesagt: Ich bin ein Laie und schustere mir da was zurecht…

      • @arslibertatis
        Ja mir dämmert langsam, dass z.B. “Handle so, dass das grösstmögliche Glück entsteht!” auch eine moralische Handlungsanweisung ist – und dennoch kein Gott zur Rechtfertigung benötigt wird.

      • Mir drängt sich jetzt folgender Gedanke auf: Wenn Moral kein von der Religion gepachteter Begriff ist, warum können dann sogar Bischöfe in Fernsehsendungen Dinge sagen wie: “Ohne Gott gibt es keine Moral”. Das müsste dann ja nicht nur auf Widerstand seitens Ungläubiger führen – sondern alle redlichen Theologen müssten Einspruch einlegen. Oder kämpfen Theologen apriori als unredliche Philosophen?

      • Da bin ich auch etwas überfragt. Spontan kommen mir zwei Dinge in den Sinn:

        1. Sie glauben, dass ohne Gott keine objektive Moral möglich sei. Und ohne solche sei ein Abrutschen in eine total relativistisches Rechtssystem, in dem alles und nichts erlaubt ist, nicht zu verhindern. Bzw. ohne objektive Moral würden die Leute nicht mehr wissen, was gut und schlecht sei und könnten keinen Unterschied zwischen Kindsmord und Apfelessen treffen.

        2. Ohne ein ultimatives, letztes Gericht und ein göttliches Belohnungs- und Bestrafungssystem, dem man sich nicht entziehen kann, hätten die Leute keinen Anreiz, moralisch zu handeln und würden womöglich Mord legalisieren.

      • 3. Oder naheligend: “Moral” hat eben doch den historischen Beigeschmack von Religion – auch wenn das objektiv vielleicht falsch ist.

        Und der Punkt 2. bestätigt eben meine Annahme oben: “Mir jedenfalls schien es schon eine gewisse Logik zu haben, dass wenn man absolut feststehende Regeln verkündet, als Rechtfertigung letztendlich so etwas wie einen Gott braucht”

      • Diese Diskussion erinnert an den Menschenrechtsdiskurs. Die Menschenrechte gelten auch als absolute Regeln und stehen damit in Wiederspruch mit dem Grundsatz der Rechtsgleichheit, auf der die Demokratie basiert: Die Demokratie findet in den Menschenrechten ihre Grenze, zugleich ist die Demokratie aber ohne Menschenrechte nicht möglich, da die Gleichheit eben durch die Menschenrechte als Regel festgesetzt ist. Es gibt nicht wirklich eine Lösung, denn die beiden Regeln bedingen sich gegenseitig, aber verhindern sich gegenseitig in ihrer absoluten Bedeutung. Ich möchte also dahingehend argumentieren, dass ein absoluter Grundsatz möglich ist und eben dennoch nicht restlos alles verhandelbar ist. Und zwar dadurch, dass sich (wie im Menschenrechtsdiskurs) 2 Grundsätze gegenseitig bedingen und gleichzeitig jeder seine Grenze beim andern Grundsatz findet. Ein Treueschwur zu brechen ist moralisch verwerflich, weil ein geschworen wurde und nicht weil Treue ein göttliches Gebot ist. Aber nebenbei, ich bleibe auch bei meiner Behauptung, dass wir den Ehebruch durch die Baron mit unseren heutigen moralischen Vorstellungen als verwerflich verurteilen und nicht wissen, welches Arrangement (Treueschwur?) die beiden hatten.

      • Menschenrechte sind doch keine Voraussetzung für Demokratie. Die Griechen hatten auch eine Demokratie -mit nach Zensus gewichteten Stimmen, und hielten sich dennoch Sklaven…

  2. Mich überrascht, dass nur Mia (die einzige Frau, die kommentiert hat?) die allererste Handlung der Geschichte bewertet, nämlich das Verbot des Barons, das er gegenüber seiner “hübschen” Frau ausspricht. Hätte die Baronin dem Baronen verboten, das Schloss zu verlassen, wären die Reaktionen wahrscheinlich zahlreich gewesen – wobei diese Version der Geschichte eigentlich kaum denkbar ist. Das Verbot sehe ich jedenfalls als moralisch verwerflich und ich frage mich auch, ob der Baron mehr Verständnis erhält, weil seine Frau hübsch und er selbst “eifersüchtig” ist (die Eifersucht legitimer wenn der Partner hübsch ist) ? Ist er vielleich ein hässlicher Tyrann und würden wir anders über ihn urteilen, wenn wir diese Information hätten? Ein Test wäre interessant, der Aufschluss darüber bringt, welchen Einfluss das Attribut “hübsch” der Baronin hat: ist es vielleicht sogar so, dass wir sie dafür auch bestrafen? Wir wissen nämlich nicht, ob sich die beiden die ewige Treue geschworen haben. Ich bin also mit den Punkten 1 bis 3 und 9 völlig einverstanden.
    Mit dem Punkt 7 allerdings gar nicht: Die Zeit, in der die Geschichte spielt, kann kaum berücksichtigt werden, da nur Vorstellungen und Annahmen über die Gepflogenheiten und Vorstellung über diese imaginäre Zeit / Epoche getroffen werden können. Ich muss mich also auf meine eigenen Wertvorstellungen beschränken, wenn ich eine Lösung finden will und keine Palette von Lösungen aufgrund der verschiedenen Annahmen.
    Zu 5a), der Baron, der droht seiner “hübschen” Frau nicht nur, sondern er versucht Macht über sie auszuüben, er schränkt ihre Bewegungsfreheit ein. Seine Handlung hat also die Folge, dass seine Frau unter Druck ist. Und schliesslich zu 5b); warum wir davon ausgehen sollen, dass die Baronin dem Liebhaber und Freund Stress beschert, verstehe ich nicht: es ist genauso legitim zu sagen, dass sie sich den Stress selber machen (und zu einem moralisch bedenklichen Ergebnis kommen).

    • Danke für den Hinweis. Tatsächlich ist diese Gender-Typologisierung durch »hübsch« ganz auffallend – aber ich habe nicht die Geschichte an sich einer Interpretation unterziehen wollen, sondern sie etwas Gegebenes vorausgesetzt. Ich fände es sehr interessant, die Wirkung von »hübsch« zu testen.
      Urteilen wir – zu Punkt 7 – nicht aus einer Mischung zwischen unseren heutigen Vorstellungen und Annahmen über die Gegebenheiten der Zeit? Angenommen, du würdest mir jetzt auf Facebook verbieten, ein Bier zu trinken – dann wäre das doch weder ein Versuch, Macht auszuüben, noch würde es mich in meiner Freiheit einschränken oder mich unter Druck setzen – das Verbot wäre mehr eine Art Scherz, weil ich nicht annehme, dass du meinen Bierkonsum überprüfen kannst oder mir negative Konsequenzen drohen. Wenn du mir verbieten würdest, die Tür meiner Nachbarin aufzubrechen und sie zu erschlagen, dann wäre diese Verbot auch moralisch irrelevant, weil mir absolut klar ist, dass ich das nicht tun darf und die schon bestehenden Machtverhältnisse stärker als alles sind, was du aufbieten kannst.
      Die Frage ist jetzt, wie die Handlung des Barons und ihre Auswirkungen auf die Baronin zu werten sind. Offenbar hat der Baron gute Gründe, sein Verbot auszusprechen – die Baronin hat ja einen Liebhaber. Die Frage wäre aber, ob sie frei soll, einen Liebhaber zu haben (oder ob sie z.B. ihrem Ehemann versprochen hat, ihm treu tu sein). Es könnte zudem sein, dass zu dieser Zeit alle Frauen einen Liebhaber hatten, dieser Baron aber diese Sitte nicht besonders mochte etc. (Ich verliere mich etwas – Fazit wäre, dass die gesellschaftlichen Gepflogenheiten dieser Zeit sicher eine Rolle spielen. Würden wir die Geschichte heute spielen lassen, z.B. in einer Villa am Zürichberg, würde unser Urteil wohl anders ausfallen. Aber die massive Strafe, die der Ehemann androht, ist schon heftig, das stimmt.)
      Bei 5b) bin ich einverstanden. Die Handlungen sind verbunden und der Stress könnte gut auf die eigenen Handlungen zurückgeführt werden.

      • Nun, intuitive Moral- und Ethikvorstellungen haben wir, und auf sie können wir auch eine Beurteilung basieren. Aber was dieselben in einer Zeit (und selbst die kennen wir nicht) stehen uns nicht zur Verfügung, also müssen wir Annahmen treffen. Da es nur Annahmen sind, müsste aber je Annahme a) und b) – und ev. auch weitere berücksichtig werden. Ich finde also nicht, dass der Baron gute Gründe hat, sein Verbot auszusprechen, denn er weiss vielleicht gar nicht, dass seine Frau einen Geliebten hat, sondern er ist vielleicht eifersüchtig, weil seine Frau ex-matrimonial erfolgreicher ist als er (da hübsch). Vielleicht! und noch was anderes, das Format meiner Antowrt auf die andere Diskussion da oben ist ganz unmöglich, kannst Du das ändern?

      • Klar – das sieht doof aus, mal sehen, was ich machen kann.

        Einigen wir uns: Die Motive des Ehemanns lassen sich nicht restlos klären – sie basieren wahrscheinlich auf unseren Annahmen. Deine Interpretation finde ich absolut schlüssig. Generell würde ich schon davon ausgehen, dass das Aussprechen von Verboten und das Androhen von Strafen moralisch verwerflich sind – insbesondere in einer Beziehung.

  3. Sklaven (und Frauen oder aktuell “Ausländer”, man muss gar nicht so weit suchen) wurden beispielsweise als “nicht gleich” betrachtet. Grundsätzlich, eben als unverrückbares Menschrenrecht, gilt politisch-philosophisch natürlich absolute “Gleichheit”. Dann muss es Lösungen geben für diejenigen, die aus irgendeinem Grund ev. nicht fähig sind, ihre Rechte auszuüben.

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