Die Mitte der Gesellschaft – und Niklaus Meienberg

Auf der Medienwoche-Seite habe ich Ronnie Grob kürzlich kritisiert, weil er davon ausgegangen ist, Journalistinnen und Journalisten, welche ein Studium absolviert haben, seien nicht in der Lage, »die Mitte der Gesellschaft« abzubilden. Er führt dabei Niklaus Meienberg ins Feld, der 1972 schrieb:

Da ist einer jung, kann zuhören, kann das Gehörte umsetzen in Geschriebenes, kann auch formulieren, das heisst denken, und denkt also, er möchte unter die Journalisten. Er hat Mut, hängt nicht am Geld und möchte vor allem schreiben.
Er meldet sich auf einer Redaktion. Erste Frage: Haben Sie studiert? (Nicht: Können Sie schreiben?)

Man kann sich nun fragen, ob das heute noch ein aktuelles Problem ist – wo Gratiszeitungen und Onlineportale Volontärinnen und Volontäre auch ohne Matur erste Erfahrungen machen lassen und ihnen nachher eine – zwar schlecht bezahlte – Laufbahn im Journalismus eröffnen.

Zudem sagt auch Meienberg nicht, dass ein Studium einen am Nachdenken und Schreiben über relevante Aspekte der Gesellschaft hindere, vielmehr beschreibt er einen Prozess, der zum Ziel hat, JournalistInnen konform zu machen und ihnen den »Restbestand an Spontaneität« sowie ihren Texten die »Gefährlichkeit« zu nehmen:

Er hat gemerkt, dass zwischen Denken und Schreiben ein Unterschied ist, und so abgestumpft ist er noch nicht, dass er glaubt, was er schreibt. Aber er sieht jetzt ein, dass Journalismus eine Möglichkeit ist, sein Leben zu verdienen, so wie Erdnüsschenverkaufen oder Marronirösten.

Das alles wollte ich Ronnie Grob schreiben (im Wissen darum, dass der Graben zwischen Studierten und Nicht-Studierten im Journalismus immer noch aufklafft).

Dann aber habe ich mir überlegt, weshalb ich es als selbstverständlich erachte, zu wissen, was »die Mitte der Gesellschaft« beschäftigt, welche Politik in ihrem Interesse wäre und warum sie tut, was sie tut. Konkreter: Ich habe mir überlegt, warum ich der Meinung bin, mir über jedes gesellschaftliche Problem eine Meinung machen zu können, obwohl ich Gespräche fast ausschließlich mit Menschen mit dem gleichen Hintergrund führe – mit AkademikerInnen, die sich in der Agglomeration aufhalten, aus dem oberen Mittelstand stammen und zum oberen Mittelstand gehören – und deren Migrationshintergrund sich meistens auf die an die Schweiz angrenzenden Länder beschränkt.

Früher habe ich Handball gespielt. Da sass ich jeweils am Mittwochabend in einer Dorfbeiz und trank Bier mit Elektronikern, Gärtnern, Detailshandelangestellten, Kaufleuten, Ingenieuren, Informatikern. Auch das eine hermetische Welt: Militärdienst leisteten alle, die wenigsten waren nur Soldaten. Migrationshintergrund blieb auf wenige Deutsche beschränkt. Man wohnte zwar immer noch in der Agglomeration, aber teilweise etwas mehr auf dem Land. Und zum Mittelstand gehörten sie alle auch.

Mir bleiben eigentlich nur Fragen: Wäre es für mich möglich, mich in die Mitte der Gesellschaft zu begeben? An verschiedenen Orten dazuzugehören – zu verschiedenen Gesellschaftsteilen? (Ich vermute: Nein.) Wäre eine journalistische Publikation besser, wenn sie Texte von Menschen mit ganz verschiedenen Hintergründen versammeln würde – oder wenn sie Texte über Menschen mit ganz verschiedenen Hintergründe enthielte? (Ich bin unsicher.) Wer weiß denn eigentlich, was »die Leute auf der Strasse« beschäftigt? Wovor sie Angst haben? Was sie wollen – oder nicht wollen? Und wie findet man das heraus? (Ich bin ratlos.)

Zurück zu Meienberg und einer Vision, die er einem fiktionalen Journalisten zuschreibt:

An Sonn- und allgemeinen Feiertagen hat er manchmal noch eine Vision. Er träumt von einer brauchbaren Zeitung. Mit Redaktoren, die nicht immer von Lesern (die sie nicht kennen) schwatzen, denen man dies und das nicht zutrauen könne. Sondern welche gemerkt haben, dass sich auch der Leser ändern kann. Eine Zeitung, welche ihre Mitarbeiter nach den Kriterien der Intelligenz und Unbestechlichkeit und Schreibfähigkeit aussucht und nicht nach ihrer Willfährigkeit gegenüber der wirtschaftlichen und politischen Macht.

Meienberg ist – zumindest hier – erschreckend aktuell.

6 thoughts on “Die Mitte der Gesellschaft – und Niklaus Meienberg

  1. Ich fand Deinen Kommentar bei der Medienwoche gut. Ich hätte etwas Ähnliches geschrieben. Offensichtlich ist Ronnies Geschreibe von massivem Neid inspiriert. Und auch vom unsäglichen «Anti-Elite»-Diskurs der SVP. Apropos SVP: Man sollte unbedingt auch die Medienwoche boykottieren. Was man dort zu lesen kriegt, ist pure SVP-Medienpolitik. Bei Ronnies Geschwätz («Artikel» kann man seine Stücke nicht nennen) sowieso, und auch Nick Lüthi bagatellisiert die rechtskonservativen medienpolitischen Umtriebe nach Kräften. Man müsste bei der Medienwoche so vieles richtigstellen, dass ich es aufgegeben habe. Ich schreibe dort keine Kommentare mehr. Es bringt nichts.

    Abgesehen davon stimmt vieles bei der von Ronnie angezettelten Pseudo-Debatte hinten und vorne nicht. Es stimmt zB nicht, dass nur Journalisten mit abgeschlossenem Studium eine Stelle finden. Ich habe zum Beispiel nicht mal die Matur, und habe dennoch den Einstieg in den Journalismus geschafft. Einen wie Ronnie würde ich als Chefredaktor aber nie anstellen. Nicht wegen seines Bildungsniveaus, sondern weil er keine Neugier an den Tag legt und in seinen Texten nur seine Vorurteile verbreitet, ohne sie an der Wirklichkeit zu messen. Leute mit dieser geistigen Haltung sind im Journalismus unbrauchbar.

    «Journalismus muss aus der Mitte der Gesellschaft für die Mitte der Gesellschaft produziert werden»: Was für ein hirnrissiger Quatsch. Journalismus muss von Leuten produziert werden, die schreiben können. Und das sind nun mal nicht Polizisten und auch nicht Metzger, sondern in der Regel halt eben doch Leute, die ein überdurchschnittliches Bildungsniveau haben.

    «Wer weiß denn eigentlich, was die Leute auf der Strasse beschäftigt»: Es gehört zu den Aufgaben von uns Journalisten, das herauszufinden. Das geht sehr gut, wenn man die Augen und Ohren offen hält. Dafür muss man nicht Fabrikarbeiter sein.

    «Auch das eine hermetische Welt» ist ein schöner Satz. Klar gibt es auch eine Abschottung von «unten» nach «oben», die einerseits neidgetrieben ist und auch bedingt durch unterschiedliche Interessen. Ich erlebe die Grenze aber nicht als absolut dicht. Zu meinem Bekanntenkreis gehören Leute, die ganz verschiedene Berufe ausüben. Es gibt auch Nichtakademiker, die sich für Kunst und Literatur interessieren. Und es gibt auch viele Leute, die studiert haben, dann aber keine akademische Karriere machen. Die Welt ist nicht so einfach, wie man das sich manchmal vorstellt.

  2. @Bobby California: Als Chefredaktor krieg ich von Dir also keinen Job? :-) Nun denn, damit muss ich wohl leben.

    Zum Thema: Es ist richtig, dass auch Journalisten ohne abgeschlossenes Studium einen Job finden. Und ich habe auch nirgends geschrieben, dass ich glaube, dass Bildung schadet in diesem Beruf. Eigentlich schadet Bildung und Wissen kaum je. Mir geht es um den Abstand zum Rest der Bevölkerung. Journalisten neigen dazu, sich als elitär einzustufen und sich auf einer Stufe zu sehen mit Mächtigen oder Mächtig gewordenen, seien es die Spitzen von Politik und Wirtschaft, Funktionäre, Adlige oder Künstler. Die Gefahr dabei ist, dass sich hier eine abgehobene Klasse bildet, die mit dem Rest des Volks irgendwann nichts mehr zu tun hat. Was @Philippe Wampfler über den Handballverein schreibt, ist genau richtig, darum geht es. Viele Journalisten haben diesen Kontakt nicht mehr. Sie bewegen sich nur noch in Kreisen, die sich für elitär halten. Und man kann nicht so tun, als hätte das keinerlei Einfluss auf ihre Artikel.

    Richtig, schreiben muss man können. Nicht studiert haben. Sag ich doch. Und nochwas @Bobby California: Es stärkt Deine Glaubwürdigkeit nicht, wenn Du jede Haltung und Meinung, die Dir nicht gefällt, in eine “rechtskonservative” Ecke stellst und darin “pure SVP-Medienpolitik” erkennst.

    • Gibt es einen Beweis, eine Studie oder sonst eine Untersuchung für ihre Behauptung “Journalisten neigen dazu, sich als elitär einzustufen und sich auf einer Stufe zu sehen mit Mächtigen oder Mächtig gewordenen, seien es die Spitzen von Politik und Wirtschaft, Funktionäre, Adlige oder Künstler.”? Oder sprechen Sie hier von einem persönlichen Gefühl?

      • @Christian Degen: Ich spreche hier von meiner Einschätzung und meiner persönlichen Erfahrung. Ich behaupte auch gar nicht, dass das alle Journalisten betrifft, aber gerade in den Abteilungen Politik, Wirtschaft und Sport wird mE die nötige Distanz zu den Objekten der Berichterstattung zu wenig wahrgenommen. Viele sehen sich als Tänzer auf dem gleichen Parkett – damit missverstehen sie aber ihre Rolle als distanzierte Beobachter.

  3. Ronnie Grob > Dein Kommentar ist ein Musterbeispiel in Sachen unjournalistisches Denken. Wenn ich als Journalist so arbeiten würde wie Du, würde ich innert wenigen Tagen gefeuert. Und zwar mit guten Gründen gefeuert.

    Du schreibst einmal mehr: «Journalisten neigen dazu, sich als elitär einzustufen». Ja Ronnie: Welche Journalisten sind das? Sprichst du von real existierenden Journalisten? Oder sind das Figuren, die Du Dir vorstellst? Wir wissen es nicht! Denn Du bleibst uns konstant den Beweis für Deine Unterstellungen schuldig. Wenn Du nur einmal ein Beispiel bringen würdest von einem Journalisten, der «sich als elitär einstuft»… dann könnte man über Deine Vorwürfe diskutieren. Aber so nicht.

    Abgesehen davon: was soll das bedeuten: «sich als elitär einstufen»? Für mich bedeutet das gar nichts. Gemäss meinem Duden bedeutet elitär «einer Elite angehörend, auserlesen.» Nun ist es so, dass man zur Elite gehört oder nicht. Man kann sich nicht «als elitär einstufen». Wenn man nicht zur Elite gehört, gehört man nicht dazu, und basta.

    Das mit der Elite hast Du eindeutig von der SVP abgekupfert. Ich muss Dich gar nicht in eine rechtskonservative Ecke stellen – Du stellst Dich selber in diese Ecke, indem Du die Pseudo-Argumente aus dieser Ecke verwendest. Die SVP lancierte den verlogenen Anti-Elite-Diskurs. Verlogen deshalb, weil sehr viele Exponenten dieser Partei offensichtlich zur gesellschaftlichen Elite gehören, wie zum Beispiel Herr Doktor Blocher, seines Zeichens Multimilliardär. Seither kann ich das Wort «Elite» nicht mehr hören. Wenn die SVP die Elite kritisieren will, kann sich Blocher selber an der Nase nehmen. Und wenn Du, Ronnie, wirklich die Elite kritisieren willst, dann kannst Du Dich ja mal mit Rechtsanwälten oder Firmenbossen anlegen. Aber doch nicht mit Journalisten. Wir machen nur unseren Job und werden dafür vergleichsweise miserabel bezahlt.

    Aber Du glaubst ja zu wissen, dass sich Journalisten «auf einer Stufe sehen mit Mächtigen oder Mächtig gewordenen…» Auch hier: Bring endlich Beweise! Welche Journalisten sehen sich auf einer Stufe mit Mächtigen? Ich kenne schon welche, zB die Leute, die sich bei der Weltwoche verdingen. Aber die meinst Du wahrscheinlich nicht. Das sind für Dich wahrscheinlich mutige Menschen und die einzigen, die sich getrauen, die Wahrheit auszusprechen: Ausländer sind kriminell, IV-Rentner sind Betrüger usw.

    «Die Gefahr dabei ist, dass sich hier eine abgehobene Klasse bildet, die mit dem Rest des Volks irgendwann nichts mehr zu tun hat»: Nochmals: Bring Beweise! Solange Du keine Beweise bringst, sag ich nur: Alles Bullshit. Als Journalist kann ich auch nicht behaupten: Coiffeure sind schwul, oder: Ärzte sind korrupt. Als Journalist muss ich wenigstens einen Experten finden, der eine plausible These formulieren kann, weil er sich gründlich mit einem Thema befasst hat. Aber Du kannst Deine These von der «Gefahr der abgehobenen Klasse» nicht belegen. Weil Du keine Journalisten präsentieren kannst, die «abgehoben» sind. Das ist offensichtlich nur ein Schauermärchen, das Du Dir vorstellst, weil es Dir Spass macht, auf Journalisten herum zu hacken, und weil Dir der Applaus dafür sicher ist. Es wissen ja alle, dass Journalisten unseriöse Menschen sind.

    Ich bin seit ca 15 Jahren Journalist, aber ich bin nicht abgehoben und ich will auch nicht «nichts zu tun haben mit dem Rest des Volks.» Das ist wirklich Quatsch. Ich habe jeden Tag mit dem «Rest des Volks» zu tun. Und ich rede mit diesen Leuten sehr gerne.

    Aber Du, Ronnie, Du redest nicht mit den Leuten, bevor Du einen Text schreibst. Du schreibst über Journalisten, ohne vorher zu recherchieren, ohne mit Journalisten zu reden, ohne mit Experten zu reden. Du fantasierst Dir ein Bild zusammen über eine Berufsgattung, die Du nicht kennst. «Viele Journalisten bewegen sich nur noch in Kreisen, die sich für elitär halten»: Wer macht das? Ich nicht! Zu meinen Freunden gehören auch Realschulabsolventen. Weil Du nie Beweise bringst für Deine Thesen, machst Du es Deinen Lesern sehr einfach, zu sagen: Das stimmt alles nicht, was Ronnie Grob behauptet.

  4. Ich begreife nicht warum sich soviele “Journalisten” zu Wort melden, die den Text nicht richtig gelesen haben und offene Türen einrennen. Wenn ihr mit dieser Gründlichkeit arbeitet, wundere ich mich nicht, warum die Qualität der Berichterstattung so enorm nachgelassen hat in den letzten Jahren. Ich kann Ronnie nur zustimmen und ihr seid genau die Leute von denen er redet. Deshalb fühlt ihr euch auch so auf den Schlips getreten, wa. In-Frage-stellen des eigenen Standpunktes und die darauf folgende Selbsterkenntnis ist absolut begrüßenswert – und wie lange warte ich schon auf soviel Tiefgang und Ehrlichkeit. Meeeehhhhhhrrrr!!!

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