Wer sich an der Debatte um den Missbrauch in der Sozialhilfe beteiligt, sieht sich schnell einmal in der schmeichelhaften Rolle eines Tabubrechers oder eine Tabubrecherin. Damit wird der Eindruck erzeugt, dass der Sozialhilfemissbrauch nicht nur ein massives Problem ist, sondern dass man, wenn man über Sozialhilfe spricht, vor allem über den Missbrauch der Sozialhilfe sprechen sollte. Diese Auswirkung der Debatte ist nicht etwa ein Nebenaspekt, sondern vielmehr das intendierte Resultat für diejenigen, welche mit viel Geld eine solche Debatte am Köcheln halten: Die Sozialwerke sollen, wenn möglich, gänzlich aus der Welt geschafft werden - nicht nur, weil dadurch die Steuern für die Reichen und für die Unternehmen sinken, sondern auch, weil so ein Druck auf die Schwächsten in der Gesellschaft entsteht, jede Arbeit zu jedem Preis zu verrichten.
Was aber sind die Fakten?
Zunächst einmal gibt es den Sozialhilfemissbrauch nicht - zumindest nicht in dem Sinne, wie man gemeinhin von ihm spricht. Selbstverständlich gibt es Missbrauchsfälle, aber genau so viele wie in jedem vergleichbaren Kontext (z.B. bei privaten Versicherungen). D.h. es ist weder erstaunlich, dass dieser Missbrauch existiert (es gibt also auch kein Tabu), noch ist es wirtschaftlich oder vernünftig, den Missbrauch zu bekämpfen.
In einem NZZ-Artikel wird heute auf eine Studie der Berner Fachhochschule verwiesen, welche weitere Fakten festhält:
- »Bei jenen Personen, die sich zum Schritt auf das Sozialamt entscheiden, [steht] die Beratung im Vordergrund. Die Erwartung, Geld zu erhalten, ist sekundär«
- »ein Viertel der Personen, die rein rechnerisch Anspruch auf Sozialhilfe hätten, [verzichten] freiwillig darauf«
- »Mehr als drei Viertel der Befragten haben Mühe, sich bei der Sozialhilfe zu melden, weil sie ihre finanzielle Unabhängigkeit nicht verlieren wollen. Über die Hälfte der Befragten fühlt sich stark stigmatisiert und schämt sich, als Sozialhilfebeziehender identifiziert zu werden.«
Diese Stigmatisierung führt dazu, dass die auf Sozialhilfe angewiesenen Menschen versuchen, ihre Probleme selber zu lösen und sich so stärker verschulden und ihre Gesundheit gefährden. Gesamtgesellschaftlich gesehen wäre es mit weniger Kosten verbunden, wenn die Schwelle zum Sozialamt tiefer wäre - das eigentliche Paradox der Missbrauchsdebatte. Das Fazit der NZZ lautet denn auch:
Das Ergebnis widerspricht dem Bild der Sozialhilfe als Selbstbedienungsladen. Die Realität sieht komplexer aus. Klar ist: Die Missbrauchsdebatte hat ihre Spuren hinterlassen.