Die Arten von Gewalt

Januar 23rd, 2011 § 8 Kommentare

Hans Fehr hat am Freitag eine »nackte« Gewalt erlebt. Diese Form von Gewalt wird oft auch als »chaotisch« beschrieben - offenbar, weil man nicht versteht, mit welchem Zweck diese Gewalt eingesetzt wird.
Es geht mir nicht darum, diese Gewalt zu rechtfertigen, auch wenn man mir das unterstellen wird. Ich möchte nur auf Spielarten der Gewalt hinweisen, die nicht »nackt« sind, sondern »verkleidet«, um im Bildbereich zu bleiben.
Es handelt sich um strukturelle Gewalt. Diese Gewalt ist oft an politische Prozesse gebunden, bewegt sich im Rahmen der Gesetze und benutzt meist Kapital. Sie tritt niemanden direkt in den Bauch - aber sie entzieht Menschen Rechte, versklavt sie, indem sie unter unwürdigen Bedingungen arbeiten müssen, um ihre Bedürfnisse zu befriedigen und verschafft ihnen Lebensbedingungen, die sie täglich mit konkreter Gewalt konfrontieren.
Diese Gewalt verfolgt einen Zweck - sie befördert die Interessen derjenigen, die diese Strukturen mit brutaler Macht aufrecht erhalten. Und sie tut gleichzeitig so, als seien alle Menschen frei - und meint damit die Freiheit der Mächtigen.
Diese strukturelle Gewalt provoziert die »nackte« Gewalt, die Fehr erlebt hat. Und davon wird es in Zukunft mehr geben.
Update 20 Uhr: Ich will den letzten Satz etwas präzisieren. Er soll nicht besagen, »nackte« Gewalt sei eine Form von Widerstand gegen strukturelle Gewalt oder gehe von Opfern der strukturellen Gewalt aus. Ich will auch gar nicht mutmassen, wer Hans Fehr aus welchen Gründen verprügelt hat.
Vielmehr erfolgt strukturelle Gewalt in einer Form, welche keine Möglichkeiten zum Widerstand bietet. Sie wird von niemandem verantwortet - also kann man auch gegen niemanden protestieren, niemanden stürzen etc., es bleibt nichts als eben »chaotische« Aktionen. Weil es keine Alternativen dazu gibt. Deshalb sage ich, dass strukturelle Gewalt »nackte« provoziere.

Tagged:, , , ,

Sei der Erste, dem dieser post gefällt.

§ 8 Responses to Die Arten von Gewalt

  • britta sagt:

    Ich bin einverstanden, Philippe, bis auf den letzten Satz. Es braucht sehr viel, bis eine Reaktion auf strukturelle Gewalt in Form von ‘nackter’ Gewalt ausbricht. Diese Reaktion kann durchaus auch gezielte, organisierte Gewalt sein, wenn kein anderes Mittel mehr möglich scheint (Tunesien?). Nackte Gewalt kann aber auch aus reiner Lust am schlagen und am sich stark fühlen ausgeübt werden. Das war doch bei Hans Fehr eher so. Dass das politisch ganz fatal ist, überlegen sich die Schläger nicht. Ich würde sie nicht in erster Linie als Opfer struktureller Gewalt betrachten.

  • Die Gewalt wurde also zu einem bestimmten Zweck eingesetzt? Und der wäre? Sicher ist, dass die betroffenen politischen Kräfte dieser „nackten Gewalt“ den Vorfall so instrumentalisieren werden, als ihre strukturelle Gewalt in Zukunft noch rigider ausgeübt wird. Und woher weiss man, ob die Schläger von struktureller Gewalt betroffen waren?

  • Titus sagt:

    Und wo ordnest Du die verbale und psychische Gewalt ein, welche oftmals eben zur „nackten“ Gewalt umschlagen können? Sie habe nicht immer mit politischen Prozessen zu tun, bewegen sich auch nicht immer im Rahmen von Gesetzen und tangieren auch nicht irgendwelches Kapital.

  • Übt nicht jedes politische System welcher Couleur auch immer per definitionem strukturelle Gewalt aus? Und besteht in einer Demokratie nicht immer die Möglichkeit zu partizipieren, wenn auch vielleicht auf unbefriedigendem Niveau?

    • Ursina sagt:

      Zu deiner ersten Frage:
      Kommt darauf an, wie Gewalt definiert ist wird. Beinhaltet die Definition, dass Gegenständen, Individuen oder Gruppen durch Gewalt Schaden zugefügt wird, trifft es meiner Meinung nach nicht zwingend zu. Und es kommt darauf an, wer von der strukturellen Gewalt betroffen ist. Oder hast Du Beispiele, die das widerlegen?
      Und falls es doch so ist, spielt dann nicht viel mehr das Mass und der Stil der Ausübung der jeweiligen strukturellen Gewalt eine grösse Rolle?

      Frage 2:
      Was verstehst Du unter „partizipieren“? Auf die Strasse zu gehen kann auch partizipieren sein oder?

      - Kommentar ist von Ursina, ich bringe das Gravatar-Bild nicht weg, sorry! -

  • Ursina sagt:

    Zu deiner ersten Frage:
    Kommt darauf an, wie Gewalt definiert ist wird. Beinhaltet die Definition, dass Gegenständen, Individuen oder Gruppen durch Gewalt Schaden zugefügt wird, trifft es meiner Meinung nach nicht zwingend zu. Und es kommt darauf an, wer von der strukturellen Gewalt betroffen ist. Oder hast Du Beispiele, die das widerlegen?
    Und falls es doch so ist, spielt dann nicht viel mehr das Mass und der Stil der Ausübung der jeweiligen strukturellen Gewalt eine grösse Rolle?

    Frage 2:
    Was verstehst Du unter „partizipieren“? Auf die Strasse zu gehen kann auch partizipieren sein oder?

  • Die Frage ist: Wurde tatsächlich Gewalt gegen Fehr eingesetzt…? Zweifel sind erlaubt, wie hier nachzulesen ist:
    http://zuerifluestern.wordpress.com

Einen Kommentar hinterlassen

Deine Email-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Du kannst folgende HTML Befehle und Attribute verwenden: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <pre> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>

Was ist das?

You are currently reading Die Arten von Gewalt at Ws Blog.

meta