Die Obszönität des Helfens – Warum »Jeder Rappen zählt« zum Kotzen ist

Die staatlichen Medien der Schweiz organisieren dieses Jahr zum zweiten Mal einen Spendenaufruf unter dem Titel »Jeder Rappen zählt«. Ziel ist – um es auf den Punkt zu bringen – die ertragreichste Zeit der etablierten Hilfswerke zu nutzen, um ihnen mit einem Medienspektakel, das von den Gebührenzahlenden finanziert wird, die Mittel zu entziehen. Das an sich ist zum Kotzen.

Das ist der Song zu dieser Aktion. Auch der – zum Kotzen.

Und das größte Problem ist die kapitalistische Inszenierung des Helfens. Ein Bewusstsein für die Ungerechtigkeit, die darin besteht, dass wir ein Leben auf Kosten anderer Menschen führen, dass wir also nicht helfen können, um noch bessere Menschen zu sein, sondern helfen müssen, wenn wir überhaupt einen Rest Anstand in uns verspüren – sowas liegt jenseits des Horizonts dieser Aktion.

Dazu kann man gut noch einmal Lukas Bärfuss lesen:

Die Motive der Ausbeutung sind nicht kompliziert. Gier ist nicht kompliziert, Verschwendung ist nicht kompliziert, Gleichgültigkeit ist nicht kompliziert. Mord und Vertreibung sind nicht kompliziert. Im Gegenteil: Sie bezeichnen die grösstmögliche Vereinfachung der menschlichen Existenz – die Reduktion auf Gewinn und Verlust. Genauso wenig komplex ist unsere eigene Verstrickung, zum Beispiel in jenes Morden im Kongo, dem grössten Massaker seit dem Zweiten Weltkrieg. Unsere Interessen liegen offen zutage.

Kompliziert ist alleine die Verwirrung, in die uns diese Mitverantwortung führt. Kompliziert ist, dass wir einsehen, wie ungerecht der Wohlstand verteilt ist und dass wir gleichzeitig kaum bereit sind, etwas daran zu ändern. Kompliziert ist, dass wir unsere eigene Verantwortung abschieben auf ein System. Kompliziert ist, dass wir glauben, Freiheit besitzen zu können.

Oder aber Slavoj Žižek:

Es ist eine Sache zu sagen: «Lasst uns hungernden Kindern helfen.» Etwas ganz anderes aber ist es zu sagen: «Ist es nicht wunderbar, wie gut man sich fühlt, wenn man hungernden Kindern hilft?» Und das hasse ich. Diese Selbstgerechtigkeit. Starbucks verkündet: «Wenn Sie bei uns einen Cappuccino kaufen, ist er teurer, weil Sie nicht nur den Cappuccino kaufen, sondern auch die Ethik, denn ein Teil des Gewinns geht an…»
[…] Schön, dass wir nicht mehr gegen Konsum sein müssen. Konsum selbst wird zum Kampf, für Ökologie, Antirassismus, was auch immer. Diese Verlogenheit hasse ich.

Diese Verlogenheit finde ich bei Unternehmen auch zum Kotzen – kann mir aber vorstellen, dass findige MitarbeiterInnen irgendwie Ideen generieren müssen, mit denen man Kunden noch mehr Geld abknöpfen kann, und wenn man ihnen vorgaukelt, etwas für bedürftige Kinder tun zu wollen. Bei Personen, die solche Aktionen nutzen, um ein paar Follower/Freunde zu generieren, aber noch viel mehr. Ich hätte nicht übel Lust gehabt, auf dieses Angebot mit einem Gegenangebot zu reagieren – denke aber, die Aktion disqualifiziert sich selbst.

Begriffe wie Kotzen verwende ich in diesem Blog sonst selten – ich entschuldige mich dafür. Um es noch einmal festzuhalten: Es geht mir nicht primär um das Motiv, weshalb man hilft. Oder wem man hilft. Sondern um den Eindruck, als sei helfen Teil eines Marketingspiels, Teil unserer Freiheit, Teil unseres Images – und nicht unsere Pflicht. Weil wir nichts von dem, was wir jeden Tag genießen, verdient haben.

 

18 thoughts on “Die Obszönität des Helfens – Warum »Jeder Rappen zählt« zum Kotzen ist

  1. Leumunds Aktion ist im Prinzip nur eine Neuauflage eines alten Marketing-Gags: Für jede verkaufte Packung Wuffi Hundefutter geht ein Rappen an das Hundewaisenhaus von Pnomh Penh. Nur steht Leumunds Aktion im Dienst eines eiskalten Ego-Marketings: Ich spende nur, wenn du vorher meinen Ruhm vergrösserst. Und wenn ich dann gespendet habe, wird mein Ruhm automatisch nochmals grösser. Das ist wirklich ziemlich obszön.

  2. Manchmal ist es eben zum Kotzen, und das muss auch gesagt werden. Diese eitle, selbstverliebte, kitschig-peinliche Inszenierung, die überdies in meinen Augen Kinder missbraucht, Schweizer Schulkinder, lenkt ab von ein paar unfassbaren Tatsachen:

    Daniel Stern zeigt in der WOZ wie ‘Entwicklungszusammenarbeit’ in der Schweiz verstanden wird. Beiträge an die ETH für Sicherheitsstudien, Kosten für Unterbringung von Asylbewerbern, kommt alles aus dem Topf für Entwicklungshilfe: 0.39% des BIP. wie Daniel Stern in der WOZ zeigt: (leider nicht ganz aktuelle Zahlen)
    http://www.woz.ch/artikel/2007/nr27/wirtschaft/15178.html.

    Stern zitiert aus einem Bericht von Richard Gerster, Die Schweiz in der Welt – die Welt in der Schweiz:

    «Die Schweiz leistete 2004 584 Millionen Franken an Entwicklungshilfe in Afrika. Gleichzeitig flossen 660 Millionen Franken an privatem Kapital in die Schweiz zurück.»

    Das ist die institutionelle und politische Ebene, einmal ganz abgesehen vom individuellen Leben im Überfluss, das wir führen auf Kosten anderer. Ein passendes Adventsthema!

  3. Und das ganze wird von Nik Hartmann (der künftige Sven Epiney) in einer so penetranten Fröhlichkeit präsentiert, dass man automatisch denke: Dem macht es Spass, wieder mal als Gutmensch im Mittelpunkt zu stehen. Hat denn der noch nicht genug?

  4. Irgendwie verstehe ich die Kritik nicht, vor allem der Part von Žižek:

    “Konsum selbst wird zum Kampf, für Ökologie, Antirassismus, was auch immer. Diese Verlogenheit hasse ich.”

    Was ist hier genau verlogen? Wenn jetzt beispielsweise eine Unternehmensleitung der WC-Papierfabrik “Flauschi” beschliesst, dass ein Teil des Gewinns z.B. an die Wiederaufforstung des Regenwaldes geht. Und ich mich als Konsument nun bewusst für “Flauschi” entscheide, weil ich weiss: 10% des Verkaufspreises geht an den Regenwald.

    Was ist hier verlogen? Was ist hier moralisch nicht vertretbar an diesem ganzen Tun?

  5. Also ich verstehe schon Žižek; dass man Regenwald-unterstützendes WC-Papier kaufen möge (oder auch nicht), aber man darf sich dabei einfach nicht “gut” fühlen.
    Und das ist meine Frage: WARUM darf man sich nicht “gut” fühlen? Ich meine: Mit diesem Kauf habe ich nun geholfen, dass der Regenwald wächst und das ist doch “gut”?

    • Nein, ist es nicht. Die Firma »Flauschi« spendet nicht für die Aufforstung des Regenwaldes, sondern um mehr Kunden zu gewinnen und mehr Geld zu verdienen. Ein Akteur im kapitalistischen System tut nie etwas, was nicht mit einem potentiellen Gewinn verbunden wäre – so zu tun, als wäre das in diesem Falle nicht so, ist verlogen. Der Konsument entscheidet sich auch nicht deshalb für »Flauschi«, weil damit dem Regenwald geholfen wird, sondern weil er sich mit »Flauschi« nicht nur ein sauteures und statusgerechtes WC-Papier kauft, sondern auch noch ein gutes Gewissen und das Gefühl, »gut« zu sein. Dieses Gefühl meinen kaufen zu können – das ist auch verlogen. Man muss – so würde Zizek sagen – dafür ein Opfer bringen. Nicht etwas kaufen.

  6. OK, danke für die Erklärung. Kurzum: Das “gute” Gefühl kann man nicht kaufen. Und trotzdem würde ich mich wahrscheinlich als “Flauschi”-Käufer als Regenwaldaufforster fühlen – auch wenn nach Zizek verlogen. ;)

  7. Hallo??? Leute, wichtig ist doch, dass etwas getan wird. Während unsere Politiker fleissig Entwicklungshilfegelder sparen, tun viele Leute wenigstens was. Allen einfach nur “Marketing” oder “sich gut fühlen zu wollen” zu unterstellen, ist so was von billig. Natürlich geht es auch um PR. Aber wenn sie ihren (guten) Zweck erfüllt: Warum nicht. Federer und Nadal haben über 2 Millionen zusammengebracht. Geld, mit dem man Sinnvolles tun kann.

    Kotzt ihr dann ruhig mal weiter. Ich freue mich darüber, dass irgendwo in einer Schule in Afrika ein Kind eine Ausbildung erhält, irgendwo in Asien ein Kind keine Kinderarbeit mehr machen muss. Irgendwo auf der Welt ein paar Kinder weniger sterben, weil sie medizinisch versorgt werden.

    Manche spenden für sich im Stillen. Andere tun es etwas lauter. Und noch andere unterstellen ihren Mitmenschen, sich “gut fühlen zu wollen auf Kosten anderer und kotzen lieber … ist auch eine Möglichkeit. Nur wird die Welt davon auch nicht besser.

  8. Pingback: Kotzen, motzen, helfen – eine Reprise « Ws Blog

  9. Also ich verstehe schon Žižek; dass man Regenwald-unterstützendes WC-Papier kaufen möge (oder auch nicht), aber man darf sich dabei einfach nicht “gut” fühlen. Und das ist meine Frage: WARUM darf man sich nicht “gut” fühlen? Ich meine: Mit diesem Kauf habe ich nun geholfen, dass der Regenwald wächst und das ist doch “gut”?

  10. Genau so isch es.
    Es ist zynisch, wenn die Schweiz aus Gier und Egoismus die Verarmung Afrikas betreibt. Dortige ölfirmen verseuchen den Boden, nehmen der Bevölkerung die Lebensgrundlage, zahlen aber in der Schweiz Steuern, weil die Schweiz sie bewusst mit niedrigen Steuern anlockt.
    Und dann spielt man, weil ja Weihnachten ist, den barmherzigen Helfer. Zynismus pur !
    Dabei handelt es sich nur darum, das eigene schlechte Gewissen in inszenierter Hilfsbereitschaft zu ertränken.

  11. Pingback: Jeder Rappen zählt

  12. Gott sei Dank, die diesjährige Tränendrüsenaktion ist vorüber. DRS3 hat Von mir aus ein paar Spenden mehr gesammelt, aber garantiert EINE Hörerin weniger. Ich habe von diesem heuchlerischen Gutmenschen-Schmus die Nase voll und würde es definitiv begrüssen, wenn stattdessen im Stillen ein paar Franken mehr von unseren Steuergeldern abgezapft und nach Afrika transferiert würden.

  13. Pingback: Gehören «Madame Etoile und «Jeder Rappen zählt zum Service Public? « «kritikasterblog

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