Mamablog revisited – Kritik, aber auch mal was Konstruktives

Im Juni hat Michèle Binswanger ein paar Einträge auf diesem Blog gelesen und dann Kommentare wie die folgenden gepostet (oder jemand hat sich als Michèle Binswanger ausgegeben, sollte man wohl hinzufügen):

@Wampfler: Wenn Sie Kritik über wollen, müssen Sie sich die Mühe nehmen, auszuformulieren, weil sonst kein Schwein begreift, was Sie meinen.

Es ist so einfach, die andern in der Luft zu zerreissen (vive la Differance)- stellen sie nur selber mal in einem pointierten Text eine These vor (zum Beispiel in der Carte Blanche des mamablog) und sie werden sehen.
Selber denken und sich hinstellen und das zu vertreten ist schwieriger.

Über ihr eigenes Schreiben enthielten diese Kommentare vor allem einen aufschlussreichen Satz:

[…] Aber ich arbeite in der Unterhaltungsbranche.

So muss man wohl auch den neuesten Text von Frau Binswanger verstehen, wo sie mal wieder (mit einem autobiographischen Argument) die gute alte Rollenteilung beschwört:

In fast allen Familien tragen fast ausschliesslich die Mütter die emotionale Verantwortung. Genau so, wie die Väter meist ungefragt fürs Finanzielle einzustehen haben.

Natürlich sagt Michèle Binswanger nicht, es soll so sein. Aber zumindest suggeriert ihr Text, dass das der Normalfall sei. Kritisieren kann man es nicht, denn, Achtung:

Wahrscheinlich ist das alles wissenschaftlich erklärbar.

Dabei bezieht sie sich auf eine Hormonstudie, in der Hormonlevel auf ihren Zusammenhang mit gewissen Verhaltensweisen gegenüber Säuglingen untersucht worden sind.

Meine Kritik daran, so klar wie möglich formuliert: Das ist naiver Biologismus. Menschen sind weder von ihren Genen noch ihren Hormonen in ihrem Verhalten bestimmt. Und auch nicht von ihrer Umgebung. Sondern in ihrer Interaktion mit ihrer Umgebung entwickelt sie gewisse Anlagen und Verhaltensweisen, welche durchaus biologisch beeinflusst sind. Soziale Rollen wie »Mutter« und »Vater« sind nicht biologisch gegeben, sondern können verändert und angepasst werden – und sollen auch angepasst werden, vor allem, wenn offenbar die Inhaberinnen der Rolle »Mutter« unter ihrer »emotionalen Verantwortung« leiden. Mein Fazit: Michèle Binswanger soll in ihrem Mamablog Frauen ermutigen, sich gegen etablierte oder gebacklashte Muster zu wehren, anstatt sie pseudo-wissenschaftlich zu zementieren.

* * *

Aber offenbar findet Feminismus nur noch zwischen Frauen statt, die sich gegenseitig Dreinreden – oder ist dann eine Folie für Männer, welche alles Ungemach in ihrem Leben einer Bewegung zuschreiben möchten (und sogar vom Kommentieren des Mamablogs ausgeschlossen werden).

* * *

Wie von Michèle Binswanger angeregt habe ich einen Carte-Blanche-Beitrag geschrieben, aber nicht einmal eine Eingangsbestätigung erhalten. Deshalb publiziere ich ihn hier:

Von »Meitli« und »Buebe« – oder Gender Mainstreaming auf dem Spielplatz

Ringe ringe reie,
d Meiteli gönd i d Meie
D Buebe gönd i d Haselnuss
und mached ali
usch husch husch

Ringe ringe reie,
d Chinder gönd i d Meie
Si tanze ume Holderstock
und mached ali Bodehock.

»Es gibt keine geschlechtsneutrale Wirklichkeit.« Damit beginnt die Definition von gender mainstreaming auf der Seite der Stadt Wien, die gender mainstreaming zu einer Priorität gemacht hat. Was heißt das? Soziale und strukturelle Unterschiede zwischen den Geschlechtern sollen sichtbar gemacht und beseitigt werden. Klingt radikal und utopisch – setzt aber bei Details an: So werden beispielsweise auf Exit-Schildern Frauen mit langen Haaren abgebildet anstatt Männern oder spezielle Elternplätze im öffentlichen Verkehr durch ein Schild markiert, auf dem ein Mann mit einem Kind zu sehen ist.

Was in Wien eine politische Entscheidung ist, die auf allen Ebenen der Politik umgesetzt wird (z.B. auch in der Stadtplanung und –entwicklung), könnte in der Schweiz auf dem Spielplatz beginnen. wie im eingangs zitierten Lied finden Begegnungen unter Kindern immer in einem in Bezug auf Geschlecht markierten Kontext statt: Auf der Schaukel sitzt entweder »es Meitli« oder »en Bueb«, aber nie »es Chind«: »Muesch warte, bis s Meitli fertig isch mit Schaukle.«

Das mag zunächst völlig vernünftig klingen – bis man sich überlegt, was man damit überhaupt ausdrückt: Die Erwachsenen verweisen darauf, dass andere Erwachsene das betreffende Kind so gekleidet und frisiert haben, dass das natürliche Geschlecht nach aussen hin sichtbar wird. Nicht selten werden Eltern bis ihre Kinder zwei sind gefragt, ob ihr Kind denn ein Mädchen oder ein Knabe sei – eine Frage, die an Judith Butler erinnert, die darauf hingewiesen hat, der freudige Ausruf »It’s a girl/boy!« bei der Geburt bzw. beim Ultraschall sei nicht eine Beschreibung einer Realität, sondern die Aufforderung, eine Realität herzustellen: Dieses Baby muss das werden, was wir uns unter einem Mädchen oder unter einem Knaben vorstellen.

Und genau das passiert auf dem Spielplatz. Kleine Kinder hätten die Chance, einander in einem geschlechtsneutralen Kontext zu begegnen. Mädchen und Knaben unterscheiden sich nämlich als Kleinkinder in keiner Hinsicht – wenn man davon absieht, dass sich Mädchen geistig und physisch schneller entwickeln.

Die Forderung bzw. die Verbesserung wäre die: So oft wie möglich Kleinkinder geschlechtsneutral behandeln. In ihnen nicht kleine Frauen oder kleine Männer mit Anlagen zu den prototypischen Eigenschaften von Frauen und Männern sehen – sondern Kinder. Sie deshalb auch als Kinder bezeichnen und nicht als Mädchen oder Knaben. Und sie auch wie Kinder kleiden – und nicht als Mädchen oder Knaben verkleiden. Und sie Unterschiede selber entdecken lassen, wenn es sie denn gibt.

* * *

P.S.: Frauenfeindlichkeit gibt es im Internet nicht.

14 Gedanken zu “Mamablog revisited – Kritik, aber auch mal was Konstruktives

  1. Super, dass Du wieder mal was über Binswanger bringst. Sie schreibt nicht nur hinreissende Tweets – sie hat sogar Derrida gelesen (das beweist ihre Sentenz «Vive la Differance»… oder hat sie das Wort nur falsch buchstabiert? der fehlende Accent spricht leider für die zweite Hypothese).

    Nur der Max eignet sich schlecht als Kronzeuge. Was der alles rauslässt, so von wegen «Ökofaschismus» und so, das geht auf keine Kuhhaut. Es war richtig, ihn aus dem Kommentarfeld des Mamablog auszusperren. Lieber als so ein Steinzeitmacho ist mir dann doch noch eine Unterhaltungsjournalistin, die glaubt, es sei unterhaltsam, Hormonstudien zu zitieren.

    • Das Derrida-Zitat ist mir damals auch aufgefallen… Obwohl ich Derrida mag, finde ich, dass es solche Hintergründe gar nicht braucht bei den Themen, um die es im Mamablog geht.

      Den guten Max wollte ich eigentlich als Beispiel für eine Männerbewegung zitieren, welche aus lauter Verwirrung Aspekte mit dem Feminismus in Verbindung bringen, welche damit nichts zu tun haben. Aber evtl. wird das nicht ganz klar – ich kann nicht nachvollziehen, wie trollig die sich auf dem Mamablog verhalten haben, denke aber auch: Der Ausschluss war nachvollziehbar… 

  2. @Philippe Wampfler

    Ja, Sie erklären ziemlich genau, wie gender mainstreaming gemeint ist: Kinder sollen neutral und nicht als Mädchen oder Buben angeschaut, angezogen, angesprochen werden. Glauben Sie im Ernst, damit würde irgendetwas, irgendwie besser.

    Das Verhältnis zwischen biologischer Realität, Hormonhaushalt, Verhaltensbiologie, Sinnesorganisation, Körperausdruck, Mimik und Gestik, Kontaktverhalten und letztlich der in der Gemeinschaft eingenommenen Rollen, das läuft über eine Reihe von Ebenen logischer Typisierungen. Sie haben nicht einmal einen flüchtigen Versuch gemacht, Ihr Verständnis dieser Wechselwirkungen zu beschreiben.

    Da fällt es peinlich einfach, andere kleinzumachen, die zumindest einen Erfahrungsschatz vorweisen und berichten.

    Fürs nächste mal, wenn sie mit carte blanche bei mamablog abblitzen: Nutzen Sie doch das Kontaktformular von maxwort.wordpress.com und verschaffen Sie sich auf dem zweitbesten Blog Gehör!

    • Danke für das nette Angebot. Eigentlich habe ich kein Bedürfnis, auf einem anderen als auf meinem Blog publiziert zu werden, wollte einfach der direkten Aufforderung Michèle Binswangers Folge leisten, wie im Post angemerkt.
      Mein Verständnis der von Ihnen dargelegten Wechselwirkungen kann ich ganz knapp darlegen: In all diesen Bereichen (Hormone, Verhalten, Sinne, Körper, Mimik, Gestik, aber auch Sprache, soziale Ordnung, Geschlechterrollen etc.) gibt es keine festen Klassen und Zuordnungen. Von »Männern« und »Frauen« oder von »Knaben« und »Mädchen« zu sprechen meint etwas auf all diesen Ebenen, aber eben etwas Unpräzises und Diffuses, das oft erst dann zu existieren beginnt, wenn es so genannt wird. Das wollte ich ausdrücken – und die Tatsache kritisieren, dass minimale Unterschiede im Umgang mit Kindern künstlich und sozial aufgeblasen werden (z.B. durch Kleidung und Sprachgebrauch).

      • @Philippe Wampfler

        Nehmen wir das überall aufdringliche Rosa bei Mädchen ab 7 Jahren. Die Mädchen wollen diese Farbe und stürmen den entsetzten Müttern die Ohren voll damit.

        Man könnte nun freimütig behaupten, dass sie halt auf die Farbe stehen. Nur kann ich mir schlecht vorstellen, dass eine so grosse Zahl von so unterschiedlichen Kindern denselben Farbgeschmack haben.

        Unter dem informationstheoretischen Standpunkt können wir nun eine Hypothese aufstellen und auch durch detaillierte Verhaltensbeobachtungen experimentell erforschen: Angenommen Mädchen müssen sich von Buben abgrenzen und reklamieren gesellschaftlich eine Mädchenrolle für sich. Hypothese: rosa ist ein Signal für die Bezeichnung als weibliches Individuum von 6 bis 10 Jahren. (Nullhypothese wäre es gibt keine durch die Signalfarbe rosa abgegrenzte Rolle).

      • Ich verstehe nicht, was eine solche Untersuchung genau belegen könnte. Was für Daten wollen Sie auswerten? Und wie? Zudem ging es mir in meinem Beispiel um kleinere Kinder, die bei der Kleiderwahl nicht mitsprechen.

      • @Philippe Wampfler

        Es geht um die Ebenen logischer Typisierungen bei der Wechselwirkung von genetischer Ausstattung, physiologischen Prozessen, psychologischer Entwicklung, sozialer Prägung und Rollenverständnis.
        Die Fragestellung ist ein Beispiel dafür, wie an den Übegängen solcher logischer Typen Unterscheidungen gemacht werden können.

        Betreffs der kleineren Kinder. Ich kenne zwei Beispiele, wo kleine Kinder konsequent als Kleinkinder behandelt wurden: Im Bürgertum des vorletzten Jahrhunderts und bei den Serben der 90er Jahre. In beiden Fällen waren hinterher die Rollenausprägungen bis ins Extrem pervertiert. Die Feminazen beziehen sich auf diese schmale bürgerliche Schicht, wenn sie ihre Klischees von angeblichen Rollenbildern breitstampfen. Es waren Serben aus genau diesen Verhältnissen, die dann in Bosnien gemeuchtelt, gefoltert und in Massen vergewaltigt haben.

        Was Sie dermassen verherrlichen führt diesen Erfarhungen zufolge zu perversen Kompensationsstrategien. Kinder, die von klein auf lernen, mit Rollen umzugehen haben ein viel natürlicheres Verhältnis dazu.

      • Ich verstehe noch immer nicht, welche »logischen Typisierungen« und »Wechselwirkungen« wie untersucht werden sollen. Wie wollen Sie aufgrund von Farbpräferenzen von Mädchen feststellen, was die Gründe für diese Präferenzen sind?

        Können Sie mir für das Serbien-Beispiel Literaturangaben machen? Ich habe davon noch nie etwas gehört.

        Das Problem mit Rollen, noch einmal anders formuliert: Es gibt immer Rollenopfer – Menschen, die nicht in diese Rollen passen. Natürlich gehören Rollen zu den Menschen – aber sie sollten sie selbst wählen können.

  3. @Philippe Wampfler

    Nachtrag noch: Welche Aspekte haben nichts mit Feminismus zu tun?

    @Bobby California
    Wenn Sie schon mit meinen Äusserungen zum Ökofaschismus nicht einverstanden sind:
    Haben Sie überhaupt verstanden, was Faschismus ist?

    • Die Männerrechtsbewegung kämpft m.E. gegen einen Phantomfeminismus, den es nie gegeben hat. Es wird so getan, als würden Feministinnen ungerechtfertigterweise Rechte für Frauen einfordern, um damit Männern zu schaden, welchen sie diese Rechte vorenthalten wollen. Tatsächlich geht es Feministinnen hauptsächlich um eine Reflexion der sozialen Organisation von Geschlechterrollen und der damit verbundenen Problemen.
      Gerade in Bezug auf Vaterschaft und Sorgerecht sehe ich im Feminismus oft ein Sammelbezeichnung für das Gefühl, Unrecht erfahren zu haben – obwohl es vielmehr um gesellschaftlich und juristisch schwer zu erfassende Beziehungen geht.

      • @Philip Wampfler

        Dann muss ich sie leider enttäuschen: Mit der von Ihnen zitierten Männerrechtsbewegung habe ich nichts zu tun. Ich kenne weder deren Ansichten noch Absichten.

        Ihrer Foto nach zu schliessen bin ich einige Jahre älter als Sie. Die feministischen Organisationen habe ich in den 70er Jahren als kommunistische Frontorganisationen kennengelernt. Deren Zielsetzung war, einen Keil zwischen die Generationen (Mütter und Töchter) zu treiben, die Geschlechter einander zu entfremden und ganz allgemein die soziale Organisation der westlichen Welt zu zersetzen.

        Feminismus ist mit Verlaub eine muffige Bude aus den Zeiten des kalten Krieges.

        Das von Ihnen verwendete Wort “Reflexion” ist eigentlich nicht viel mehr als ein Euphemismus für die Verbreitung kommunistischer Propaganda.

        Heute hat der Feminismus eine andere Funktion: Er muss als aufgewärmter Kaffe die Fehlentscheidungen einer ganzen Generation von Frauen (ab ca. 45-jährig) rechtfertigen. Sie haben das halbe Leben verpasst, weil sie kein Privatleben geniessen konnten sondern sich in allem und jedem politisieren liessen.

        Feminismus von heute ist ein plumpe Rationalisierung für solch schmerzliche Verluste und verhindert im wesentlichen die Trauer über das verpasste.

      • Aber Sie argumentieren gleich wie diese Bewegung – z.B. in diesem Kommentar.
        nein, Reflexion meint genau das: Nur weil Feministinnen Veränderungen herbeiführen wollten und das auch getan haben, sehe ich (auch im Rückblick) daran nichts Verwerfliches. Eine Gesellschaft, in der willkürliche soziale Rollen weniger Bedeutung haben, ist für mich eine bessere.

      • Welche Veränderungen konkret haben die Feministinnen herbeigeführt? Ausser viel dröhnendem Geschwafel kann ich nichts erinnern.

      • Z.B.:
        1.) Frauen und Männer sind rechtlich gleichgestellt.
        2.) Frauen können Beruf und Familienarbeit miteinander vereinbaren.
        3.) Frauen sind für ihre Altersvorsorge nicht von einem Mann abhängig.
        4.) Frauen und Männer können ihre Sexualität unabhängig von sozialen Verpflichtungen ausleben.
        Das sind nur ein paar Beispiele.
        Es geht aber allgemein darum, dass die Geschlechterrollen weniger Bedeutung haben als vor 40 Jahren.

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