Kaum wurden erste Ergebnisse von Kurt Imhofs Untersuchung zur Qualität der Schweizer Medien bekannt, werden seine Befunde zurückgewiesen. Zwei Beispiele seien hier kurz kommentiert:

  1. Peter Rothenbühler.
    Der Mann, der angibt, den »People-Journalismus« in der Schweiz eingeführt zu haben (via @patsch), führt in der Sonntagszeitung im Wesentlichen vier Argumente an, weshalb die Ergebnisse der Studie getrost ignoriert werden können:

    • die Studie entspricht Kurt Imhofs Meinung und ist ergo nicht wissenschaftlicher, sondern persönlicher Natur
    • Gratiszeitung lassen Menschen lesen, die ohne sie nicht lesen würden
    • die Qualität der Medien wurde schon seit jeher bemängelt
    • die Qualität der Medien ist großartig.

    Abgesehen davon, dass die Studie von Imhof als kulturpessimistisch dargestellt wird und Kulturpessimismus stets eine antiquierte Position darstellt, weil man Kultur als Ganzes nur aus einer anderen (d.h. älteren) Haltung kritisieren kann – sind Rothenbühlers Argumente von einer fast brisanten Ignoranz geprägt.

    Imhofs Studie definiert Qualität und untersucht die Schweizer Medienlandschaft auf diese Qualität hin. Nun kann man entweder sagen, seine Qualitätskriterien (Universalität, Ausgewogenheit, Objektivität und Relevanz) seine nicht die richtigen, oder aber seine Untersuchung sei nicht korrekt verlaufen. Einfach das Gegenteil zu behaupten ist keine Option. Auch nicht für den Erfinder des People-Journalismus.

  2. Thom Nagy.
    Dem 20Minuten-Journalisten behagen Imhofs Ergebnisse genau so wenig wie Rothenbühler. Er versucht, 20Minuten gegen die Kritik von Imhof zu verteidigen. Auch seine Argumente seinen kurz zusammengefasst:

    • die »Gratiskultur« sei ein Problem des Internets, nicht der Gratiszeitungen
    • Gratiszeitungen würden sehr wohl nachhaltige und längerfristige Hintergrundinformationen liefern, wie dieses »Dossier« und »Google« zeigen sollen
    • Gratiszeitungen informierten sehr wohl Menschen – und zwar neu auch solche, die keiner »(Informations-)elite« angehörten
    • Online-Medien schreiben, was Menschen interessiert
    • auch herkömmliche Qualitätsprintmedien wie der Tages-Anzeiger, die BaZ oder die NZZ (die Nagy selber nicht liest) würden Schwächen aufweisen in Bezug auf Imhofs Qualitätskriterien
    • »Es geht um den Informationsgehalt des Gesamtsystems Internet«, nicht um eine einzelne Seite.

    Der hier spannende Punkt ist die Veränderung durch die Digitalisierung. Ich gebe Nagy recht – digitale Inhalte erlauben oft eine umfassende, nachhaltige und multiperspektivische Information.
    Aber das reicht nicht, um 20Minuten zu verteidigen, was seine Qualität anbelangt. Gerade wenn es darum geht, Menschen zu informieren, die keiner Elite angehören, kann man nicht auf das »Gesamtsystem« Internet vertrauen – und auch nicht auf die Interessen dieser Leute. »Interessen« können auch durch mediale Arbeit konstruiert oder zumindest gefördert werden. Und wenn sich Menschen für das neue iPhone oder die Brustbehaarung eines Mister Schweiz »interessieren«, dann darf man auch noch fragen, ob ein diesbezüglicher Artikel den qualitativen Ansprüchen eines solchen Interesses genügt oder nicht.
    Zudem: Das von Nagy verlinkte »Dossier« und der Hinweis auf Google zeigt noch viel deutlicher, weshalb Qualitätsjournalismus für eine demokratische Meinungsbildung unabdingbar ist: In diesem Dossier gibt es keine eigene Recherche von 20Minuten. Alles ist abgeschrieben. Der Leser oder die Leserin sind nicht in der Lage, sich über die Zuverlässigkeit der Quellen ein Bild zu machen. Das Dossier entsteht aus der Tagesaktualität – es enthält eben keine Hintergrundartikel und nichts Nachhaltiges.
    Wenn wir neben unseren Medien noch Google brauchen – dann können wir auch gleich ganz auf Google umstellen…