Ws Blog

Beiträge vom Dezember 2009

Zwei Fragen: die Schweiz und das Ausland

Dezember 30, 2009 · 6 Kommentare

In der heutigen Diskussion zum Beitrag der NZZ zum unten stehenden, ganzseitigen Zeitungsinsert schreibt Hans Rudolf Fischer:

Einmal davon abgesehen und bei Lichte betrachtet, welche Resultate hat die SVP und die Kamarilla von Brunner und Blocher vorzuweisen?
Ausser Schimpfen, Verunglimpfen und Poltern nichts, gar rein nichts.
Die SVP schadet dem Volk und polarisiert, das kann kein gutes Ende haben
Das VBS, das diese Partei seit mehreren Jahren und Jahrzehnte innehat und noch innehat wurde von ihr selber, durch grossmundige Ankündigungen, an die Wand gefahren.
Es scheint, als ob diese Partei von einer umfassenden Paranoia befallen ist und der Schweiz innenpolitisch, aussenpolitisch und wirtschaftspolitisch nur geschadet und das internationale Ansehen der Schweiz ruiniert hat.

Die Frage finde ich bemerkenswert: Was hat die SVP eigentlich geleistet? Was kann sie vorweisen? Was sind ihre Resultate?

Dann eine zweite Frage: Sie betrifft das beliebte Argument bezüglich der »Anpassung« von Ausländern, und besagt ungefähr, »dass wir uns im Ausland selbstverständlicherweise auch anpassen«.

Schon lange nimmt mich wunder, worin diese Anpassung genau besteht? Sind wir Schweizer im Ausland nicht genau gleich wie in der Schweiz? Sind wir nicht zurückhaltend, abwartend, freundlich-distanziert? Oder sind die Leute, die sagen, sie passten sich im Ausland an, dann plötzlich emotional, impulsiv, spontan etc.; verhalten sie sich plötzlich so, wie die Menschen, die an dem Ort leben, wo sie hingehen?

(P.S.: Auf diesem Blog wurde mir von Alexander Müller gesagt, meine Fragen seien »niederträchtig«, weil ich meine Meinung schon damit zum Ausdruck bringe. Ich gebe es zu: Ich drücke mit diesen beiden Fragen tatsächlich eine Meinung aus.)

Kategorien: Uncategorized
Mit Tag(s) versehen: , , , , , , , , ,

Helvetische Tugenden?

Dezember 28, 2009 · 6 Kommentare

Urs Schoettli, Fernostkorrespondent der NZZ, blickt in der heutigen NZZ zurück auf das Jahr 2009 und das Selbstverständnis der Schweiz, selbstverständlich mit großem Gewicht auf der Minarettinitiative. Der Artikel kommt ausgewogen daher, präsentiert aber in wirrer Manier Halbgedachtes. Schon nur die Beschreibung der Situation in der Schweiz lässt aufhorchen:

Unzählige Eidgenossen, die nie ans Auswandern gedacht haben und die ihrem Geburtsort ihr ganzes Leben hindurch treu geblieben sind, sehen sich plötzlich in die Fremde versetzt. Sie müssen ihre Kinder in Schulen schicken, in denen die Schweizer eine Minderheit sind. Sie begegnen auf der Strasse, im Tram, am Arbeitsplatz, beim Einkaufen oder beim Ausgehen immer mehr Ausländern. Dies sorgt für Beunruhigung, zuweilen führt es gar zu Angst. Dabei können die meisten Kontakte mit Ausländern reibungslos verlaufen.

Zunächst sticht einmal der Begriff »Eidgenossen« ins Auge, der von so genannten Patrioten zur Abgrenzung von potentiell eingebürgerten oder nicht patriotisch genug denkenden Menschen gebraucht wird. Diese Eidgenossen also sind ihrem Ort treu geblieben, der ihnen aber »plötzlich« fremd geworden ist. Warum plötzlich? Wo waren denn diese Eidgenossen in den letzten 30 Jahren, als immer mehr Menschen, welche die Arbeiten verrichten, welche diese »unzähligen Eidgenossen« nicht verrichten wollen, in die Schweiz gekommen sind?

Und dann kommen die Modalverben: Kinder »müssen« in die Schule geschickt werden (dort sind Schweizer eine Minderheit, welche Nation stellt denn dort die Mehrheit der Lernenden, Herr Schoettli? Oder sind vielleicht alles Minderheiten vorhanden?), während Begegnungen mit Ausländern »reibungslos verlaufen« »können« - womit Schoettli impliziert, dass dies lediglich eine Möglichkeit darstellt.

Nur nachvollziehbar, dass der unselige Artikel als nächstes auf den Terrorismus eingeht. Die Frage wäre: Wie kommt es, dass ich Ausländern begegne (in meinem »Geburtsort«), und dann an Terroristen denke und vielleicht Angst bekomme? Das ist doch nicht ein sachliches, sondern ein psychologisches Problem.

Herr Schoettli lässt sich dann über Integration aus, über politische Systeme in den Ländern der Zuwanderer, der Unterschied zum schweizerischen System (dazu nur: lasst doch alle Ausländer mittun, dann lernen sie sehr gut, wie unser System funktioniert) und kommt dann zu den helvetischen Tugenden:

Man denke an die Bedeutung der Pflicht, an den Respekt für das Alter und für Autorität, an den hohen Stellenwert der Familie, an die grosse Wertschätzung für Erziehung und Bildung sowie für Disziplin und Ordentlichkeit. Im Gefolge der sogenannten «68er Revolution» hat die Eidgenossenschaft viel, sehr viel verludert. Es genügt, Japan zu besuchen, um zu realisieren, was alles an öffentlicher Sauberkeit, Ordentlichkeit und Höflichkeit in unserem Land leichtfertig aus dem Fenster geworfen worden ist. Auch bei Kleidung und Umgangsformen sind die allgemeinen Standards deutlich heruntergekommen. Es ist leicht, solche Kritik als typisch «kleinbürgerlich» abzutun. Besonders verfänglich ist das Argument, dass es schliesslich um Inhalte und nicht um Formen gehe. Vergessen wird dabei leicht, dass häufig die Protagonisten solcher Argumente nicht nur die Formen des zivilisierten Zusammenlebens missachten und kleinreden, sondern auch gar keine Inhalte haben.

»Kleinbürgerlich« ist noch der netteste Begriff, den ich im Kopf hatte, als ich die Auflistung der Werte gelesen habe: Pflicht, Respekt, Familie, Erziehung und Bildung, Disziplin und Ordentlichkeit. Denken wir mal darüber nach: Respekt für das Alter schenke ich Herrn Schoettli gerne, das kann nie ganz falsch sein. Dann aber: Woher kommt eine Pflicht? Eine Autorität? Ein Bild von einer Familie? Die Vorstellung der richtigen Erziehung? Disziplin? Schnell merkt man: Dazu braucht es eine Ideologie. Und diese Ideologie ist, wenn erst einmal Pflichtbewusstsein, Disziplin und Ordentlichkeit herrschen, völlig egal. Was viele Menschen in der Schweiz gemerkt haben, ist, dass diese Werte gefährlich sind. Gefährlich für Menschen und Gesellschaften, welche sich blind an ihnen orientieren. »Es genügt, Japan zu besuchen«, mein Herr Schoettli. Das denke ich auch: Man sehe sich an, wie sehr japanische Jugendliche unter den kulturellen Zwängen und gesellschaftlichen Vorgaben leiden. Wie lebensunwert das Leben eines oder einer japanischen Berufstätigen ist. Wie xenophob die japanische Gesellschaft ist.

Auch wenn mir Herr Schoettli wegen meiner Geringschätzung seiner Tugenden sämtliche Inhalte abspricht, werde ich nun doch formulieren, welche Tugenden ich mir für die Schweiz wünschte: Respekt gegenüber Menschen, egal welche Entscheidungen sie für sich selbst gefällt haben, wie sie denken, woher sie kommen, welcher Religion sie angehören, welche Lebenshaltung sie haben; Ermunterung aller, sich Gedanken über das Leben und die eigenen Bedürfnisse zu machen und die Möglichkeiten schaffen, dass sich Menschen kreativ ausleben können, ohne ökonomischen Sachzwängen zu unterliegen, Bildung und Erziehung als Chancen, dass Menschen sich entwickeln und nicht in vorgefertigte Rollenbilder gezwängt werden, nur damit sie später regelmäßig den Müll rausbringen und die Schweizer Strassen sauber halten; Familien, in denen alle Formen des Zusammenlebens möglich sind, in denen es Menschen wohl ist; und nicht die, welche man aus irgendeinem Grund für richtig hält. Und vor allem die Einsicht, dass die Bewohner eines Landes nicht weil sie in diesem Land wohnen oder gar in diesem Land geboren worden sind, einen anderen Wert als andere Menschen haben und auch nicht mit Tugenden geboren worden sind.

Kategorien: Uncategorized
Mit Tag(s) versehen: , , , , , , , , ,

Spielen mit Wikipedia (danke, @turkanaboy)

Dezember 26, 2009 · 6 Kommentare

Das Originalität generell etwas überbewertet ist, klaue ich heute ein Spiel, das @turkanaboy wohl auch irgendwo geklaut hat; es aber hier getwittert hat.

Das Spiel wollen wir mal Wikipedia-Rennen nennen (eben, Originalität ist überbewertet). Hier die Regeln:

  • Man wähle einen Zieleintrag, für heute den Stefanitag aka Stephanstag.
  • Man klicke auf der Hauptseite von Wikipedia auf »zufälliger Artikel« , in meinem Fall: Jama Michalika.
  • Gewonnen hat, wer mit möglichst wenig Zwischenstationen vom zufälligen Artikel auf den Zieleintrag kommt: Und zwar nur mit klicken, d.h. ohne die Tastatur zu benutzen.

Ich hatte wohl etwas Glück und fand diesen Weg:

Jama Michalika - Krakau - Krakauer Weihnachtskrippe - Weihnachten - Stefanitag; würde mir also den Score 4 geben (musste vier Mal klicken). Kann das jemand schlagen?

Oder um es interessant zu machen (bitte Lösungsvorschläge in die Kommentare: Zielbegriff (auch aus aktuellen Gründen): Schwedeneinfall von 1674/75, zufälliger Ausgangspunkt: Makra. Enjoy (mein Zwischenstand: 8). (Zeit totschlagen, hat das @turkanaboy genannt. Wie treffend.)

Nachtrag: Da in den Kommentaren schon viele Lösungen eingetroffen sind, hier ein paar neue (alle so gemacht: Start hat Aktualitätsbezug, Ziel: Zufall):

  1. Liu Xiaobo -> Anglaise
  2. Glasmenagerie -> hl. Claudius
  3. Verena Becker -> Good Riddance
  4. Wiederholungswahl vom 26. Dezember -> Double Loop
  5. Wer findet ein Paar, das nur zweistellige Lösungen zulässt?
  6. Regelverschärfung: Kategorien und Listen sind tabu.

Kategorien: Uncategorized
Mit Tag(s) versehen: , , ,

Zu Weihnachten - Interview mit Marlies Bänziger

Dezember 24, 2009 · 2 Kommentare

Kompliment an Daniel Ryser und vor allem an seine Interviewpartnerin Marlies Bänziger: Ein sensationelles Interview zur »Schweizer Malaise« heute in der WoZ. Scharf gedacht, prägnant formuliert, weitsichtig, vernetzt und besorgniserregend in dieser Klarheit - solche Poltikerinnen wünsche ich mir mehr: Hier bitte lesen. Und danke, Frau Bänziger.

Kategorien: Uncategorized
Mit Tag(s) versehen: , , , , ,

Das Ende eines Mythos

Dezember 20, 2009 · 29 Kommentare

Die NZZ am Sonntag bezeichnet die Arena in einem differenzierten Artikel heute plakativ als »Parteistammtisch der SVP« und räumt dabei mit einem Mythos auf, der schon seit Jahren zwar von rechter Seite stets wiederholt wird, aber deswegen nicht wahrer wird:

Die SVP kritisiert ständig, dass Radio und Fernsehen der SRG links stünden und die SVP-Positionen nicht genügend beachteten. Die «Arena»-Statistik belegt das Gegenteil: Die SVP erhält mehr Gelegenheit, ihre Argumente am Schweizer Fernsehen vorzubringen, als jede andere Partei.

Das Hauptproblem ist dabei nicht nur die zahlenmäßige Dominanz der SVP, die ihr aufgrund des höchsten Wähleranteils auch zustünde (so argumentiert Ronnie Grob, dessen »Zahlenkontrolle«, mit der er die Wähleranteile 2007 mit den Arena-Auftritten 2009 vergleicht, allerdings gravierende Rechenfehler aufweist: Erstens erwähnt der Artikel auch die Auftritte von Christian Waber und Roger Köppel, welche zwar nicht zur SVP gehören, aber ideologisch ihrer Linie entsprechen, womit die SVP auf 35 Auftritte käme, zweitens müsste man Prozente mit Prozenten vergleichen und würde dann für 29 SVP Auftritte 32% erhalten [bei einem Wähleranteil von knapp 29%]); das Hauptproblem ist vielmehr die Themensetzung. Die NZZ schreibt dazu:

«Dem Klimaproblem hat die <Arena> 2009 keine Sendung gewidmet. Sie bringt lieber Themen, die auf der Agenda der SVP stehen», sagt Nationalrätin Maya Graf. Die SP findet es seltsam, dass die Arbeitslosigkeit in der Schweiz nicht thematisiert wird, während die «Arena» ständig über Ausländerprobleme diskutieren lasse.

Die journalistische Verantwortung (und der service public) des Schweizer Fernsehens würde gerade darin liegen, dass die Themen ausgewogen gewählt werden und relevant sind (die Themensetzung ist eines meiner Lieblingskommentare zum politischen Geschehen in der Schweiz, ich weiß). Spricht man nämlich über Minarette oder über Plakate oder Ausländer, dann muss die SVP prominent vertreten sein, weil sie eine pointierte Meinung dazu geäußert hat - spräche man über das Klimaproblem oder moderne Familienpolitik oder Armut in der Schweiz, kann man die SVP genauso ignorieren, wie sie diese wichtigen Themen ignoriert.

Mein Rat an die anderen Parteien: Nicht mehr hingehen, wenn über SVP-Themen diskutiert wird. Weil schon allein die Diskussion das Thema als bedeutsam ausweist, auch wenn es das nicht ist.

Nachtrag: Im Tagi wird Reto Brennwald heute interviewt und windet sich mit nichtssagenden Aussagen. Obwohl er bemängelt, die NZZ habe keine Quelle für die Aussage, er sei ein Anhänger Christoph Blochers, mag er sie nicht dementieren - was so viel heißt, wie dass die Aussage wahr ist.

Kategorien: Uncategorized
Mit Tag(s) versehen: , , , , , , , , , , , , , ,

Joe Lang gibt Nachhilfeunterricht

Dezember 17, 2009 · 20 Kommentare

Die Weltwoche gibt Joe Lang die Möglichkeit, »statt hintenrum« die Kritik am Demokratieverständnis der Weltwoche und ihrer Autoren »direkt« zu äußern. Lang nutzt diese Gelegenheit zu einem historisch argumentierten, aufschlussreichen Essay mit dem Titel »Das Volk darf nicht alles«.

Seine zentrale These: Demokratie braucht zwei Standbeine, Volkssouveränität mit Mehrheitsentscheiden dabei das eine, Grundrechte, Gewaltentrennung, Diskriminierungsverbot das andere. Lang schreibt abschließend:

Zwischen der Schwierigkeit, den Souverän für Nichtchristen, Frauen und Zugewanderte zu öffnen, und der Leichtigkeit, Menschen, insbesondere Andersgläubige, zu diskriminieren, gibt es einen engen Zusammenhang. Die Zugehörigkeit zum Souverän war historisch an Voraussetzungen gebunden, die sich mit einem modernen Verständnis von Gleichheit und Freiheit immer weniger vertragen. Es ist gut, dass das demokratische Bein unserer Demokratie, die Volkssouveränität mit ihrer Mehrheitsregel, sehr stark ist. Es ist schlecht, dass ihr liberales Bein, zu dem die Grundrechte, das Gleichheitsgebot, das Diskriminierungsverbot, die Gewaltenteilung, die religiöse Neutralität gehören, viel schwächer ist. Eine moderne Demokratie steht auf zwei gleich starken Beinen. Dabei hat das liberale Bein das Recht, sich notfalls dem demokratischen Bein entgegenzustellen. In einem demokratisch-liberalen Gemeinwesen darf auch der Volkssouverän nicht alles.

Nun könnte man denken, dass der sorgfältig argumentierte Artikel, mit welchem die Weltwoche ihre Einseitigkeit, ihre ideologische Anbiederung an die SVP und die »ich habe nichts gegen Ausländer, aber…«-Menschen dieser Schweiz mit einem Platz für Andersdenke zu kaschieren sucht, Leuten zu denken geben könnte. Die Kommentare auf der Seite lassen aber ein anderes Bild entstehen:

Ernst Frischknecht 17.12.09 10:13
Josef Lang, ich finde seine Kometare absolut daneben, mehr Zeit möchte ich zu dieser Person nicht aufbringen!!!!!!!!C. Christ 17.12.09 09:49
Ihr Linken könnt noch so lange eure Kommentare in diese ehrliche und volksverbundene Zeitung schreiben. WIR, die Nichtlinken werdet Ihr damit genauso wenig herumkriegen wie umgekehrt. Also gebt es auf. Ihr vergesst immer noch, dass ein Grossteil des Volkes nicht blöd ist!

heinz kost 17.12.09 09:05
was dabei herauskommt wenn man „links liberalen“ kräften mehr macht zugesteht hat man in der vergangenheit zur genüge gesehen, als historiker sollte man eigentlich zu besseren schlüssen kommen vor allem wenn man die vergangenheit analysiert

Bernhard Zueger 17.12.09 08:03
Wenn Menschen wie Josef Lang mich vertreten habe ich ein sehr sehr schlechtes Gefühl. Ich mag diesen Ultra-Linken nicht und kann seine Weltanschauung nicht teilen. Leute seines Schlages vertreten die bürgerliche Schweiz und rechtschaffene Leute, die sich redlich und mit Arbeit in der Privatwirtschaft durchsetzen und „am Leben erhalten“ müssen, keineswegs.

Liebe Herren Frischknecht, Christ, Kost, Züger, Gut, Köppel, Engeler: Ich hoffe ich tue Ihnen nicht Unrecht, wenn ich annehme, Sie seien keine Juden, keine Frauen, keine Muslime, seien nicht schwul, kriminell, drogenabhängig, arbeitslos oder psychisch krank. Zudem sind Sie wohl keine Ausländer, wohnen nicht in einem nicht-deutschsprechenden Teil der Schweiz; gehören generell keiner Minderheit an. Und nun kommt der schwere Teil: Stellen Sie sich mal vor, Sie gehörten einen Tag zu einer Minderheit Ihrer Wahl und würden von einer Mehrheit diktiert bekommen, was Sie dürfen bzw. nicht-dürfen. Und dann überlegen Sie sich: Fänden Sie dann ein System, in dem eine Mehrheit über ihre Minderheiten bestimmt, ein gutes System? Und was meint wohl Joe Lang mit dem anderen Bein?

P.S.: Der Kommentator Peter Fritz will von Joe Lang wissen, warum sich nur ein Bein (Rechte) dem anderen (Volkssouveränität) entgegenstellen darf. Und ich antworte an seiner Stelle: Weil »Rechte« niemandem Rechte wegnehmen, sondern sie garantieren, »Souveränität« das »andere Bein« aber nur betrifft, wenn es darum geht, jemanden in seinen Rechten zu diskriminieren.

P.P.S.: Auch eine Frau hat sich bei den Kommentaren zu Wort gemeldet. Wiederum eine argumentative Finesse, welche zur Weltwoche gut passt.

Karin-Maria Schäfer 17.12.09 13:57
Warum gab es in AI so lange kein Frauenstimmrecht? Ganz einfach, weil es die sehr selbstbewussten und wehrhaften Innerrhödlerinnen nicht brauchten, da die Meinung, welche der Mann auf dem Landsgemeindeplatz schlussendlich vertrat, zu Hause gemeinsam beschlossen wurde.
Ansonsten brauchen wir in unserer vernünftigen bürgerlichen Eidgenossenschaft weder Langs noch Schlegels, deren Fähnchen sehr gerne bei den Palästinensern, deren Freunden, den RAFs, und anderen linken Terroristen weht

Kategorien: Uncategorized
Mit Tag(s) versehen: , , , , , , , , , , , , ,

Das aktuelle Sorgenbarometer - nur ein Gedanke

Dezember 14, 2009 · 1 Kommentar

Wie immer versuche ich mich zu beschränken - und wie immer werde ich wohl scheitern, oder vielleicht für einmal nicht. Eben habe ich, krank im Bett, das Sorgenbarometer vom gfs resp. Claude Longchamp gelesen. (Man kann es hier als pdf runterladen.) Die Take-Aways:

  • Arbeitslosigkeit ist die Sorge aller Sorgen
  • Umweltschutz und Klimaerwärmung besorgen die Schweizerinnen und Schweizer kaum
  • während die eigene wirtschaftliche Situation als solide eingeschätzt wird, wird die allgemeine wirtschaftliche Situation als deutlich schlechter gesehen
  • Persönliche Sicherheit und Ausländerfragen gehören nicht zu den sechs wichtigsten Sorgen der Schweizerinnen und Schweizer.

Die Frage, die mich bei der Lektüre begleitet hat, betraf aber weniger die Materie als das Zustandekommen dieses Barometers. Haben die Leute dieselben Methoden verwendet wie beim Prognostizieren von Abstimmungsergebnissen? Können wir also das Sorgenbarometer lesen als den Ausdruck einer Umfragemethode, die eigentlich ausgedient hat, weil viele Leute nicht gefragt oder falsch gefragt werden?

Die Verfasser schreiben in diesem Kontext doch recht selbstgefällig:

Zu den weiteren Produkten der selbstreflexiven Berichterstattung ausserhalb der Massen- medien zählt im Speziellen die Umfrageforschung. Um es gleich vorwegzunehmen: Auch die Umfrageforschung ist objektiv-selektiv. Doch sie wählt anders aus: Sie vermittelt ein Bild der Befindlichkeit der Bürgerinnen und Bürger, egal ob sich diese in öffentlichen Meinungen ausdrückt oder nicht. Sie zeigt, wie sich Menschen verhalten, was sie denken, wie sie sich informieren und welche Schlüsse sie daraus in einer konkreten Situation zie- hen. So hergestellte Konstrukte des gesellschaftlichen Lebens sind für sich und im Idealfall kombiniert nebst der eigenen Erfahrung die wichtigste Referenz für die Politik, wenn sie allgemein verbindliche Entscheidungen trifft.

Zumindest interessieren würde mich, wo auf dieser Liste denn das Institut gfs auftauchen würde:

Dazu doch noch eine Bemerkung: Offenbar können die Schweizerinnen und Schweizer hinsichtlich Ihres Vertrauens gut zwischen National- und Ständerat unterscheiden, finden Gratiszeitungen glaubwürdiger als bezahlte Zeitungen und Arbeitgeberorganisationen deutlich vertrauenswürdiger als die staatliche Verwaltung. Wenn das mal nicht ein höchst rationales Vertrauen ist, das sich da zeigt…

Kategorien: Uncategorized
Mit Tag(s) versehen: , , , , ,

Nachtrag zum Tag der Menschenrechte

Dezember 11, 2009 · Hinterlasse einen Kommentar

In der NZZ wird der Club Helvétique unter die Lupe genommen:

Dazu zwei Anmerkungen:

  1. Der Schluss ist rührend: Ich stelle mir den armen Roger Köppel vor, wie er beim Central leicht fröstelnd Unterschriften für die Ausschaffungsinitiative sammelt und sich so auf die heiße Schoggi im Sprüngli freut…
  2. Toni Brunner spricht von einem Konflikt zwischen „Volks- und Menschenrechten“. Er präsentiert das Thema, als führe eine Stärkung der Menschenrechte zu einer Schwächung der Rechte der Menschen in der Schweiz. Tatsächlich besteht „das Volk“ erstaunlicherweise auch aus Menschen, die von Menschenrechten profitieren, sie aber niemandem mehr absprechen darf. Wer aber auf demokratischem Weg anderen Menschen Menschenrechte wegnehmen will, verdient es nicht, sich in der NZZ über Demokratie auszulassen - weil er offenbar nicht versteht, welche Gefahren ein „Volksabsolutismus“ mit sich bringt.

Kategorien: Uncategorized
Mit Tag(s) versehen: , , , , , ,

»deutscher Sex in Jeans« - Rolf Dieter Brinkmann

Dezember 10, 2009 · 1 Kommentar

In meinen Bestrebungen, einige Themen hinter mir zu lassen, lasse ich heute Rolf Dieter Brinkmann für mich bloggen. Das Gedicht kam in »Neil Young - The Way«, einem Kozert-Stück von Stefan Pucher im Theater am Neumarkt vor - und hat sich meiner Suche zunächst etwas widersetzt. (Wenn das Stück wieder aufgenommen wird: Hingehen.)

Ganz allgemein werden Gedichte zu wenig gelesen, und hier ist eines, das sich zu lesen lohnt. Warnung: Es ist aber lang.

Dieses Gedicht hat keinen Titel

Ich rede mit mir selbst, tanze, fluche, allein, da,
es ist Montag, es ist Dienstag, es ist Mittwoch usw.
Als ich erwachte, war der Tag schon voll Lärm,
und die Dinge wurden bewegt, schon lange vorher,

bevor ich noch richtig erwacht war. Meine
fluchende Verzweiflung, die ramponierte Kiste,
geht darin unter, das macht nichts. Das Frühstück
auf dem Tisch ist richtig, und erklärt nicht,

was schwierig ist und falsch. Was ist los?
Die Frage, wiederholt, ist ein mürrisches Lied.
Was ich jetzt brauchte, ist der zärtliche Flitter
der Leidenschaft, aber nicht das Flüstern und

Gehen auf Zehenspitzen. Sie alle gehen herum,
verkaufen, kaufen, schieben die Kisten.
Nun müßte ich positiv sein wie eine offene
Kasse, flatternd, wie ein weißes, frisches Hemd

auf der Leine, akrobatisch wie ein Busfahrer,
der durch den 5 Uhr Nachmittagsverkehr einen
leeren Bus steuert, der mir den stinkenden,
verschlissenen Kunstoffsitzen innen aussieht,

als sei er überfüllt. Ich müßte laut sein wie
eine Alarmsirene, idiotisch und verbindlich
wie ein Prinzip und glänzen wie ein neues,
silbriges Postfach, rollen wie ein Film und

die Premiere so nutzlos anstrengend wie
eine Erklärung, die nicht weitergeht, sicher
wie eine Lohnerhöhung, die so sicher ist wie
ein Beschiß. Doch ich schaff’s nicht, wie ein

Stepptänzer zu sein und ebenso traurig
melancholisch wie ein künstlicher Blitz
in der Kulisse, zu leuchten wie ein neuer
Haushaltsgegenstand, eingetragen beim Patent

Amt, ebenso bewußtlos und langweilig wie
deutscher Sex in Jeans. Ein kräftiges Herz
stampft urch den Tag. Es kann nur in der
Zivilisation herumgetragen werden, fortlaufen

kann es nicht. Und der Tag ist nicht so, als
hätte jemand eine Erklärung abgegeben und dabei
seinen faulen Zahn ausgespuckt, raschelnd wie harte
Blätter und Ketten, kein verrückter Mond im Baum,

über dem Baukran in einem brachliegenden Feld,
angestrahlt von einer Neonlichtröhre, deren Licht
das Unkraut grau macht morgens um halb fünf wie das
Bild vom Mond auf der Dachrinne, das dort hockt,

ein imaginärer Liebhaber der Fau, die ihren
Ehering morgens aus dem Küchenfenster wirft.
Ich müßte so ausgeliefert sein, sexlos und erledigt
wie eine Familie am Sonntag, häßlich und komplett

eingerichtet wie ein komplett eingerichtetes
Apartment und Blut, das in der Jägersprache Schweiß
heißt, verlassen wie ein Konto, das ins Minus schießt,
allein wie eine hohe Geschwindigkeit und heftig

wie der Durchzug duch eine leere Wohnung, so leer
wie eine Redensart, leerer als eine Wüste, die ein
zertrümmertes Klavier ist, zurückgelassen wie
ein verrostendes Bettgestell auf einem Trümer

Grundstück, das wartet, bis die Preise wieder höher
sind. Ich müsste langweilig sein wie ein neues
Schulbuch und öde wie Blutspucken und Magen
Schmerzen, kranchend wie eine Ein-Mann-Musikkapelle,

die auf der Straße wie ein ganzes Orchester spielt,
voll wie ein Besorgungszettel am Freitag, aufgestellt
wie ein Bretterzaun, zugenagelt und mürrisch wie
die Zukernranke an der Kasse des Lebensmittel

Geschäfts, die die Pfennige rausgibt, mißtrauisch
wie ein Guckloch in einer Etagentür mit einem Auge
dahinter, hemmungslos wie die Aufschriften Selbsttanken,
Kundendienst, so billig wie noch nie. Ich müßte verdreht

sein wie ein verdrehtes Einkaufsnetz aus Kunstoff,
irre wie ein ausradierter Presi in einem Buch, das
verschenkt wird, nachlässig und direkt wie ein Loch
im Strumpf einer ersten Tänzerin und so stur wie

ein Schlagstock, schrill wie eine Trillerpfeife
in der Turnstunde. Ich müßte so identifizierbar und
abgestempelt sein wie ein Paßfoto, mies wie ein Taxi
Fahrer, schick wie Scheiße im Mercedes, der einige Extra

Kurven macht, ausgerechnet wie ein Reformprogramm,
traurig wie ein feuchter Fleck in der Zimmertapete
und anspruchsvoll wie ein Wort, das sich selbständig
gemacht hat und im Kopf immer dieselben Runden zieht,

rücksichtslos und sausend wie ein Haartrockner, der
Föhn heißt, die Haare wehen, es ist ein imaginärer
leichter Sommertag und windbeget. Die Erinnerung
läßt die Jalousien runter. Im Innern des Zimmers

bin ich nackt und entzückt. Keiner ist verloren.
Aber jeder ist ein wenig stumm wie die Nummer im
Telefonbuch. Sind die Nummern, alphabetisch geordnet,
nicht wie ein endloser Blues? Ist das kein Blues,

wenn man feuchte, schwitzende Hände schüttelt?
Ist das kein Blues, wenn feuchte, schwitzende Hände
verstohlen an der überhängenden Tischdecke abgewischt
werden, ehe sie hingehalten werden? Ist die mechanische

Ansage der Uhrzeit vierundzwanzig Stunden lang
kein Blues? Ist das nächste Kinoprogramm, jede Woche
neu, kein Blues? Ist das kein Blues, die Anzeigen in
der Tageszeitung zu lesen? Und alle Spülmittel,

Ersatzteile, der bellende Köter im Nachbarhaus?
Du hörst ihn als einizges Geräusch zur Mittagszeit,
und plötzlich hörst du deinen eigenen Atem, zur
gleichen Zeit, als du das Geräusch eines Flugzeugs

hörst. Nun müßte ich blödsinnig sein wie eine Probe,
positiv, stark und unabweisbar wie ein von Straßen
Arbeitern aufgerissenen Loch mitten auf der Straße,
rot und weiß gestrichen wie eine Latte, grell wie

ein Reflex von Sonnenlicht auf einem Autoblech,
irrsinnig wie das Wort Kotflügel,
wüst wie das Manuscript für ein Drehbuch,
kalkuliert, arm, bemitleidenswert wie eines Gerichts

Verhandlung, verrückt wie die Phrase, das letzte
Wort ist noch nicht gesprochen, abstoßend wie ein
Bekenntnis und schäbig wie ein Bäcker, der zähe
klebrige Brötchen backt, alles das schaffe ich

nicht, kaputt zu sein wie ein kaputter Ofen,
auseinanderspringend wie eine Ohrfeige, klingend wie
eine Maulschelle, farbig wie eine farbige Sternkarte,
wo der Raum auseinanderreißt, brennt, Feuerbäume

stehen und herumwirbeln, krank wie ein bestrahlter
Pflanzengarten zur Verbesserung der westlichen Welt
hinter schweren Mauern, gedankenlos wie ein umgecknickter
Weltraum, rotierende Feuerschatten, leere Formeln auf

dem Linienpapier, oszillierend wie ein Kriminal
Psychologisches Gutachten, wiederholbar wie die
Ergebnisse der Meinungsforschungsinstitute.
Ich müßte kein Wort deutsch verstehen in der

Straßenbahn, in einem Wartesaal, in einem Kaufhaus,
auf der Straße, dunkel wie Hertie’s Kaufhaus abens
um 11 Uhr, das so dunkel ist wie eine Theaterkulisse
abends um 11 Uhr, in der Puppen in Lebensgröße

stehengeblieben und erstarrt sind abends um 11 Uhr
in der Innenstadt, wo es so gut beleuchtet ist
und dunkel wie eine Sackgasse, hingehauen wie ein
Vorort, der rumsteht. Ich müßte explodieren, wie ein

Benzintank, der die Böschung runterkippt, erstarrt
wie ein Herrenmodegeschäft, weiß wie ein ausgewaschener
neuer Kinderwagen, modern wie ein Slum, auffällig wie
ein lackroter Sturzhelm nachmittags im Verkehr,

aber ich schlendere meine eigenen Wege,
und nicht düster wie eine wörtliche Rede, ohne
Anführungszeichen unten, ohne Anführungsstriche
oben, nicht abreißbar wie ein Tageskalender,

ohne Entschuldigung wie ein Ausruf, ein Mißverständnis,
eine schiefe Übersetzung, gewöhnlich wie dieser Morgen.
Die Häuserwände sind da, die blutigen Kratzspuren
auf dem Händerücken, die Oberlippe, aufgerissen,

vernarbt, und die Narbe ist nur ein winziger Riß.
Das Ende eines Traums erschien mir einmal wie im Traum
eine Mineralwasserflasche, die geöffnet wird und
heraus schäumt Ich weiß nicht was. Den Traum warf ich

weg. Der Traum war zu Ende. Und das Alleinsein
ist lächerlich wie eine umgekippte Haushaltsdekoration,
die über Nacht in einem Schaufenster zusammengebrochen
ist. Und das Alleinsein ist lächerlich wie ein Foto

aus den Ferien, wo ein sommerlicher Schuh allein
auf der weiten Fläche eines leeren Strandes
liegt, an Land geworfen, umgekippt, wenn der Strand
schön und einfach leer geworden ist. Und der Schuh

scheint, als habe sich um ihn die ganze weite leere
Zeit konzentriert. Das ist nicht fürchterlich. Das
ist einfach nur’n Schuh. Und das Alleinsein ist,
wie es scheint, wie eine Reklamesendung, die

durchgelesen wird. Und das Alleinsein ist, wie
es scheint, ein solcher Morgen voller Lärm.
Und das Alleinsein in kein Muskelkater,
wenn man aufwacht. Und das Alleinsein ist

wie das Lächeln auf einem Forot, das in einem
Fotoautomaten gemacht worden ist, in dem man
hinter grauen Gardine auf einem Drehstuhl
sitzt und vier Mal für zwei Mark in den Fotoblitz

lächelt, und Alleinsein ist wie ein Kinderzahn,
der in einem Pappschächtelchen aufbewahrt wird zur
Erinnerung, wie ich einmal gesehen habe, sich
zu erinnern, sich für immer zu erinnern, für später.

Alleinsein ist wie Gas, das ausströmt. Alleinsein
ist wie mitten am Tag das Zimmerlicht anzuschalten.
Alleinsein ist wie im Badezimmerspiegel sein eigenes
Gesicht anzustarren. Alleinsein ist lächerlich wie

ein Vergleich. Und Alleinsein ist wie ein stinkendes
Motorrad im Hausflur. Und Alleinsein ist wie eine
überfüllte Mülltonne, in die nichts mehr reinpasst,
und Alleinsein ist nicht einmal wie eine Zwiebel,

die geschält wird und die Tränen kommen. Alleinsein
ist wie die Redewendung „aber wirklich.“
Alleinsein ist wie die Wut, wenn einer fragt, „vertehste?“

Und Alleinsein ist kein Gedicht, das keinen Titel hat.
Und Alleinsein ist wie die Frage, was tue ich Montag.[Quelle: Rolf Dieter Brinkmann. Westwärts 1&2. Gedichte. Rowohlt. S. 250ff.]

Kategorien: Uncategorized
Mit Tag(s) versehen: , , , , , ,

Zwei Konzepte - und eine Prognose zur Wahl 2010

Dezember 7, 2009 · 2 Kommentare

Die Diskussion vor und nach der Annahme der Minarettinitiative werde ich wohl so schnell nicht vergessen; deshalb muss ich dazu noch einen halben Post machen, um dann einen Schritt weitergehen zu können.

Darin soll es um zwei Prinzipien gehen.

1. Die Konstruktion einer Bedrohung / eines Feindbildes, das zur Ablenkung von den wesentlichen Problemen führt.
Das Prinzip wurde während des Kalten Krieges in der Schweiz erfolgreich von den bürgerlichen und rechten Parteien angewandt: Der Kommunismus wurde zu einer Bedrohung hochstilisiert, welche rechtfertigte, dass man alle, welche damit irgendwie in Verbindung zu bringen waren, bespitzelte, fichierte und benachteiligte. Die Bedrohung war dabei weder existent noch wirklich spürbar; lenkte aber den Fokus weg von den Anliegen der dadurch betroffenen Personen: Die Schweiz zu einem gerechteren, lebenswerteren Land zu machen.
Der Kommunismus wurde nach einer Übergangsphase, in der die USA diese Rolle partiell übernehmen konnten, nun durch den Islam ersetzt. Die Prinzipien sind die gleichen: Keine Bedrohung erkennbar, aber eine massive Bedrohung wird - im Versteckten - vermutet. Die Ablenkungswirkung ist wiederum optimal vorhanden: Liegt das Problem bei der Religion von einigen Ausländern (oder bei den Ausländern selbst), muss man nicht über Integrationspolitik, Ghettoisierung und die unwürdigen Arbeitsbedingungen viele Ausländerinnen und Ausländer sprechen.
Augenfällig wird die Parallele bei der rechtsbürgerlichen Parole (in geradezu beängstigend-hirnloser Weise von Primin Schwaller geäußert), Andersdenkende könnten bzw. eher sollten das Land doch verlassen, wenn es ihnen nicht mehr passe. Was beim Kommunismus die sozialistische Pointe hatte, dass es tatsächlich Länder mit real existierndem Sozialismus gab, die zufälligerweise auch Diktaturen waren - welche beim Islam jedoch eher umgekehrt funktioniert: Wenn jemand auswandern sollte, dann diejenigen, welche aus der Schweiz ein intolerantes, ausländerfeindliches Land machen wollen (davon gibt es nämlich einige), nicht die, welche die Tradition der Toleranz und Aufgeschlossenheit aufrecht erhalten wollen.

2. Murphy’s Law: Wenn ich auf etwas achte, dann scheint es auch ein Problem zu sein.
Murphy’s Law erklärt die alte Frau in der Post, welche sämtliche Markensujets durchprobieren will, die Tatsache, dass es gerade für mich kein ganzes Abteil mehr frei hat in der S-Bahn und auch die Länge der Schlange, wenn ich mal schnell etwas posten sollte im Coop. Erklärung: All die Fälle, bei denen alles so klappt, wie ich es mir wünsche, fallen mir nicht auf.
Politische Funktion von Murphy’s Law: Ich kann ein Thema benennen, genügend damit provozieren und ihm eine gewisse Prominenz in den Medien verschaffen - und plötzlich denken alle, das Thema sei wirklich wichtig; weil es ihnen überall auffällt.

Damit wären wir bei der Prognose: Die SVP setzt das Wahlkampfthema »Ausländer« (genauer wohl: »Ausländer raus«). Natürlich treffen wir im Alltag auf Ausländer, un die Wahrscheinlichkeit, dass es sich beim nächsten Ausländer, den ich treffe, um ein ausgemachtes Arschloch handelt, ist 50% - so hoch ist sie nämlich bei jedem Menschen, den ich als nächsten treffe, und es hat nichts mit der Nationalität der Person zu tun. Aber sobald ich in diesen Kategorien zu denken beginne (die SVP könnte auch »Männer« zum Thema machen, oder »Rothaarige«, oder »Großgewachsene« - denn all diese Gruppen nehmen uns auch die Arbeitsplätze weg, halten sich nicht an die Regeln etc.), finde ich ein Muster; unabhängig davon, ob mir davon vorher schon je was aufgefallen ist. Die Prognose ist nun die: Die anderen Parteien werden das Thema aufnehmen, es halbpatzig angehen und ihm so zu einer medialen Präsenz verhelfen, welche direkt dazu zu führt, dass sie die Wahlen 2010 ebenso verlieren wie die der letzten Jahre.

Das Rezept kann nicht die Besetzung dieser Themen sein - sondern das Aufbauen eigener Themen, welche wichtig sind; und sich ebensogut verkaufen lassen. Hier ein paar Kandidaten für sinnvolle Themen der Wahl 2010:

  • Steuergerechtigkeit
  • Verhinderung monetärer Einflussnahme auf politische Prozesse (Stichwort: Demokratie) - Parteienfinanzierung, politische Werbung
  • Aufbau einer glaubwürdigen, nachhaltigen Außenpolitik der Schweiz
  • allgemein: Lebensqualität
  • Verteilung des Wohnraumes
  • bessere Arbeitsbedingungen: z.B. Arbeitszeitreduktion
  • online Staat: Verwaltung weit gehend digitalisieren, ohne zusätzliche Daten zu erfassen
  • gleiche Bildungschancen für alle
  • eine Vision für eine moderne »Familienpolitik«, in deren Zentrum nicht eine imaginäre Familie mit reaktionären Geschlechterrollen steht; sondern in der alle Formen von Identitäten, Beziehungen, Verwandtschaftsformen ihren Platz und ihre Berechtigung haben; in denen Rechte und Pflichten von Erziehenden, Betreuenden, Kindern, PartnerInnen in einem sinnvollen, modernen Rahmen verhandelbar sind (das müsste dann sinnvoll kommuniziert werden können)
  • und es gibt sicher weitere Vorschläge in den Kommentaren.

Nur, liebe Bundesratsparteien, liebe Grüne, liebe Grünliberale (von der EVP, welche Herrn Stocker wählen half, will ich nicht sprechen) - setzt eure eigenen Themen und lasst euch nicht ein Thema setzen

Kategorien: Uncategorized
Mit Tag(s) versehen: , , , , , , , , , , , ,