»Lässliche Sünden«

In einer Rezension von Eva Menasses neuem Erzählband, Lässliche Todsünden, heißt es heute in der NZZ:

Damit bestätigen Menasses Texte Beobachtungen des deutschen Soziologen Gerhard Schulze, dem in «Die Sünde» (2006) die Lehre von der Abtötung des Fleisches im Dienste des Seelenheils als Kontrastmittel diente, um den westlichen Lebensstil kenntlich zu machen, und der veränderte Bezugspunkte konstatierte: Heute sündigt man nicht mehr gegen Gott, sondern gegen die anderen oder sich selbst.

Das ist ein interessanter Ausgangspunkt. Schon nur die Frage, was denn eine »lässliche Sünde« sei, gibt einiges her. Im Katechismus der Katholischen Kirche heißt es:

Die Sünden sind nach ihrer Schwere zu beurteilen. Die schon in der Schrift erkennbare [Vgl. 1 Joh 6,16-17] Unterscheidung zwischen Todsünde und läßlicher Sünde wurde von der Überlieferung der Kirche übernommen. Die Erfahrung der Menschen bestätigt sie.

Die Todsünde zerstört die Liebe im Herzen des Menschen durch einen schweren Verstoß gegen das Gesetz Gottes. In ihr wendet sich der Mensch von Gott, seinem letzten Ziel und seiner Seligkeit, ab und zieht ihm ein minderes Gut vor.

Die läßliche Sünde läßt die Liebe bestehen, verstößt aber gegen sie und verletzt sie. […]

Eine läßliche Sünde begeht, wer in einer nicht schwerwiegenden Materie eine Vorschrift des Sittengesetzes verletzt oder das Sittengesetz zwar in einer schwerwiegenden Materie, aber ohne volle Kenntnis oder volle Zustimmung übertritt.

Die Definition der schwerwiegenden Sünde (Verstoß gegen 10 Gebote), also der Todsünde, formuliert sehr schön den Zusammenhang zwischen einem Verstoß gegen »das Gesetz Gottes« und der Wirkung, der Zerstörung der »Liebe im Herzen des Menschen«. Während der Theorie von Schulze zu sagen scheint, dass man in der Moderne nicht mehr gegen Gottes Gesetz verstoßen könne, sondern nur noch gegen individuelle oder soziale Normen, also immer noch die »Liebe im Herzen« – entweder bei sich selber oder bei anderen – zerstören könne, unterläuft Manesses Titel den Zusammenhang zwischen der Art des Verstoßes und der Schwere des Vertoßes: Und Todsünden werden läßlich.

Das der interessante Befund. Dazu zwei Bemerkungen:

  1. »Die Erfahrung der Menschen«, so der Katechismus, bestätige die Unterscheidung der Sünden. Und ja – das ist auch ohne Glauben noch so. Sünden, die man vergeben kann, für die man sich entschuldigen kann – sind lässlich. Alle anderen nicht. Und wie ich an dieser Stelle immer wieder betont habe, lässt sich eine Gesellschaft an den Verfahren beurteilen, die sie Umgang mit nicht-lässlichen Sünden entwickelt hat und praktiziert.
  2. Der individuelle oder soziale Bezugrahmen ist für die Beurteilung von Sünden deshalb problematisch, weil er a) zu klein gehalten ist und b) die Natur nicht berücksichtigt. Mit dem Auto anstatt mit dem öffentlichen Verkehr zu fahren scheint wenn überhaupt eine Sünde eine läßliche zu sein. Man verletzt weder sich selber noch einen anderen Menschen – verbraucht aber unnötig Ressourcen und schädigt die Umwelt irreversibel; ohne deswegen moralisch belangt werden zu können (oder sich selber zu belangen).
    Auch die Auslagerung von Armut und Zwangsarbeit und whatnot in Entwicklungsländer erfüllt nicht den Tatbestand einer Sünde: Weil man davon gar nichts mitbekommt und diese Menschen nicht in einem sozialen Bezugsrahmen stehen, dem wir uns verpflichtet fühlen.

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